VonAnja Grevenerschließen
Am 1. August startet das neue Ausbildungsjahr, und deutschlandweit sind Ausbildungsstellen unbesetzt geblieben. Laut der Agentur für Arbeit stehen in Nordrhein-Westfalen 100 Auszubildende 120 Ausbildungsstellen gegenüber, die Situation für die jugendlichen Bewerber hat sich also deutlich verbessert.
Ense – Ende März 2023 meldete die Agentur für Arbeit noch 61 568 unbesetzte Stellen. Insgesamt waren für das Ausbildungsjahr 2023/24 insgesamt 90 701 Jugendliche in NRW auf der Suche nach ihrer beruflichen Zukunft.
Ähnlich zeichnet sich das Bild für die Gemeinde Ense, wie Ralf Hettwer, 1. Vorsitzender des Initiativkreises Ense, berichtet. Längst nicht alle offenen und ausgeschriebenen Stellen konnten bislang einen passenden Bewerber oder eine passende Bewerberin finden. In diesem Jahr ist zudem die lokale Ausbildungsmesse „AmiE“ ausgefallen, die Schüler mit den lokalen Unternehmen in Kontakt bringen soll. Die nächste AmiE ist für Januar 2024 geplant.
Allgemein, so Hettwer, müssten die Unternehmen heute viel mehr tun, um sich für die Ausbildungswilligen attraktiv zu machen. Er und viele andere Unternehmen bieten passenden Azubis Vergünstigungen, die ihnen den Alltag während der Ausbildung leichter machen sollen. Die Situation der Unternehmen habe sich umgekehrt: Man müsse sich bei den Azubis bewerben und sich verstärkt kümmern, um Stellen besetzen zu können.
Ense wirbt für sich im Internet
Der Initiativkreis Ense e.V. hat dazu mit Enser Unternehmen die Internetseite www.arbeiten-in-ense.de entwickelt, auf der sich Gemeinde und Unternehmen für potenzielle Bewerber darstellen. Dort gibt es zum Beispiel Videos, erstellt von Schülern der Conrad-von-Ense-Schule, die Arbeitgeber und Betriebe vorstellen. Aber auch wenn man als Unternehmer einen scheinbar passenden Bewerber gefunden hat, ist das manchmal noch nicht das erwartete Happy End, denn Hettwer stellt mit Bedauern fest, dass junge Azubis ihre Ausbildung abbrechen, entweder weil es einfach doch nicht passt oder ihnen etwas anderes im gewählten Beruf fehlt. „Vielen ist der Wert einer Ausbildung gar nicht bewusst. Dabei bietet eine Ausbildung im Lebenslauf immer ein solides Fundament“, sagt der Vorsitzende des Initiativkreises.
Einfach „dufter Beruf“
Ähnlich sieht es der Obermeister der Bäcker- und Konditoreninnung Soest-Lippstadt Heiko Klapp aus Ense, der seinen Berufsstand im wahrsten Sinne „einfach dufte“ findet – auch wenn der Duft, der durch die Backstube zieht, als Dauerversuchung zum Naschen verführen kann. „Aber das ist auch das Tolle an meinem Beruf: Ich erlebe, was ich mit meinen Händen gemacht habe.“ Klapp weiß, dass das Image seines Berufsstandes – und des Handwerks generell – bei Jugendlichen nicht gut ist: ständig früh aufstehen, auch am Wochenende arbeiten, harte körperliche Arbeit.
Kein Lehrling in der Backstube, aber im Verkauf
Bäckermeister Klapp hat für seine Backstube dieses Jahr keinen Lehrling gefunden, aber eine Auszubildende im Verkauf. Dabei sei der Ruf des Berufs schlechter als die Realität. Im ersten Lehrjahr müsse man nicht in die Frühschicht, es seien „humane Arbeitszeiten“ und der Beruf biete viel Abwechslung und Liebe zum Handwerk.
Klapp sagt, dass er es bedauert, bislang wenig Zeit investieren zu können, um Jugendlichen seinen Betrieb aktiver vorzustellen, etwa durch seine Präsenz in den Sozialen Medien. Eine Tatsache, die durch andere Projekte leider häufig in der Planung hintenübergefallen sei.
Bemüht um ein besseres Bild vom Ausbildungsberuf
Dafür kümmere sich zum Beispiel der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks verstärkt um die Öffentlichkeitsarbeit in diesem Themenbereich, etwa auf der Seite www.back-dir-deine-zukunft.de. Ähnliche Initiativen gibt es in anderen Handwerksberufen. „Derzeit geht es noch, aber auf Dauer wird das Fehlen von Auszubildenden auch für mein Unternehmen ein riesiges Problem werden“, das Handwerk müsse sich rühren, sagt Klapp zur Perspektive der Zukunft. Er ist aber immerhin froh, dass er für das nächste Jahr eine Ganzjahrespraktikantin für die Backstube gewonnen hat, die auf diese Weise den Beruf der Bäckerin kennenlernen will, denn es sei einfach ein „duftes Handwerk“.

