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„Wichtig ist, dass das einer macht“: Otto Ersching ist Bundestagskandidat für Die Linke

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„Rote Socke“ lautet der Spitzname von Otto Ersching. Das Image verpflichtet: Socken und Schuhe trägt der Bundestagskandidat immer in seiner Lieblingsfarbe.
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Der heimatverbundene Lüdenscheider über Image und Freude am Job, Fisch, fleischfressende Pflanzen und Prioritäten. Ein Porträt.

Lüdenscheid - „Ich bin hier geboren, und ich werde auch hier begraben.“ Wo und wie ist ihm wurscht. Wichtiger ist das Dazwischen. Ihm ist auch egal, wo das Gespräch über den Privatmann Otto Ersching stattfinden soll, einen Lieblingsort hat er nicht. Also wird‘s das Café Extrablatt, wo er nach Ratssitzungen schon mal landet mit seinen Mitstreitern. Eigentlich ist ihm egal, wo er Platz nimmt, aber dann hat er doch gerne alles im Blick. Und spricht dabei über die vielen Dinge, die ihm eben nicht egal sind. Weshalb er auch für den Bundestag kandidiert. Der Ausgang ist ihm nicht egal – mehr als fünf Prozent möchte er für Die Linke hier schon holen. Ein Sieg, der ihn nach Berlin bringt, ist das nicht, doch die Hauptstadt gefällt ihm ohnehin nicht. Viel zu hektisch. Aber: „Wichtig ist, dass das einer macht.“ Das klingt nach einem Motto.

Politiker zu werden, war nie ein Berufswunsch. Nach Grund- und Hauptschulzeit an der Albert-Schweitzer-Schule lernte er Einzelhandelskaufmann, was ihm nicht so recht gefiel. Es folgten Bundeswehr, Nebenjobs, bis er „irgendwann Werkzeugmacher gemacht“ hat. Vier Jahre Weiterbildung zum Maschinenbautechniker sattelte er drauf. Erco ist, mit Unterbrechungen, sein Arbeitgeber. Im Betriebsrat ist er auch – als einfaches Mitglied. Hauptberuflich sei das nichts für ihn, findet er, der seinen Job als Werkzeugkonstrukteur gerne macht. Und doch denkt er langsam über den Ruhestand nach.

Im März wird Otto Ersching 60, da blickt man schon mal zurück. Am Lehmberg, Werdohler Straße, Wettringhof, das waren die Stationen des Heranwachsenden. Heute wohnt er mit Ehefrau Nanja zur Miete an der Kalve und fährt, sofern das Wetter mitspielt, mit dem E-Bike die gut sieben Kilometer zum Arbeitsplatz. „Man muss die Stadt ja auch kennen“, sagt er. „Und man muss mit den Leuten sprechen.“ Vorbilder müsse man ebenfalls haben. Rosa Luxemburg, zum Beispiel. Ihre Geschichte findet er spannend, nutzt die Bücher aber eher als Nachschlagewerk. Zum entspannten Lesen darf‘s ein Küsten-Krimi sein, wie der aktuelle von Pieter van Hoorn.

Familie „sehr wichtig“

Familie ist dem Vater von drei erwachsenen Söhnen und Opa eines Enkels sehr wichtig. Vater war Baggerfahrer, Mutter hat Schneiderin gelernt. Das Bild, wie sie für Kunden zu Hause genäht hat, gehört zu den frühen Erinnerungen. Die Kinderkleidung für ihn und die jüngere Schwester kam von der Stange. Für Maßgeschneidertes war er noch nie der Typ. Er ist Typ Hoodie statt Sakko, Silberkette statt Krawatte. Den Kleiderkauf findet er „zeitraubend und irgendwie stressig“. Nur die Schuhe sind nicht egal. Rot müssen sie sein, sagt er und grinst. Dazu rote Socken. „Immer!“ Seine Art der Imagepflege. Alle halbe Jahre kauft er ein neues Paar Schuhe, Größe 43. Vor Ort oder im Netz. Modell egal. Hauptsache bequem. In der Lieblingsfarbe. Signalfarbe. Bekenntnis. In jungen Jahren wäre er „beinahe“ in die SPD eingetreten, aber 2016, mit Aufkommen der AfD, wurde es dann doch Die Linke.

Otto Ersching (Die Linke) kandidiert für den Bundestag

Nur in einer Hinsicht hat er mit Rot ein Problem: „Auf keinen Fall esse ich Rote Bete.“ Als Kind hat er‘s gerne – und zu viel davon – gegessen. „Nie wieder“, sagt er. Essen ist ein Thema. Er kocht, indem er den Gasgrill anwirft: „Da kann ich schon irgendwelche Dinge machen.“ Irgendwas, das übers Würstchen hinausgeht. Ein richtiges Hobby sei das nicht, betont er, der keine Hobbys pflegt, allenfalls noch die Digitalfotografie. Kochen ist eher eine sinnvolle Beschäftigung, „weil ich auch gerne esse“. Ursache und Wirkung.

Und nein, Probleme mit dem Gewicht habe er deshalb nicht, mithin keinen Grund für Sport. Sagt‘s und schnappt sich das süße Keksrölleken, Beigabe zum schwarzen, „Bitte-mit-extra-Zucker“-Kaffee.

Urlaub ist, wenn es nur Fisch gibt. Scholle oder Hering. Zu dem Zweck beziehen Erschings eine Ferienwohnung irgendwo an der See. Nach einer Woche geht‘s zurück in die Heimat. „Mir fehlt nichts, aber ich bin dann gerne wieder in Lüdenscheid.“ Was gefällt ihm hier? „Die Innenstadt? – Das wär‘ gelogen“, sagt er. Aber: „Man kommt hier relativ schnell ‘raus.“ Das klingt schlimmer, als es gemeint ist. „Lüdenscheid hat irgendwie, trotz aller widrigen Umstände, was Positives.“ Für ihn ist das die Nähe zur Natur, sind es die ruhigen Ecken. Das kann an der Verse-Sperre sein oder im Extrablatt. „Da kann ich mich zwei Stunden hinsetzen, einfach nur Leute beobachten, Gedanken wandern lassen.“ Gerne beim Pilsener Urquell. Ein Stammtisch, bei dem er sich selbst genug ist. Mehr Stammtisch braucht er nicht.

Am 1. Schultag noch ohne rote Socken: Otto Ersching ging zur Albert-Schweitzer-Schule.

„Den Finger in die Wunde legen“

Manche sagten über ihn, er sei freundlich. Mitunter direkt. Eher unruhig, und auf jeden Fall hilfsbereit. Das trifft‘s, findet er, der sich selbst „als einfachen Menschen“ bezeichnet. Vor allem aber ist er nimmermüde, eine Eigenschaft, die er in der Kommunalpolitik braucht, wo Linken-Vorstöße meist reflexartig abgelehnt werden. „Aber mit unseren Anfragen und Anträgen legen wir den Finger in die Wunde. Sagen zu können: ‚So ist es nach unserer Sicht nicht in Ordnung‘“ – das ist eine wichtige Freiheit für ihn. Deshalb nerven ihn abgelehnte Anträge nicht. Vielleicht erklärt das auch sein Faible für Kakteen und fleischfressende Pflanzen. Venusfliegenfalle und Sonnentau – deren Mechanismus fasziniert ihn. Die Dinge verdauen und weitermachen. Ausdauernd und krautig, behaupten sie sich auf nährstoffarmen Böden. Und erledigen einfach ihren Job.

Bundestagskandidaten im Wahlkreis 148

Am 23. Februar wird ein neuer Bundestag gewählt. Im Wahlkreis 148 (Lüdenscheid, Herscheid, Schalksmühle, Halver, Kierspe, Meinerzhagen und der Kreis Olpe) bewerben sich acht Kandidatinnen und Kandidaten ums Direktmandat: Florian Müller (CDU), Nezahat Baradari (SPD), Johannes Vogel (FDP), Matthias Koch (Bündnis 90/Die Grünen), Otto Ersching (Die Linke), Horst Karpinsky (AfD), Marion Linde (Freie Wähler) und Axel Turck (Stimme für Volksentscheide). Die Lokalzeitung stellt die Kandidaten in einer Serie vor. Heute: Otto Ersching.

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