16-Jähriger erschossen

Tödliche Schüsse in Dortmund: Ermittlungen gegen vier weitere Polizisten

Knapp einen Monat, nachdem ein 16-Jähriger in Dortmund von einem Polizisten erschossen wurde, wird jetzt gegen vier weitere Beamte ermittelt.

[Update] Dortmund - Am 8. August kam es in Dortmund (NRW) zu einem tragischen Vorfall: Ein 16-Jähriger wurde von einem Polizisten mit mehreren Schüssen aus einer Maschinenpistole getötet. Gegen den Beamten wird aktuell wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt. Wobei geprüft wird, ob die Ermittlungen ausgeweitet werden auf den Verdacht des Totschlags. Nun ist bekannt geworden, dass auch gegen vier weitere Polizisten ermittelt wird. Sie sollen Taser und Pfefferspray gegen den Jugendlichen eingesetzt haben.

Tödliche Schüsse in Dortmund: Ermittlungen gegen vier weitere Polizisten

Das geht aus einem Bericht des Innenministeriums an den Landtag hervor, der der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vorliegt. Hier heißt es, dass die Beamten während des Einsatzes „Waffen oder Einsatzmittel gegen den Jugendlichen eingesetzt haben“. Die Ermittlungen richten sich gegen zwei Polizistinnen, einen Polizisten und den polizeilichen Einsatzleiter, der unter anderem die Anordnung gab, das Pfefferspray zu nutzen.

Trauer-Blumen und Kerzen erinnern an den Tod eines 16-jährigen Jugendlichen. Auch Tage nach den tödlichen Schüssen aus einer Polizei-Maschinenpistole auf einen 16-Jährigen wird heftig über den Fall diskutiert.

Ebenfalls eine neue Erkenntnis: Bislang ging man davon aus, dass elf Beamte an dem Einsatz beteiligt waren. Wie jetzt bekannt wurde, waren es tatsächlich zwölf Beamte, darunter auch vier in Zivil. Wie die Polizei Dortmund mitteilt, wurden bereits interne Maßnahmen eingeleitet. Gegen alle Polizisten, gegen die im Strafverfahren ermittelt wird, wurden Disziplinarverfahren eingeleitet. Ein Beamter wurde vorläufig vom Dienst suspendiert. Vier weitere wurden versetzt und arbeiten jetzt bei der Polizei Dortmund in anderen Tätigkeitsbereichen. Die eingeleiteten Maßnahmen möchte die Polizei ausdrücklich nicht als Vorverurteilung verstanden wissen.

Dortmund: 16-Jähriger stirbt nach Schüssen von Polizist

Der Polizeieinsatz in Dortmund Anfang August gilt als höchst umstritten. In Folge löste er eine Debatte um Polizeigewalt aus und führte zu mehreren Demonstrationen. Die Polizei war an dem 8. August zum Innenhof einer Jugendhilfeeinrichtung im Dortmunder Norden gerufen worden, in dem sich der 16-Jährige ein 15 bis 20 Zentimeter langes Messer an den Bauch hielt. Der Einsatz lief zunächst als Suizidversuch. Der unbegleitete minderjährige Flüchtling aus dem Senegal war im April nach Deutschland und erst Tage vor dem Einsatz nach Dortmund gekommen und soll nicht gut Deutsch gesprochen haben. Schließlich kamen Pfefferspray und zwei Taser zum Einsatz, von denen einer traf.

Wie aus dem Bericht an den Landtag hervorgeht, hatten die Beamten den Jugendlichen aus dem Senegal auf Deutsch und Spanisch angesprochen. Offenbar hatten sie ihm aber nicht gesagt, dass er das Messer weglegen soll, so der Bericht. Wie es in dem Papier weiter heißt, hatten beide Taser-Schüsse nicht gewirkt. Der erste traf nicht richtig, der zweite hatte den Jugendlichen unter anderem am Glied getroffen. Offenbar aber nur Schmerz ausgelöst und keine weitere Reaktion.

Tödliche Schüsse in Dortmund: Mehrere Punkte des Einsatzes sorgen für Kritik

Bislang nicht geklärt sei, wie genau der Jugendliche danach das Messer in der Hand hielt und ob und wie er sich noch fortbewegte. Dieser Punkt ist entscheidend für die Frage, ob der Polizist mit den Schüssen seine Kollegen vor einem Messerangriff gerettet hat.

Mehrere Punkte des Einsatzes sorgten für Kritik. Dabei ging es etwa um die Tatsache, dass die Bodycams der Polizisten nicht eingeschaltet waren. Die Begründung: Das Filmen „höchstpersönlicher Lebenssachverhalte“ bei einem Suizideinsatz ist nicht erlaubt. Und als die Situation kippte, wurde die Lage für die Beamten laut deren Angaben so stressig, dass keiner an die Bodycam dachte.

Auch dass mehrere Schüsse aus einer Maschinenpistole auf einen offenbar suizidalen Jugendlichen gefeuert wurden, sorgte für Bestürzung. In NRW gehören seit Juli 2018 zwei MP5 in jedem Funkstreifenwagen zur Ausrüstung. Fragen warf außerdem auf, dass der 16-Jährige kurz vor seinem Tod in einer Psychiatrie gewesen war.

Innenminister Herbert Reul (CDU) sieht nach der Ausweitung der Ermittlungen „eine neue Lage“. Das zeige aber auch, dass in dem Fall genau hingeschaut werde, sagte Reul. Er betonte, dass es sich bei allen Verfahren um einen Anfangsverdacht handele.

Mit Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa)

Rubriklistenbild: © Dieter Menne/dpa

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