VonPeter Siebenschließen
Die Polizei in Essen hat vier Männer festgenommen. Sie sollen einen Mann brutal zusammengeschlagen und ein Auto gezerrt haben. Clan-Experten der Polizei ermitteln.
Essen – Sie sollen einen Mann brutal zusammengeschlagen, in ein Auto gezerrt und zu einem Einbruch gezwungen haben: Die Polizei Essen hat am Mittwoch (2. August) vier Männer festgenommen, wegen des Verdachts der Geiselnahme und schweren Körperverletzung. Sie sitzen seit Donnerstag in Untersuchungshaft. Die Polizei vermutet Bezüge zur Clankriminalität.
Polizei Essen befreit zusammengeschlagenen jungen Mann aus Auto – Bezug zu Clankriminalität vermutet
Am frühen Mittwochmorgen, kurz nach Mitternacht, hatte ein Zeuge den Notruf gewählt: Sein 21 Jahre alter Bekannter sei in Essen (NRW) an der Porschekanzel von mehreren Männern zusammengeschlagen und gewaltsam in ein Auto gezerrt worden, erzählte er der Polizei. Noch während der Ermittlungen erhielten die Beamten einen zweiten Anruf: Ein Anwohner meldete gegen 3:30 Uhr einen Einbruch an der Dahlhauser Straße. Demnach seien mehrere Männer in eine Wohnung in einem dortigen Mehrfamilienhaus eingebrochen und später in einem weißen Mercedes sowie einem Kastenwagen geflüchtet.
Mit mehreren Streifenwagenbesatzungen fahndeten die Beamten sofort nach den Einbrechern und entdeckten die beiden Fluchtfahrzeuge am Steeler Verkehrsplatz. Dort stoppten sie den Mercedes und den Kastenwagen. „Vor Ort stellten die Einsatzkräfte dann fest, dass es eine Verbindung zwischen dem ersten Anruf und dem gemeldeten Einbruch gab“, erklärte ein Sprecher der Polizei Essen gegenüber wa.de. Denn in einem der Autos entdeckten die Beamten den zuvor gesuchten 21-Jährigen, der starke Gesichtsverletzungen aufwies. Die Polizisten befreiten den jungen Mann und nahmen vier weitere Insassen fest.
Szenekundige Clan-Experten der Polizei Essen übernehmen Ermittlungen
Bei den vier Männern handelt es sich um einen 22 Jahre alten Essener mit deutscher und libanesischer Staatsangehörigkeit, einen 36-Jährigen mit libanesischer Staatsangehörigkeit, einen 45-jährigen Gelsenkirchener mit libanesischer und deutscher Staatsangehörigkeit sowie einen 36-jährigen Deutschen ohne festen Wohnsitz.
Weil die Polizei Verbindungen der Männer zur Clankriminalität vermutete, übernahmen Ermittler des Fachkommissariats zur Bekämpfung der Clankriminalität noch nachts die Ermittlungen. Dabei stellte sich heraus, dass die vier Verdächtigen den 21-Jährigen offenbar verdächtigt hatten, zuvor mit einem Freund einen Einbruch in einen Gastronomiebetrieb in der Essener Innenstadt begangen zu haben. Von dort soll ein fünfstelliger Bargeldbetrag gestohlen worden sein. Um welchen Betrieb es sich handelt, das wollte der Polizeisprecher aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen. Aber: „Tatsächlich war am 30. Juli ein Einbruch in die Gastronomie gemeldet worden.“
Kriminelle Clans in NRW
► Wenn die Rede von kriminellen Clans ist, sind meist bestimmte Mitglieder von Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln gemeint. In Deutschland gehören nach Schätzungen des Bundeskriminalamts (BKA) rund 200.0000 Menschen zu solchen Großfamilien. Die meisten von ihnen sind nicht kriminell. Einige wenige aber haben sich zu Gruppierungen zusammengeschlossen, die Straftaten im Bereich der organisierten Kriminalität begehen.
► Viele gehören den sogenannten Mhallami an, einer arabischstämmigen Volksgruppe. Ihre Vorfahren wurden nach dem Ersten Weltkrieg aus der Türkei vertrieben, kamen dann in den Libanon. Als dort Bürgerkrieg ausbrach (1975 bis 1990), flohen viele der Familien nach Deutschland.
► Als libanesische Geflüchtete wurden sie in verschiedenen Bundesländer untergebracht, vor allem nach Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen und Berlin. Manche erhielten als Staatenlose den Duldungsstatus. Menschen mit Duldungsstatus haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer: Eine selbständige Tätigkeit ist ihnen untersagt, eine Beschäftigung als Arbeitnehmer nur auf Antrag möglich. Experten sehen in der Perspektivlosigkeit einen Grund dafür, dass kriminelle Netzwerke innerhalb der Familien gebildet haben.
► Kriminelle Clan-Mitglieder begehen schwere Straftaten, wie Menschenhandel, Körperverletzung, Betrug, Erpressung und Raub. Staatliche Autoritäten erkennen sie oft nicht an.
► Erst im Juni hatten Massenschlägereien unter Clan-Mitgliedern in Essen und Castrop-Rauxel Ende Juni für Aufsehen gesorgt.
► Im Ruhrgebiet und vor allem in Duisburg und Essen ist Clan-Kriminalität seit vielen Jahren ein Problem, das von den Behörden mit immer neuen Strategien bekämpft wird.
Zusammengeschlagen und zu Einbruch gezwungen
Die vier Männer sollen den 21-Jährigen deshalb überfallen und in ihr Fahrzeug gezerrt und zu dem Wohnhaus an der Dahlhauser Straße gefahren haben. Sie sollen ihn zusammengeschlagen und unter weiteren Drohungen gezwungen haben, in die vermeintliche Wohnung seines Freundes einzubrechen, um dort nach dem angeblich gestohlenen Bargeld aus dem Gastrobetrieb zu suchen.
Polizei Essen sucht weitere Zeugen
Jetzt sitzen die vier Verdächtigen in Untersuchungshaft. Dass die Tat mit Konflikten zwischen verschiedenen Clans zusammenhängt, das schloss der Polizeisprecher zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf Nachfrage von wa.de aus. Die Kriminalpolizei such nun weitere Zeugen, die den gewaltsamen Übergriff auf den 21 Jahre alten Mann am späten Dienstagabend beziehungsweise frühen Mittwochmorgen beobachtet haben. Die Tat ereignete sich gegen 23:20 Uhr an der Porschekanzel und den Treppen zu den darunter liegenden Parkplätzen. Zeugen werden gebeten, sich bei der Polizei unter der Telefonnummer 0201/8290 zu melden. (pen)
