Mietvertrag in Bönen gekündigt

Sozialkaufhaus vor dem Aus: DasDies reagiert auf Sparpläne der Regierung

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Nachhaltig und sozial: „Die Stöberei“ ist in Bönen gut angekommen. Schließt sie zu Jahresbeginn, verliert die Gemeindemitte einen weiteren Anziehungspunkt.
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Die Einkaufsmöglichkeiten in der Gemeindemitte sind eher bescheiden - vom Supermarktangebot mal abgesehen. Und jetzt droht ein weiterer Leerstand. Die Awo-Tochter DasDies hat den Mietvertrag für „Die Stöberei“, das Second-Hand-Kaufhaus in der Fußgängerzone, zum 15. Januar gekündigt.

Bönen - Das bestätigen sowohl die Vermieterin Else Hussmann als auch Thorsten Schmitz. „Vorsichtshalber“, wie der DasDies-Prokurist aber hinzufügt. Zurzeit sei nämlich nicht absehbar, ob der Betrieb dort weitergeführt werden könne oder nicht.

Hintergrund sind die Pläne der Bundesregierung, bei der Arbeitsförderung drastisch kürzen und damit Hunderte Millionen Euro im Bundeshaushalt einsparen zu wollen. Das würde dazu führen, dass arbeitsmarktpolitische Maßnahmen gestrichen werden. Und das wiederum trifft die Sozialkaufhäuser wie „Die Stöberei“ besonders.

Finanzierung durchs Jobcenter

„Wir beschäftigen dort überwiegen Mitarbeiter aus Beschäftigungsprogrammen. Finanziert werden sie über das Jobcenter“, erklärt Thorsten Schmitz. Vor allem Langzeitarbeitslose, Schwerbehinderte oder schwer vermittelbare Arbeitnehmer sollen durch solche „Maßnahmen der beruflichen Integration“ die Chance bekommen, in den ersten Arbeitsmarkt zurückzufinden.

Genau das ist das Ziel, das die Awo mit ihrer Tochterfirma und den Second-Hand-Geschäften verfolgt. Werden künftig jedoch weniger oder gar keine Leistungsempfänger in Sachen berufliche Eingliederung gefördert, fehlen dem Unternehmen schlicht die Arbeitskräfte. „Nur reguläre Mitarbeiter, etwa gut ausgebildete Einzelhandelskaufleute zu beschäftigen - das trägt so ein Laden nicht“, macht Schmitz deutlich. Zumal die Sach- und Personalkosten weiter steigen, wie DasDies-Geschäftsführer Maciej Kozlowski ergänzt. Im Geschäft werden schließlich nur gebrauchte Kleidung, Möbel und Hausrat aus Spenden zu kleinen Preisen verkauft. Große Gewinne lassen sich damit nicht erzielen - was auch nicht Zweck des Sozialunternehmens ist.

Große Einschnitte befürchtet

Noch sei das letzte Wort aber nicht gesprochen. „Wir sind in Gesprächen mit dem Jobcenter“, berichtet Thorsten Schmitz. Sollte die Regierung ihre Pläne tatsächlich in angekündigter Form umsetzten, erwartet er große Einschnitte. „Dann kann es sein, dass unsere Beschäftigten den Einsparungen zum Opfer fallen.“

Auf solche Szenarien müsse sich die DasDies vorbereiten. Trotz des sozialen Aspektes, der im Vordergrund steht, müsse die GmbH wirtschaftlich arbeiten, um bestehen zu können. „Vorsorglich haben wir deshalb den Mietvertrag in Bönen gekündigt“, so der Prokurist. Der läuft im Januar aus und wäre ansonsten um Jahre verlängert worden - selbst wenn die „Stöberei“ geschlossen wird.

Zurzeit hoffen die Verantwortlichen aber, dass das nicht der Fall sein wird, und es in Bönen weitergeht. Wo genau, ist dann allerdings fraglich. „Ich habe die Kündigung angenommen und schriftlich bestätigt“, berichtet Vermieterin Else Hussmann. Sie bedauert das. „Wir waren froh, dass das Geschäft vermietet war, wenn auch weit unter dem üblichen Preis.“ 5 Euro je Quadratmeter bekäme sie von der Awo-Tochter, bei immerhin 240 Quadratmeter Verkaufsfläche plus Lager und Kelleranteil.

„Stöberei“ im Ort gut angenommen

Das Haus mit dem Ladenlokal hat ihr Schwiegervater 1953 gebaut und dort sein Modehaus eingerichtet. Else Hussmann und ihr Mann Hans-Heinrich stiegen 1975 mit ein und führten das Geschäft bis 2018. Nachdem sich das Ehepaar in den Ruhestand verabschiedet und den Laden geschlossen hatte, stand er rund eineinhalb Jahre leer. Im Februar 2020 „hauchte“ ihm dann die DasDies wieder neues Leben ein - zur Freude vieler Bönener.

Jobs bei Tafel und Werkstatt nicht zu halten

Von den geplanten Sparvorgaben des Bundes ebenfalls betroffen sind die Bildungseinrichtungen, die mit der Anleitung und pädagogischen Betreuung der ehemals Arbeitslosen betraut sind. So rechnet die Werkstatt Kreis Unna damit, im nächsten Jahr 40 Mitarbeiter entlassen zu müssen. „Die Entwicklung ist absolut dramatisch“, sagt Herbert Dörmann, Geschäftsführer der Werkstatt. 700 Millionen Euro muss das Arbeitsministerium demnach 2024 bei den Jobcentern einsparen. Einerseits werden direkt die Mittel für Beschäftigungs- und Bildungsangebote gekürzt, die den Arbeitslosen zugutekommen. Zugleich streicht der Bund Mittel für den Verwaltungshaushalt. Im Kreis Unna habe das Jobcenter am Ende im kommenden Jahr 6 Millionen Euro zur Verfügung, um Angebote für Arbeitslose zu starten oder zu verlängern. „Das entspricht einem Rückgang von rund 50 Prozent“, führt Dörmann aus. Angebote für Langzeitarbeitslose, etwa in den sogenannten 1-Euro-Jobs oder im Teilhabe-Chancengesetz, müssten somit drastisch gekürzt werden. Die Werkstatt hat dabei gerade erst in diesem Jahr mithilfe des Jobcenters 38 solcher Stellen in den Tafeln im Kreisgebiet geschaffen. Ohne die Förderung seien die nicht zu halten. Und damit ist auch das Angebot der Tafel in Gefahr. Das treffe die Benachteiligten gleich doppelt, einerseits als Arbeitslose, denen die Beschäftigungsangebote fehlen werden, anderseits als Tafelkunden mit schmalen Haushalts-Budgets.

Ob sich Else Husmann jetzt um neue Mieter kümmern muss, ist noch ungewiss. „Ziel ist, die Einrichtung zu erhalten“, gibt Thorsten Schmitz an. „Es wäre sehr tragisch, dass genau eine solche Einrichtung, von der viele profitieren, geschlossen werden müsste.“ Derzeit arbeiten die Verantwortlich an einer Lösung, teilt Maciej Kozlowski mit. „Unter anderem prüfen wir die Möglichkeit, die Einrichtung ehrenamtlich weiter zu betreiben.“ Im Falle einer Geschäftsaufgabe würden die dort beschäftigten drei Angestellten und drei Maßnahmenteilnehmer einen anderen Arbeitsplatz im Unternehmen erhalten, verspricht er.

Die anderen drei Standorte der „Stöberei“ in Lünen, Kamen und Bergkamen sind demnach nicht in Gefahr. „Wir sind da abhängig von den Rahmenbedingungen. In Bönen ist die Verkaufsfläche natürlich sehr groß, das muss sich refinanzieren“, macht Thorsten Schmitz deutlich.

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