Immer mehr Fahrstunden

Teurer Führerschein: Rekord bei Durchfallquote und nervöse Schüler

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Der Führerschein wird teurer. Grund dafür seien nicht nur steigende Kosten, sagen Bönener Fahrschulen. Die hohe Durchfallquote bei den Prüfungen bestätigt das.

Bönen – Was manchem Autofahrer als Beleidigung an den Kopf geworden wird, wünschen sich sicher einige Fahrschüler angesichts der Preise: „Hast du deinen Führerschein im Lotto gewonnen?“ Mitnichten. Bis zu 4500 Euro zahlen laut ADAC manche für den Schein.

Teurer Führerschein: Rund 3000 Euro sind „Normalpreis“

Beispielhaft bei den Fahrschulen Nagel und Hergesell in Bönen nachgefragt, sehen Inhaber Ulrich Nagel und Michael Hergesell Preise über 4000 Euro als zu hoch an, wenn der Schein in einem regulären Rahmen erworben wurde. „Um die 3000 bis 3500 Euro sind ein Normalpreis“, sagt Nagel. „Bei mir liegt eine Fahrstunde noch unter 60 Euro.“ Ähnliche Preise hat Michael Hergesell. „Übungsfahrten kosten bei uns 57 Euro, die Sonderfahrten sind zehn Euro teurer“, so der Fahrlehrer.

So sieht die Führerschein-Rechnung aus

Fahrschulen legen ihre Gebühren selbst fest. Der Grundbetrag liegt laut ADAC zwischen 350 und 565 Euro. Darin sind die Anmeldung für die Fahrschule und der Theorieunterricht enthalten: zwölf Doppelstunden à 90 Minuten für das Grundwissen, plus zwei für den Zusatzstoff. Lernmaterial wie Bücher, digitales Material und Zugänge für Apps kosten bis zu 120 Euro.

Fahrstunden dauern 45 Minuten. Gesetzlich vorgeschrieben sind zwölf Sonderfahrstunden. Sie kosten 60 bis 95 Euro und werden meist dann durchgeführt, wenn der Schüler in den sogenannten Übungsfahrten sicher fährt. Sie verursachen die meisten Kosten, da die Anzahl solcher Fahrten vom individuellen Lernfortschritt der Schüler abhängt. Sie kosten 55 bis 77 Euro. Meldet die Fahrschule den Schüler zur Vorstellung zur theoretischen Prüfung an, kostet das 60 bis 137 Euro. Bei der praktischen Prüfung liegen die Kosten bei 160 bis 289 Euro.

Doch auch die Prüfstellen nehmen zusätzlich zur Vorstellung Gebühren. Dabei kommen auf die theoretische Prüfung noch mal 25 und auf die Praktische 160 Euro drauf. Mit zu den Gesamtkosten zählt man noch den Erste-Hilfe-Kursus, den Sehtest, das Passfoto für den Führerschein und den Führerscheinantrag bei der Straßenverkehrsbehörde.

Im Normalpreis ist Justus Bregiel geblieben. Der 18-Jährige lernte bei der Fahrschule Thomas Kräenfeld fahren und zahlte rund 3000 Euro. „Ich habe die Praxisprüfung zweimal gemacht, bin aber sonst gut durchgekommen“, erzählt er. Den Preis finde er gerechtfertigt. „Es ist zwar teuer, aber die Fahrschulen müssen ja auch ihre Kosten abdecken.“

Gerade deswegen sind die Preise gestiegen. Als Vergleich dient das Beispiel von Justin Glasig. Er hat vor gut zwei Jahren seinen Führerschein bei Hergesell gemacht. Insgesamt nahm er 31 Fahrstunden und bestand alle Prüfungen im ersten Versuch. Dafür zahlte er rund 2000 Euro. „Ich verstehe es, wenn Leute den Preis zu hoch finden, aber im besten Fall zahlt man es ja nur einmal im Leben. Dann finde ich das gerechtfertigt“, sagt der 20-Jährige.

„Alles wird teurer“: Fahrschulen kämpfen mit steigenden Kosten

Die Fahrschulen Hergesell und Nagel geben zu den steigenden Preisen betriebswirtschaftliche Gründe an. „Alles wird teurer: Sprit, Versicherungen, die Autos an sich“, erklärt Ulrich Nagel. „Da muss man nachziehen.“ Personalkosten dürfe man ebenfalls nicht vergessen, sagt Michael Hergesell. „Die Instandhaltungskosten sind natürlich auch gestiegen. Eine Inspektion liegt heute bei knapp 500 Euro, die hat früher 80 Euro gekostet.“ Es gebe derzeit keine Möglichkeit, die Kosten nicht an die Fahrschüler weiterzugeben.

Der Verschleiß bleibt trotzdem. „Die Politik argumentiert, dass man die Fahrschüler doch auch vor den Fahrschulsimulator setzen könnte“, sagt Hergesell. „Das geht für die ersten Stunden, um beispielsweise Anfahrmanöver zu trainieren, aber man kann nicht den komplexen Straßenverkehr abbilden.“ Den Führerschein komplett mit dem Hilfsmittel zu bewältigen, sei keine Option.

Führerschein wird teurer: Schüler mit für Kosten verantwortlich

Dabei sei allerdings auch zu bedenken, dass die Schüler am Ende selbst ein Stück weit für ihre Rechnung verantwortlich sind. Neben den Grundgebühren und den gesetzlich vorgeschrieben Theorie- und Praxisstunden, gehen vor allem die nicht bestandenen Prüfungen und Übungsfahrten ins Geld. Braucht ein Schüler viel Übung, weil er noch nicht sicher fahrt, zahlt er dafür.

Fahrlehrer Thorsten Jaworek, Inhaber Michael Hergesell und Fahrlehrer Karsten Hinz (von links) beobachten, dass Schüler weniger belastbar sind.

Zur hohen Durchfallquote hat Ulrich Nagel eine feste Meinung. „Da läuft auch im Vorfeld viel falsch. Viele bekommen vor der Anmeldung in der Fahrschule nichts mehr vom Straßenverkehr mit.“ Eine ähnliche Meinung hat Michael Hergesell: „Viele lassen sich von ihren Eltern hin und her fahren. Dabei schauen sie aber nicht darauf, an welchem Verkehrsschild sie vorbeifahren oder was Mama und Papa am Steuer machen, sondern lieber auf ihr Handy.“

„Manchmal fahren sie mit“: Druck auf Fahrschüler steigt auch durch Eltern

Die Fahrlehrer sehen auch die Eltern als einen Grund dafür, dass die Schüler weniger Eigenverantwortung übernehmen. „Wenn sich Schüler bei uns anmelden, kommen meist die Eltern mit. Die einzigen, die dann sprechen, sind die Eltern“, erzählt Michael Hergesell. Er habe schon die Situation gehabt, dass Eltern die Fahrstunde im Detail erklärt bekommen wollten. Das sieht auch einer seiner Fahrlehrer, Karsten Hinz, so. „Manchmal fahren die auch hinten drin mit“, sagt Hinz. „Viele Eltern vergleichen ihre eigene Fahrausbildung mit der ihrer Kinder und haben den Anspruch, dass diese die gleiche Anzahl an Fahrstunden brauchen, wie sie.“ Dadurch wachse der Druck auf die Fahranfänger noch mehr.

In seinen 30 Jahren im Job beobachtet Hinz, wie sich nicht nur der Straßenverkehr und das Fahrschulleben verändern. „Der Verkehr ist dichter geworden, es gibt mehr Autos“, erzählt er. „Fahrer nehmen nicht mehr so viel Rücksicht auf Fahrschulautos – teilweise werden wir angehupt oder uns wird dicht aufgefahren.“ Außerdem gäbe es mehr Regeln, die dem Fahrschüler beigebracht werden müssen. Diese Voraussetzungen führen dazu, dass „das Niveau für den Fahrschüler ansteigt“, sagt Hinz.

Fahrlehrer beobachten: Schüler sind weniger belastbar

Ein Punkt, den die Fahrlehrer dazu beobachten: Die Schüler sind nicht mehr so belastbar, wie früher. „Sie lassen sich viel schneller stressen und werden viel nervöser“, sagt Hinz. Michael Hergesell fügt hinzu: „Die Toleranzgrenze ist viel niedriger. Sie haben häufig Probleme damit, Entscheidungen zu treffen. Oft sind Momente wie ,Biege ich rechts ab’ oder ,Fahre ich links rein‘ die ersten Entscheidungen, die sie in ihrem Leben treffen.“ Selbst, wenn man häufig mit dem Schüler übe, mache er gerade in Prüfungssituationen denselben Fehler, den er am Anfang gemacht habe. Man könne es nicht pauschalisieren, allerdings sei der Trend auffällig.

Höchststand bei Durchfallquote

Der Tüv-Verband verkündete einen neuen Höchststand bei der Durchfallquote. 2023 haben die Prüfstellen bundesweit 1,97 Millionen theoretische Prüfungen durchführt, acht Prozent mehr als im Vorjahr. Jedoch „haben 42 Prozent der Fahrschüler die theoretische Prüfung nicht bestanden – ein neuer Negativrekord“, heißt es in der Mitteilung des Verbandes.

Die Durchfallquote ist im Vergleich zum Vorjahr um drei Prozentpunkte, im Langzeitvergleich zu 2014 sogar um 10 Punkte gestiegen. Auch bei den praktischen Prüfungen sieht es nicht besser aus. Zwar sei der Führerschein nach wie vor sehr beliebt, wie man den 1,77 Millionen bundesweit abgenommenen Prüfungen entnehmen kann. Trotzdem sind davon im vergangenen Jahr 30 Prozent durch die Fahrprüfung gefallen, vier Prozent mehr als im Vergleich zu 2014.

Wer durchfällt, kann seine Prüfung wiederholen. Von den insgesamt 1,97 Millionen Theorieprüfungen versuchten es rund 37 Prozent noch einmal, bei den praktischen Prüfungen um die 25 Prozent. Allerdings sei mehrfaches Scheitern bei den Schülern mittlerweile keine Ausnahme mehr. Mehr als die Hälfte der Wiederholer fallen erneut durch ihre zweite theoretische, 40 Prozent durch ihre praktische Prüfung.

So ganz kann der ehemalige Fahrschüler Justin Glasig den Vorwurf nicht nachvollziehen. „Man kann es nicht generalisieren. Ich denke, es hängt von jedem selbst ab, wie viel Zeit, Energie und vor wie viel Ehrgeiz er in die Sache investiert.“ Es sei immerhin eine Doppelbelastung, die gleichzeitig mit der Schule oder Arbeit gemeistert werden müsse. „Wenn man die Fahrschule natürlich schleifen lässt und andere Sachen wichtiger sind, dann ist es klar, dass man mal eine Prüfung nicht besteht“, so Glasig.

Führerschein wird immer teurer: So kann man sparen

Wie kann man also beim Führerschein Geld sparen? „Immer schön für die Theorieprüfung üben. Wenn möglich, kann man auch nach der ersten Fahrstunde zum Verkehrsübungsplatz fahren“, sagt Hergesell. Thorsten Jaworek ist ebenfalls Fahrlehrer bei ihm. „Ich habe Schüler, die schlafen regelmäßig auf dem Nachhauseweg ein. Kommt bitte fit zur Fahrstunde“, appelliert er und gibt die Tipps: „Wenn ihr bei anderen Leuten im Auto sitzt, fahrt aktiv mit. Haltet euch beim Fahrradfahren an die Regeln.“ Denn: „Wir freuen uns immer mit euch mit, wenn ihr Fortschritte macht“, sagt Hergesell.

Rubriklistenbild: © Wilk

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