Hohe Belastung

Aufnahmestopps: Kinderärzte in Hamm schlagen Alarm - Kollabiert bald das ganze System?

+
Besorgte Kinderärzte: Hendrik Staender (von links), Michaela Gunnemann und Dr. Stefan Reus.
  • schließen

Lange Wartezeiten in den Kinderarzt-Praxen gehören für viele Eltern und ihre Kinder zum Alltag. Doch inzwischen finden viele Eltern in Hamm gar keine Praxis mehr, die sie aufnimmt. Die Kinderärzte warnen vor Versorgungsengpässen.

Hamm – Die Hammer Kinderärzte schlagen Alarm. Immer weniger Mediziner behandeln immer mehr Kinder, sagen Michaela Gunneman, Dr. Stefan Reus und Hendrik Staender vom Kinderärzte-Netzwerk „Päd Regio“. In den meisten Praxen gebe es bereits einen Aufnahmestopp. Wenn nicht gegengesteuert werde, sehen sie in nicht allzuferner Zukunft einen Kollaps des gesamten Versorgungssystems.

Das Düsseldorfer Gesundheitsministerium und die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) hatten jüngst noch ein ganz anderes Bild der Lage vermittelt. Hamm sei in Sachen Kindermedizin überversorgt. 13 Praxen und eine 114,8-prozentige Auslastung stehen auf der Liste der KVWL. Weitere Niederlassungsmöglichkeiten bestünden für Hamm aufgrund der Vollversorgung nicht.

Zwei Kinderarztpraxen sind geschlossen

Die Hammer Kinderärzte sehen das anders. Ein Sitz entfalle auf das Evangelische Krankenhaus (EVK), sagte Staender. Und zwei weitere seien derzeit vakant. Die Schließung der beiden Praxen im Oktober und Dezember hätten sie zu spüren bekommen, betonen alle drei Mediziner. Schließlich suchten die betroffenen Eltern nun neue Kinderärzte.

In vielen Fällen bleibt die Suche vergeblich. Gunnemann berichtet von „herzzerreißenden Telefonaten“, die ihre Mitarbeiterinnen mit Eltern auf Praxissuche führen müssen. Aber sie sieht ihre Kapazitäten mehr als ausgereizt und hat einen Aufnahmestopp verhängt. Nur für Säuglinge macht sie eine Ausnahme. Staender zieht die Grenze bei sechs Jahren. Die unversorgten Eltern kämen nun umso öfter mit ihren Kindern in die Notfallsprechstunde, die die KVWL am EVK anbietet.

Mehr Patienten pro Praxis

Um gut 25 Prozent sei ihre Patientenzahl gestiegen, seit sie die Praxis in Westtünnen 2019 übernommen habe, sagt Gunnemann. Staender hatte ursprünglich 3 000 Patienten, jetzt ist er bei 4 000. Und für Reus ging es von 4 000 auf 5 000 Patienten rauf.

Die von der KVWL zugrundegelegten Zahlen stammen den Hammer Ärzten zufolge von 1992/93. Doch damals sei das Aufgabenspektrum in der Kindermedizin deutlich geringer gewesen, sagt Gunnemann. ADHS und Sport-Atteste habe es damals nicht gegeben, Vorsorgeuntersuchungen und chronische Erkrankungen seien kein großes Thema gewesen. Heute gebe es einen deutlich größeren Beratungs- und Bescheinigungsbedarf.

Bevölkerungsstruktur verändert sich

Dazu kommt eine sich verändernde Bevölkerung in Hamm: Staender versorgt in seiner Heessener Praxis viele Kinder aus der Ukraine und arabischen Ländern. Die Sprachprobleme seien ein zusätzliches Problem bei der Behandlung, sagt er. Auch der Hausärzte-Mangel sei ein Problem: Einen 17-Jährigen mit chronischem Leiden bekomme er nicht mehr so einfach an einen Allgemeinmediziner vermittelt.

Dem steigenden Aufwand stehe eine tendenziell immer älter werdende Ärzteschaft gegenüber, sagt Reus. Ein nennenswerter Teil der Hammer Kollegen erreiche in den kommenden Jahren das Ruhestandsalter. Dann gehe es nicht nur um die Frage, wie lange sie ihre Praxis noch weiterführen wollen. Mit 65 sind Mediziner bei der KVWL vom Notdienst befreit – der lastet dann auf den wenigen Jüngeren. „Bin ich irgendwann die einzige, die hier noch Notdienste machen kann?“, fragt sich Gunnemann.

Kein schnell wirkendes Rezept gegen den Nachwuchsmangel

Ein schnell wirkendes Rezept gegen den drohenden Notstand hat auch Päd Regio nicht. Kinderärzte auszubilden dauert mit Studium gut 15 Jahre, sagt Reus. Und wer die Facharztausbildung abschließe, habe aktuell auch an Kliniken gute Chancen. Ein kürzlich eingeführtes Pflichtpraktikum angehender Ärzte in den niedergelassenen Praxen findet Reus gut; vielleicht komme der eine oder andere ja auf den Geschmack.

Immerhin, sagt Staender, weniger Bürokratie, einfachere Abrechnungen und konstante Rechtsvorschriften würden schon helfen, den Alltag in den Praxen einfacher zu gestalten.

Kommentare