VonSabine Pingerschließen- Kira Preschschließen
Die SPD hat bei der Bundestagswahl im Kreis Unna einen knappen Sieg errungen. SPD-Kandidat Oliver Kaczmarek konnte sich gegen seinen CDU-Kontrahenten Dr. Tilman Rademacher durchsetzen. Sorge bereitet der starke Zuwachs der AfD.
Dass das Ergebnis bei dieser Bundestagswahl anders ausfallen würde als 2021, das kündigte sich schon früh in den Umfragen an. Der Kreis Unna, in der Vergangenheit eine sichere Bank für satte rote Ergebnisse, wackelte. Tatsächlich lieferten sich Oliver Kaczmarek (SPD), der Platzhirsch, der bisher bereits vier Mal mit klarem Vorsprung das Ticket nach Berlin gelöst hatte, und Dr. Tilman Rademacher (CDU), der zum ersten Mal angetreten war, am Wahlabend lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Erst spät ließ sich eine hauchdünne Mehrheit für den SPD-Kandidaten erkennen.
Nur wenige Menschen fanden am Wahlabend den Weg ins Wahlstudio im Kreishaus in Unna. Diejenigen, die dort die Ergebnisse der Auszählungen verfolgten, machten lange Gesichter. Kein Grund zum Feiern, jedenfalls für die demokratischen Parteien, denn die AfD hatte nicht nur bundesweit kräftig zugelegt, auch im Kreis Unna schafften die Rechten 18,77 Prozent bei den Zweitstimmen, Kandidatin Friederike Hagelstein holte bei den Erststimmen 18,61 Prozent. Zeitweise überragte der blaue Balken der AfD in der Wahltabelle sogar CDU- und SPD-Ergebnisse. Zum Vergleich: 2021 schaffte die AfD acht Prozent bei den Erststimmen und 7,8 Prozent bei den Zweitstimmen. In Bönen erreicht die AfD jeweils mehr als 21 Prozent.
Kein Grund zum Feiern
Da wollte nicht wirklich Begeisterung aufkommen. Auch nicht bei Oliver Kaczmarek, der lange zittern musste, bis feststand, dass er zum fünften Mal den Wahlkreis Unna I und damit das Ticket nach Berlin gewonnen hatte. „Wir haben es geschafft gegen einen sehr starken Gegner CDU. Am Ende haben wir es mit viel Mannschaftsgeist bei der Erststimme geschafft“, so Oliver Kaczmarek. „Darüber bin ich sehr glücklich, obwohl es mich nicht glücklich macht, dass wir eine historische Wahlniederlage auf Bundesebene erleben. Im Ruhrgebiet gibt es gesellschaftliche Veränderungen, die dazu geführt haben, dass da, wo wir immer sehr stark waren, die AfD gute Ergebnisse eingefahren hat. Die Gründe dafür müssen wir in den kommenden Tagen analysieren.“
Knappes Rennen
Im Wahlreis Unna I lag Kaczmarek mit 31,91 Prozent knapp vor Rademacher (29,74) bei den Erststimmen. Bei den Zweitstimmen lag dagegen die CDU vorne mit 27,33 Prozent vor der SPD mit 24,74 Prozent. Anders in der Gemeinde Bönen. Da war das Ergebnis ebenfalls knapp, aber hier hatte der Bönener CDU-Kandidat die Nase vorn mit 31,03 Prozent vor Kaczmarek (30,96). Bei den Zweitstimmen liegen SPD und CDU nur hauchdünne 0,24 Prozent auseinander. Hier zählte also jede Stimme. Immerhin war die Wahlbeteiligung sowohl auf Kreisebene (82,65 Prozent – 76,14 Prozent 2021) als auch in der Gemeinde Bönen mit 81,78 Prozent (75,13 Prozent 2021) sehr hoch im Vergleich zur vergangenen Bundestagswahl.
Verkürzter Wahlkampf eine Tour de Force
Für Dr. Tilman Rademacher ein frustrierender Abend. Schließlich schien der Wahlsieg eines CDU-Kandidaten erstmals in diesem Wahlkreis zum Greifen nah. „Die SPD wankte, aber sie steht“, gratulierte Rademacher seinem Kontrahenten zum Wahlsieg. „Ich bin stolz auf unseren Wahlkampf und mein ehrenamtliches Team, das alles gegeben hat.“ Sein erster Wahlkampf war durch die verkürzte Zeit eine Tour de Force, aber: „Das war eine interessante Erfahrung. Immerhin: Im Bund haben wir klar gewonnen.“
Ergebnisse Wahllokale
Wegen der immer größer werdenden Zahl an Briefwählern ist der Aussagewert von Ergebnissen aus den einzelnen Wahllokalen/Stimmbezirken stark gesunken. Aus diesem Grund verzichtet unsere Zeitung auf die Veröffentlichung all dieser Ergebnisse. Online können die Resultate aus den Stimmbezirken unter dem Votemanager aufgerufen werden: wahlen.votemanager.de.
Recht nüchtern ging es am Sonntagabend ebenfalls in Bergkamen zu. Zumindest freuten sich aber die beiden Mitarbeiter des Ordnungsamtes der Stadt über einen friedlichen Abend vor dem Sitzungstrakt des Rathauses. Dort verrichteten sie ihren Dienst, um mögliche Störenfriede vom im Ratssaal eingerichteten Wahlstudio fernzuhalten. Hier war es gleichfalls ziemlich ruhig, Grund zur Freude hatten die rund 40 Besucher der Veranstaltung allerdings auch nicht. Nachdem ab 18.30 Uhr die Ergebnisse der Auszählungen in den 66 Wahlbezirken nach und nach auf den beiden großen Leinwänden erschienen, wurde schnell klar, dass es in Bergkamen vor allem einen Gewinner gibt: die AfD.
AfD in 29 Bergkamener Wahlbezirken vorne
In 29 Wahlbezirken lag die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall eingestufte Partei vorne, oftmals sehr deutlich sogar. Prozentual die meisten Stimmen bekam die AfD im Wahlraum im Rathaus, nämlich 46,47 Prozent. Allerdings war hier die Wahlbeteiligung stadtweit mit 46,80 Prozent am niedrigsten. Selbst bei den Erststimmen hatte AfD-Bundestagskandidatin Friederike Hagelstein in 13 Wahlbezirken die Nase vorn – vor SPD und CDU. Im Rathaus stimmten gar 49,24 Prozent der Wähler für die Lünenerin.
Frage nach den Ursachen
„Das ist sehr überraschend hier für uns in Bergkamen“, sagte Bürgermeister Bernd Schäfer (SPD), der den Wahlabend im Ratssaal moderierte. „Die Frage ist, woran liegt das? Am Bund oder an Bergkamen?“ Auf Bundesebene stelle sich zudem nun die Frage, wie eine stabile Mehrheit zustande kommen kann. Und die sei enorm wichtig – insbesondere auch für die Kommunen. „Wir brauchen stabile Verhältnisse, damit wir zu guten Ergebnissen kommen können“, erklärte Schäfer.
Offiziell stärkste Partei in Bergkamen wurde die SPD mit 26,7 Prozent, vor der CDU, die mit 23,51 Prozent hauchdünn vor der AfD (23,27 Prozent) lag. Bündnis 90/Die Grünen holte gerade mal 6,67 Prozent der Wählerstimmen und landete damit noch hinter der Partei Die Linke mit 7,85 Prozent. Die FDP kam nur noch auf 3,05 Prozent, das BSW auf 4,63 Prozent.
