Einmalig in Hamm

Aktivstall „HerzensGut“ versorgt Pferde nach ihren individuellen Bedürfnissen

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Vom Kraftfutterautomaten in den Liegebereich oder zur Tränke müssen die Pferde Wege zurücklegen.
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Herdenverband statt Einzelhaft: In Hamm versorgt der Aktivstall „HerzensGut“ Pferde nach ihren individuellen Bedürfnissen. Ein Besuch.

Hamm – Box reiht sich an Box, im Stalltrakt stehen die Pferde in engen „Einzelzellen“ und warten geduldig darauf, dass ihre Besitzer sie einmal am Tag herausholen: Denkt man an einen Pferdestall, hat man oft genau diese inzwischen größtenteils veraltete Haltungsform im Sinn. Als erster Pferdestall in Hamm bietet das „HerzensGut“ seinen Tieren einen weitläufigen Bewegungsstall im Herdenverbund mit mehreren funktionalen und elektronisch gesteuerten Stationen.

2017 gründeten Henning und Maike Gahr den Aktivstall an der Alten Freisker Straße 14. Auf dem in die Jahre gekommenen landwirtschaftlichen Betriebsgelände, der als Kornlager und Rinderstall diente, bauten sie ihre heutige Anlage. Dafür waren umfassende Restaurierungsarbeiten nötig, denn die Gebäude waren in den Jahren ihres Leerstands Vandalen und Brandstiftern zum Opfer gefallen. „Wir haben alle Flächen begradigt, die Unterstände und Scheunen wieder aufgebaut und Kunstrasen verlegt, den einige Fußballvereine nicht mehr brauchten“, sagt Landwirtschaftsmeister Henning Gahr.

Als erstes eingezogen ist damals eine Gruppe von Wallachen, also kastrierte männliche Pferde. 2018 folgte die Stutengruppe. Heute hat der Aktivstall insgesamt 30 Einstellerpferde im Alter zwischen vier und 31 Jahren, die in nach Geschlecht getrennten Herden leben.

Heu nach Belieben: Sechs mal am Tag öffnet sich die Raufe für die Pferde am Aktivstall in Freiske.

Elektronisch betriebene Futterautomaten

Herzstück der Anlage sind die elektronisch betriebenen Kraft- und Raufutterautomaten. Sechs Mal am Tag öffnen sich die Raufen. Sie sind mit einer Zeitschaltuhr ausgestattet und bis zum Anschlag mit Heu gefüllt.

Während Pferde in früheren Zeiten nur ein bis zwei Mal am Tag mit Raufutter wie Heu versorgt wurden, haben wissenschaftliche Erkenntnisse heute ergeben, dass eine engmaschige Fütterung den eigentlichen Bedürfnissen der Pferde viel besser entspricht. Denn nach rund vier Stunden ohne Raufutter bilden Pferde zu viel Magensäure aus. Das kann auf Dauer zu Problemen wie Entzündungen der Magenschleimhaut oder Magengeschwüren führen. Viele weitere Ställe folgen heute der gesünderen, engmaschigen Fütterung.

Um den Hals trägt jedes Pferd am „HerzensGut“ einen Transponder, über den Informationen wie Name, Rasse, Alter und Futter in einem Computer hinterlegt sind. Wird der Transponder vom Kraftfutterautomaten gescannt, öffnet sich die Tür und das Pferd darf eintreten. In einer ausfahrbaren Schale bekommt es sein individuelles Kraftfutter wie spezielle Müslisorten, Hafer oder Mineralfutter serviert. Je nach Größe und Fütterungszustand des Pferdes wird das Futter über den Tag verteilt auf bis zu 20 Portionen gestreckt.

Abgefüttert: Ist die Schale leer, verlassen die Pferde eigenständig den Kraftfutterautomaten.

Krankheiten schnell erkannt und behandelt

Wird ein Transponder von den Stationen einmal nicht gescannt, wird im Coumputer ein Warnsignal hinterlegt, das den Stallbetreibern übermittelt wird. So können Krankheiten schnell erkannt und behandelt werden. Für Pferde, die im Herdenverband zu wenig Futter abbekommen oder langsamer fressen, gibt es Extra-Zeiten, zu denen sie gesondert an das Heu dürfen.

„Der Tagesablauf unserer Herden folgt einem immer wieder kehrenden Rhythmus. Erst versammelt sich die Gruppe an der Heuraufe. Danach steht jedes Pferd für sein Kraftfutter an. Im Anschluss wird getrunken und ein Nickerchen gehalten“, erklärt Henning Gahr. Um von der einen zur nächsten Station zu kommen, müssen die Pferde immer wieder Wege zurücklegen, wie es auch in der freien Wildbahn zwischen Futtersuche und Wasserstelle der Fall wäre. Das sorgt dafür, dass die Pferde etwas zu tun haben und in Bewegung bleiben. Pro Tag legen sie rund sechs bis acht Kilometer zurück. So wird ihnen nicht langweilig. Von Mai bis Oktober dürfen die Pferde außerdem auf die an das Gelände angeschlossenen Wiesen.

Ruhe der Pferde fällt direkt ins Auge

Betritt man das weitläufige Außengelände, ist die Ruhe der Pferde das, was direkt ins Auge fällt. Zufrieden dösend stehen sie in ihrem großzügigen, mit Stroh ausgelegten Schlafbereich oder freiwillig im strömenden Regen. Seinen Vorlieben kann jedes Pferd individuell folgen, denn sie entscheiden selbst, ob sie rein- oder rausgehen möchten. Auch die Rangordnung im Herdenverband ist klar definiert und wird von den Pferden durch körpersprachliche Aspekte wie das Ohrenanlegen oder das Schlagen mit dem Kopf mitgeteilt. Bricht doch einmal ein Streit vom Zaun, können die Pferde sich auf dem Gelände aus dem Weg gehen.

Auf die Idee zum Aktivstall kamen Maike und Henning Gahr durch ihre eigenen Pferde, die sich in der Boxen-Haltung im Winter regelmäßig langweilten. „Wir möchten durch die Automatisierung in erster Linie die Grundbedürfnisse der Pferde erfüllen, wie Futter, Bewegung, Abwechslung und den Kontakt zu Artgenossen“, sagt Pferdewirtschaftsmeisterin Maike Gahr. Gerade für alte Pferde, die Probleme mit Arthrose oder der Lunge haben, sei viel Bewegung an der frischen Luft wichtig. „Natürlich gibt es auch Pferde, die mit dieser Haltungsform nicht zurechtkommen“, so Gahr weiter. Beispielsweise, wenn Wallache noch zu viele Hengstmanieren zeigen und Zaun an Zaun mit Stuten stehen müssen. Dann könne es mitunter schwierig werden. Ihre Devise sei jedoch, den Pferden erst einmal Zeit zu geben, anzukommen und sich zu akklimatisieren. So würden sich anfängliche Unsicherheiten bei Mensch und Pferd meist von allein erledigen.

Unterstützt werden die Gahrs bei ihrer Arbeit von der Auszubildenden zur Pferdewirtin, Nora Blum.

Besitzer sollen Zeit mit Pferden genießen

„Auch die Besitzer sollen die Möglichkeit bekommen, wichtige gemeinsame Zeit mit ihren Vierbeinern zu genießen, ohne bei der Stallarbeit selbst Hand anlegen zu müssen“, sagt Gahr. Auf einem Reitplatz, dessen Boden aus Textilhäckseln besteht, in einem Roundpen – einem runden Areal für das Laufen an der Longe (einer langen Leine) oder bei der Freiarbeit – und in einer Reithalle können die Besitzer ihre Pferde trainieren. Eine zweite Reithalle auf dem Gelände befindet sich derzeit noch im Bau. An sie soll in Zukunft noch eine dritte Pferdegruppe angeschlossen werden.

Doch die Herausforderungen für Stallbetreiber in Deutschland sind groß. Steigende Kosten von Düngemitteln, Futter, Diesel und Lohn der Mitarbeiter machen es Ställen zunehmend schwerer, in der heutigen Zeit zu bestehen. Sollten die angekündigten Streichungen der Subventionen und die geplanten Änderungen im Steuerrecht für Landwirte tatsächlich zur Realität werden, müssten auch Gahrs daraus Konsequenzen ziehen. „Das möchten wir in jedem Fall vermeiden, denn unsere Stallmiete soll für die Einsteller auch weiterhin bezahlbar bleiben“, sagt Maike Gahr.

Im Spätsommer sorgte ein Pferde-Skandal in Hamm für Schlagzeilen. 28 Pferde waren damals in einem Zuchtbetrieb total verwahrlost entdeckt und in Sicherheit gebracht worden.

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