Wirtschaft

Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit: Düstere Zeiten für die heimische Wirtschaft

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Vor allem die verarbeitende Industrie leidet. Statt Wirtschaftswachstum herrscht bei vielen eher Stillstand. In der Exportwirtschaft gehen die Ausfuhren sogar zurück.
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Die Wirtschaftsnachrichten sind nicht gut. Die aktuellen Nachrichten um VW verstärken sicher die trüben Aussichten. Die Zahl der Arbeitslosen steigt im und rund ums Lennetal, der Trend zu mehr Kurzarbeit im Bereich Altena, Werdohl oder im Märkischer Kreis insgesamt ist zu sehen.

Altena – Die Arbeitsagentur meldet, dass immer mehr Unternehmen Kurzarbeit anmelden: Waren es im Juli 2023 noch 32 Unternehmen, so sind es mit 74 im Juli dieses Jahres weit mehr als doppelt so viele. Betroffen war im Kreis vor allem das verarbeitende Gewerbe. In Altena haben im Juli vier Betriebe Kurzarbeit angemeldet. Jene Unternehmen, die schon vorher Kurzarbeit genutzt hatten, kommen noch hinzu. Für Arbeitsagentur-Sprecherin Kira Muth ist ganz klar: „Ein weiter steigender Trend ist definitiv zu sehen.“ Auch die Zahl der Arbeitslosen steige. Relativ sicher blieben ausgebildete Fachkräfte mit ihrem Job, da rekrutieren die Unternehmen nach wie vor. Doch die Ungelernten blieben außen vor, sagte die Sprecherin und verwies auf eine besondere Option: „Firmen haben die Möglichkeit, ihre Mitarbeiter in der Zeit weiter zu qualifizieren.“ Da helfe die Arbeitsagentur, auch finanziell, sagte Sprecherin Muth.

MAV-Statement

Vor dem Hintergrund des wichtigen arbeitsmarktpolitischen Instruments gab es vom Geschäftsführer des Märkischen Arbeitgeberverbandes (MAV), Özgür Gökce, über seinen Sprecher Weber den Hinweis, dass die meisten Unternehmen (Mitgliedsbetriebe), „die bereits letztes Jahr Kurzarbeit anmelden mussten, die möglichen zwölf Monate schon ausgeschöpft haben“. Sollten Verlängerungsmöglichkeiten nicht vorhanden sein, drohe Arbeitsplatzabbau. Dass die Situation den Arbeitsmarkt belaste, sei unstrittig.

Kurzarbeit nur maximal zwölf Monate möglich und einige haben es schon ausgeschöpft

Ein ähnlich unangenehmes Bild ergibt sich auch durch Nachfrage bei der SIHK: Julian Pflichthöfer, einer der Experten bei der SIHK, hat ebenfalls nichts Gutes gehört und befindet sich da in bester Gesellschaft mit MAV-Präsident Gökce, der die Situation schon einmal dramatisch beschrieben hatte. Pflichthöfer bestätigt: „Die Stimmung ist sehr trübe.“ Dazu hat er Zahlenmaterial aus Befragungen.

Frust der Unternehmer

Besonders tiefe Sorgenfalten gibt es demnach im Märkischen Kreis. Er schiebt das auch darauf, dass die Firmen dort noch stärker an der kränkelnden Automotive-Industrie hingen. Diese Tendenz könne man aus den Zahlen ableiten. Und: Hielten die Unternehmen Anfang des Jahres noch Fachkräftemangel für das größte Geschäftsrisiko, so rückt dieses Problem auf Rang fünf: „Weil es konjunkturell schwierig ist, ist dann auch der Personalbedarf eben nicht mehr so hoch.“ So schwächelt die heimische Industrie „wegen der mangelnden Inlandsnachfrage“ und „wegen der wirtschaftspolitischen Herausforderungen“. Da wird es politisch. Pflichthöfer nennt den Frust der Unternehmer über „die fehlenden Vorgaben der Politik“ oder den Wust an Bürokratie, dem die Unternehmen ausgesetzt seien.

Gebetsmühlenartige Hinweise an die Politik

Er zitiert den BIW-Chef, den Vizepräsidenten der DIHK, und Präsident der SIHK Hagen, Ralf Stoffels, der sinngemäß drauf verwiesen habe, dass das wirtschaftliche Klima „auf eine Deindustrialisierung“ zusteuere. Verständnis für die Industrie zu gewinnen, vor allem auf politischer Ebene, ist auch der Job der SIHK. So versuche man Landes- und Bundespolitiker in die Betriebe zu bringen, um das Verständnis zu fördern. Zudem weise man gebetsmühlenartig darauf hin, dass sich die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen verbessern müssen. Doch es kämen eben „keine Signale, auf die der Unternehmer hoffen könne. Noch eine Kennzahl hat Pflichthöfer: „Die Anzahl der eingetragenen Ausbildungsverträge ist niedriger als im vorigen Jahr.“

Bei manchen läuft es

Es gibt durchaus Unternehmen, da läuft es, auch wenn sie Warnsignale sehen. Ralf Ossenberg-Engels gehört mit seiner Ossenberg-Engels GmbH dazu. „Wir sind eigentlich ganz zufrieden,“ sagt er. „Wir machen keine Kurzarbeit.“ Das Unternehmen ist breit aufgestellt, umtriebig und man freut sich „über langfristige Verträge“. Einen Kunden aus dem Automobilbereich habe man und man könne keinen Rückgang erkennen. Doch auch Ossenberg-Engels sieht Anzeichen: „Um uns herum merken wir, dass es ruhiger wird. Die Zurückhaltung ist da. Aber wir können das gut ausgleichen.“ Aus dem Lieferantenpool höre man, dass Rückgänge zu verzeichnen seien und dass ruhigere Zeiten anbrechen. Ralf Ossenberg-Engels betonte jedenfalls, dass es als Unternehmer gelte, selbst Schritte zu unternehmen, Risiken aufzunehmen und sich in andere Bereiche hineinzuwagen. Selbst, wenn ein Projekt nichts werde, würden andere Dinge erfolgreich. Vertrieb in dieser Form sei wichtig.

Besser breit aufgestellt

Auch bei Firma Julius Klinke läuft es noch. „Schlechter als im vergangenen Jahr“ – aber es laufe, sagte Geschäftsführer Julius Klinke auf Nachfrage. Die Präzisionsdreherei ist in vielen Branchen unterwegs, Diversität in diesem Sinne ist etwas, das in unruhigen Zeiten hilfreich ist.

Hoffen auf solide Wirtschaftspolitik

Eine wirtschaftliche Einschätzung liefert auf Nachfrage auch die Vereinigte Sparkasse im Kreis. Die Finanzexperten diagnostizieren „eine anhaltende Wachstumsschwäche“. Ein prognostizierter Aufschwung sei ausgeblieben, weil die Konsumenten verunsichert und zurückhaltend seien, teilte Tomislav Majic für die Sparkasse mit. Bei der wirtschaftlichen Entwicklung gebe es Branchenunterschiede. Härter betroffen seien insbesondere jene, die stark von Energiepreisen, Rohstoffen und Fachkräften abhängig seien. Majic nennt Bauwirtschaft und verarbeitendes Gewerbe. Dazu zählen Schraubenhersteller oder Drahtproduzenten, Hersteller von Verbindungselementen, auch Gießereien haben es nicht leicht. Majic betonte: Doch es gebe eben auch jene, die stabil seien oder gar Wachstum generierten – in Nischenmärkten oder durch strategische Anpassungen. Gleichwohl sank laut Sparkasse der Ifo-Geschäftsklimaindex aktuell um 0,4 Punkte auf 86,6 Punkte. Und das seit drei Monaten. „Vor allem in der Industrie verschlechterte sich die Stimmung merklich,“ schreibt Majic. Auch bei den Dienstleistern sei die Stimmung eingetrübt. Nur beim Handel gehe es nach zwei Rückgängen in Folge leicht aufwärts.

Stärkeres Ausschöpfen der Kreditlinien

Ein entscheidender Punkt für manche Industrieunternehmen sei allerdings die „schlechte Stimmung in der Exportwirtschaft, denn die Ausfuhren im 2. Quartal gingen um 0,2 Prozent zurück, das Importgeschäft stagniere. Was Investitionen anbelangt, so konstatiert die Sparkasse Unterschiede: Wo die „finanzielle Situation stabil“ ist oder „in zukunftsträchtigen Branchen“, wird weiterhin Geld in die Hand genommen. Andere warten mit ihren Investitionen oder schöpften ihre Kreditlinien stärker aus, um „ihre Liquidität zu sichern“ oder auszubauen. Der Vorstandsvorsitzende der Vereinigten Sparkasse im MK, Kai Hagen, wird von Majic zitiert: „Die schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die damit verbunden Unsicherheiten lassen Unternehmen lange mit Investitionsentscheidungen ringen.“ Und Hagen ließ nicht unerwähnt, dass „das Augenmerk bei Investitionen zunehmend auf das Ausland gerichtet“ sei.

Gezielte Förderprogramme und endlich stabile Rahmenbedingungen

Wie auch immer: Bei der Vereinigten Sparkasse bleibt man noch entspannt: Die Zahl notleidender Kredite steige konjunkturbedingt moderat, und zwar in jenen Sektoren, die von der aktuellen Unsicherheit stark betroffen seien. Hier springe man als Sparkasse betroffenen Kunden bei, um durch „Restrukturierung oder Anpassung der Rückzahlungspläne“ zu unterstützen. Aus Sicht der Sparkasse sind eine Reihe von Maßnahmen nötig, um die Wirtschaft in der Region wieder voranzubringen: „Gezielte Förderprogramme, Investitionen in die Infrastruktur, stärkere Regionale Vernetzung und auch Initiativen, um Fachkräfte zu gewinnen“. Majic verweist in Beantwortung der Anfrage auf Verlautbarungen von Ökonomen und Wirtschaftsverbänden, welche strukturelle Reformen anmahnen, um die Standortbedingungen für die Unternehmen zu verbessern. Dabei gehe es um mehr Arbeitskräfte, Bürokratieabbau, weniger Steuern und ein sicheres Energieangebot. Vorstand Kai Hagen ergänzt: „Der Mittelstand ist grundsätzlich betrachtet solide aufgestellt. Für Störfaktoren, wie Kurzarbeit oder Liquiditätsengpässe, finden wir gemeinsam mit unseren Kunden die passenden Lösungen.“ Man sei bereit, den Mittelstand bei seiner Transformation mit Finanzierungsangeboten und staatlichen Fördermitteln umfassend in die Zukunft zu begleiten. Doch auch Kai Hagen nimmt die Politik in die Pflicht: „Der wichtigste Punkt allerdings ist, stabile Rahmenbedingungen zu schaffen, die sich nicht andauernd verändern. Letzteres liegt vollkommen in der Verantwortlichkeit der Politik.“

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