- VonJörg Beuningschließen
Der neue Bahnhaltepunkt und die dazugehörigen Bauarbeiten sind seit Wochen ein großes Gesprächsthema in Westtünnen - besonders betroffen sind die Inhaber der Geschäfte an der Von-Thünen-Straße.
Westtünnen – Während am Bahnsteig selbst die meisten Arbeiten abgeschlossen sind, beeinträchtigen die Straßenbaumaßnahmen auf beiden Seiten der Strecke den Verkehr und damit den Alltag der Westtünner Bürger. Besonders betroffen sind die drei für die Westtünner Infrastruktur bedeutenden Geschäfte an der Von-Thünen-Straße. Deren Betreiber macht aber nicht nur die aktuelle Baustelle vor der Tür zu schaffen, sie sehen auch die geplagte Verlegung der Bushaltestelle sehr kritisch.
Die Baustelle
„Das geht an die Substanz“, nimmt Jennifer Liebig, Inhaberin des Tintenfaß mit Poststelle, kein Blatt vor den Mund. Seit Herbst vergangenen Jahres seien die Umsätze stark zurückgegangen, weil ihr Geschäft durch die Bauarbeiten nur mit Hindernissen zu erreichen sei. Parkmöglichkeiten in Geschäftsnähe gebe es seitdem im Grunde gar nicht mehr. Sie frage sich, warum diese Maßnahme ausgerechnet in die Winterzeit gelegt wurde. Zum einen sei ihr Weihnachtsgeschäft dadurch schlechter gelaufen, zum anderen ziehe die Witterung die Maßnahme gefühlt endlos in die Länge. „Das ist für ein kleines Unternehmen wie meins, alles andere als einfach“, so Liebig.
Ursprünglich sollte der Bürgersteig vor den Geschäften bis Weihnachten wieder gepflastert sein. Die Witterung spielte nicht mit, so dass ab jetzt noch rund drei bis vier Wochen Bauzeit dafür benötigt werden, wie Stadtsprecher Tom Herberg auf Anfrage mitteilte. Das nasse Wetter habe den Untergrund so instabil werden lassen, dass es Zeit brauche, bis ein vernünftiges Fundament geschaffen werden könne, heißt es aus dem Rathaus.
Kritik am Zeitmanagement
Auch Katharina Pudwell, Betreiberin des Tünner Grills, stellt das Zeitmanagement in Frage. „Im Moment dreht sich sich alles um den Bau des Kreisverkehres, bei uns vor der Tür arbeitet niemand“, schildert sie ihre Beobachtungen und fragt sich: „Warum wurde mit Beginn der Arbeiten direkt bei uns zugemacht? Das hätte auch später erfolgen können.“
Besonders von Osten kommend seien die Geschäfte mit dem Auto nicht zu erreichen. Sie berichtet von rund 60 Prozent Einbußen seit der Baustelle. Es kämen einfach weniger Leute in ihren Imbiss, immerhin habe sie den Lieferservice, erklärt sie. Philipp Dördelmann, Geschäftsführer der Bäckerei, die in direkter Nachbarschaft zum Tünner Grill eine Filiale betreibt, hat mit Einrichten der Baustelle bereits reagiert und die Öffnungszeiten auf den Vormittag beschränkt. „Das ändern wir wieder, sobald die Baustelle beendet ist“, kündigt er an.
Fertigstellung erst im Herbst
Mit Abschluss der Arbeiten vor den Geschäften wird die Baustelle übrigens auf die andere Straßenseite wandern. Der Kreisverkehr wird dann weiter gebaut. Hier rechnet die Stadt damit, dass dieser im Herbst 2024 fertiggestellt sein wird.
Neben den Geschäftsleuten sind auch die Anwohner genervt. Als Nachbarn der Geschäfte müssen sie damit leben, dass zum Teil ihre Einfahrten zugeparkt werden. Aber auch Umwege müssen sie in Kauf nehmen – und das in einigen Bereichen mit schwierigen Begleitumständen. So müssen die Anwohner des südlichen Dierhagenwegs wegen der Sperrung der Verdistraße derzeit einen kleinen Wirtschaftsweg nutzen, der kaum dafür ausgelegt ist. Zu allem Überfluss sei der Asphalt des Dierhagenwegs in einem katastrophalen Zustand, schildert eine Anwohnerin.
Die Bushaltestelle
Kollektives Kopfschütteln herrscht bei den drei Geschäftsleuten über die Pläne für den neuen Standort der Bushaltestelle. Diese soll direkt vor dem Haus mit Tünner Grill und Bäckerei entstehen sowie auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Folge: Die Parkmöglichkeit vor den Geschäften entfällt. „Die Menschen sind leider sehr bequem. Ohne Kurzzeitparkplätze vor der Tür werden uns Kunden verloren gehen“, ist sich Katharina Pudwell sicher. Für die Bäckerei dürfte sich dies noch stärker bemerkbar machen, ist doch ein Großteil der Kunden morgens unter Zeitdruck. Jennifer Liebig denkt zudem an die vielen Postkunden, die Pakete abgeben wollen. „Die nehmen keine langen Wege in Kauf“, sagt sie. Und der Paketwagen könne auch nicht mit der großen Zahl an Paketen weit weg parken. Vorteile durch die Bushaltestelle sehen alle drei nicht. Ein Großteil der Kunden komme aus Westtünnen oder Rhynern. „Die kommen nicht mit dem Bus zu uns“, so Pudwell.
In den ersten Bauplänen war von diesem Standort der Bushalte nie die Rede, dies ist umgeplant worden. „Erfahren haben wir das aus der Zeitung. Mit uns hat niemand gesprochen“, ärgert sich Pudwell. Ebenso wie Liebelt und Dördelmann könne sie nicht verstehen, warum man solche wichtigen Entscheidungen nicht mit den Betroffenen im Vorfeld bespreche.
Der Haltepunkt
Die Vorfreude auf den Haltepunkt hält sich bei den Geschäftsinhabern nicht nur wegen der geschilderten negativen Begleitumstände in Grenzen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Pendler unseren Umsatz großartig ankurbeln, zumal ich nicht glaube, dass der Haltepunkt so intensiv genutzt wird“, so Jennifer Liebig vom Tintenfaß. Zudem gehe sie davon aus, dass die Pendler ohnehin aus dem näheren Umkreis kommen, also keine neuen Kunden sein dürften. Als Imbiss-Betreiberin erwartet Katharina Pudwell auch nicht den großen Ansturm. „Wer steigt denn mit einer Currywurst in den Zug?“, fragt sie. Anders könnte das beim Brötchenverkauf in der Bäckerei aussehen. Doch Philipp Dördelmann zeigt sich hier zurückhaltend, zumal er das Fahrgastaufkommen nicht kennt: „Das kann ich noch nicht einschätzen.“
Unterschriftenaktion
Der Bahnhaltepunkt geht in diesem Jahr in Betrieb, die versprochenen Lärmschutzwände für die direkten Anwohner werden dann fehlen und nach jetzigem Stand nicht vor dem Jahr 2031 gebaut werden. Das bringt die Anwohner auf die Palme. „Der Lärmschutz ist uns schon vor Jahren versprochen worden“, erinnert Jürgen Biermann. Er fühlt sich an der Nase herumgeführt und will dies nicht länger so hinnehmen. Gemeinsam mit Nachbarn hat er eine Unterschriftenaktion gestartet. „Wir wollen, dass unserer Oberbürgermeister Marc Herter seine Connections spielen lässt und etwas für uns tut“, erklärt Biermann seine Hoffnung. Über 200 Unterschriften seien bereits zusammengekommen. Dabei lag die Liste nicht etwa in Geschäften aus. Biermann und seine Mitstreiter hätten gezielt nur die wirklich Betroffenen angesprochen. „Ein Großteil hat mitgemacht“, so Biermann. Überreicht werden soll der unterschriebene Appell bei der Ratssitzung am 19. März.
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