Viele Angebote in Hamm

„Ich habe mich getraut“: So gelingt der Ausweg aus der Einsamkeit im Alter

+
Odilia Kempermann lebt alleine in ihrem Haus. Einsam fühlt sie sich aber nicht – weil sie selbst die Initiative ergriffen hat und nun Angebote wahrnimmt, die für alle da sind.
  • schließen

Und plötzlich ist man ziemlich allein: Auch in Hamm leben viele Senioren isoliert, ohne Familie oder enge Freunde. Wie kommt man aus dieser Einsamkeit heraus?

Hamm – „Man darf nicht zu Hause hocken und darauf warten, dass einem was zugeflogen kommt. Man muss sich ein Stück weit öffnen und Eigeninitiative zeigen, dann wird das Leben auch wieder lebenswert.“ Das sagt Odilia Kempermann. Die 77-Jährige lebt alleine in ihrem Haus, sitzt gerne in ihrem Lieblingssessel im Wohnzimmer und schaut raus in den Garten. Seit 20 Jahren kommt täglich ein Pflegedienst zu ihr, eine andere Organisation hilft im Haushalt.

„Ich habe mich getraut“: So gelingt der Ausweg aus der Einsamkeit im Alter

Odilia Kempermann hatte einen Schlaganfall und eine Krebserkrankung. Durch ein Nervengift, das bei der Chemotherapie eingesetzt wurde, erlitt sie eine Lähmung in den Beinen. Jetzt läuft sie nur noch wenig, weil unter anderem das Gleichgewicht fehlt. Ihr Mann ist an Demenz erkrankt und mittlerweile schon seit vielen Jahren im Heim. Davor hat sie ihn zu Hause gepflegt.

„Als mein Mann dann im Heim war, hatte ich auf einmal wieder Zeit und Freiheit und habe gemerkt, wie einsam ich geworden war und dass ich gar nicht richtig gelebt habe.“ Es sei eine schwere Zeit für sie gewesen, mit dieser großen Umstellung und dem Verlust der Bindung klarzukommen. Sie hat zwar auch drei Kinder und drei Enkel, aber die meisten wohnen weit weg. Eine Tochter und eine Enkelin wohnen auch in Hamm, „die kümmern sich auch alle, aber sie haben viel zu tun und sind froh, dass ich mich selbst kümmere“, so Kempermann. Einsam ist sie aber keineswegs mehr, sie hat ihr Leben ihren Einschränkungen angepasst und genießt es mittlerweile in vollen Zügen.

„Kann machen, was ich will“

„Ich bin von niemandem abhängig und kann machen, was ich will“, zeigt sie ihre positive Einstellung. Im Zuge ihrer Erkrankung erhielt sie einen Schwerbehinderten-Schein und trat mit der Stadt Hamm in Kontakt, um Beratung bezüglich ihrer finanziellen Situation zu erhalten. Hier geriet sie an Jill Wiesinger von der Fachstelle „Leben im Alter“. Sie vermittelte unter anderem Hilfe bei der Organisation eines Pflegedienstes, aber machte auch auf andere Angebote aufmerksam. So nimmt Kempermann mittlerweile am sogenannten Besuchsdienst teil und trifft sich jeden Montag mit einer Ehrenamtlichen. Sie gehen zusammen Eis essen, shoppen oder einfach nur spazieren.

„Das ist was ganz Tolles, das macht mir sehr viel Spaß“, sagt Kempermann. Um zu solchen Aktivitäten zu gelangen, nutzt sie oft einen Fahrdienst für Schwerbehinderte der Stadt, der sie dann günstig von A nach B bringt. In ein normales Taxi passt ihr Rollstuhl nicht hinein und das würde auf Dauer zu teuer werden. Um an noch mehr Angeboten teilzunehmen, hat sie teilweise gar nicht mehr die Zeit, denn auch andere soziale Kontakte pflegt sie noch. „Ich telefoniere viel, aber habe mich auch getraut, neue Leute kennenzulernen. Ich verliere ja nichts, wenn ich ein bisschen aus mir rauskomme. Man kann immer etwas an seiner Situation verändern, wenn man einsam ist.“

Erste Schritte aus der Isolation

Mit dieser Einstellung versucht die 77-Jährige andere zu inspirieren. Schließlich traut sich längst nicht jeder diesen ersten Schritt aus der Isolation zu. Viele Gleichgesinnte gestehen sich nicht mal ein, dass sie einsam sind. Dabei gibt es Abhilfe, nämlich reichlich Angebote unterschiedlichster Art in den Hammer Bezirken.

„Wir haben hier tatsächlich eine Angebotspalette, die mit keiner anderen Stadt im Umfeld vergleichbar ist – und da sind wir auch wirklich sehr stolz drauf“, sagt Andreas Pieper, Sachgebietsleiter der Fachstelle „Leben im Alter“. Die Fachstelle arbeitet mit der altersgerechten Quartiersentwicklung zusammen. In jedem Bezirk gibt es eine oder mehrere Quartiersentwicklerinnen mit jeweils einer Partnerin der Fachstelle. Gemeinsam wird eine breite Palette an Aktivitäten angeboten, ein Kaffee-und-Kuchen-Treff, ein Spieletreff, ein Männerstammtisch, eine Handy-Sprechstunde, ein Sing-Nachmittag oder auch gemeinsamer Sport.

Auch Tagesausflüge in den Tierpark, in ein Freilichtmuseum oder an den Möhnesee werden regelmäßig organisiert. Die Nachfrage sei groß, so Jill Wiesinger von der Fachstelle „Leben im Alter“. Sie sagt: „Häufig hat das Thema Einsamkeit leider auch damit zu tun, ob man es sich finanziell leisten kann, am Sozialleben teilzunehmen.“ Deshalb sind die meisten Angebote der Stadt kostenlos oder nur mit einem kleinen Preis verbunden.

Unterschiedliche Ursachen

Gründe für Einsamkeit gibt es viele: der Verlust des Partners, keine Familie oder Angehörige, die weit weg wohnen, Altersarmut oder eine Krankheit, durch die man nicht mehr mobil ist, sind nur einige. Die Folgen können emotionale Belastung, Abschottung und Altersdepression sein. „Einsamkeit ist etwas, was auf jeden Fall krank macht. Wir können natürlich keine Familie ersetzen, aber wir können zumindest mal ein offenes Ohr und neue Kontakte bieten“, sagt Thordis Ohnrich.

Wer nicht mehr mobil genug ist, um an solchen Angeboten teilzunehmen, kann wie Odilia Kempermann am Besuchsdienst teilnehmen und sich privat mit einem Ehrenamtlichen treffen. Da seien die Vorlieben sowieso bei jedem anders, erzählt Thordis Ohnrich vom Quartier Hamm-Mitte: „Manche machen alle Angebote mit und fühlen sich trotzdem noch einsam und manche brauchen das gar nicht, weil sie noch ein großes soziales Umfeld haben.“

Um auch die „Unerreichbaren zu erreichen“ schreibt die Stadt alle 75-Jährigen mit Infos zu den Angeboten an. Das Spektrum an Menschen, die teilnehmen, ist breit. Aus allen gesellschaftlichen Gruppen und Altersklassen sind Menschen dabei. So ist die jüngste Teilnehmerin 55 Jahre alt, die Älteste über 90. Besonders Männer seien oft schwerer zu erreichen als Frauen, an speziellen Angeboten wird hier noch gearbeitet. „Einen gewissen Funken Eigenwilligen braucht aber jeder. Jemanden aus seiner Wohnung zu zerren, das funktioniert nicht“, betont Ohnrich.

Hamm ist eine ungewöhnliche Großstadt - was die Haushaltsgröße angeht. 29.000 Menschen wohnen allein in einer Wohnung. Klingt viel, ist aber vergleichsweise wenig.

Kommentare