VonSimone Benninghausschließen
Katholische Gemeinde ohne Pfarrer: Das neue Leitungsteam stellt sich seinen Aufgaben.
Meinerzhagen/Kierspe – Priester sind Mangelware – ein Grund, warum es für die Pfarrei St. Maria Immaculata keinen Nachfolger für Peter Kroschewski gibt, nachdem dieser das Volmetal verlassen hat. Die Großpfarrei stellt sich daher neu auf, mit mehreren Pfarrbeauftragten als Leitungsteam an der Spitze.
„Die Seelsorge ist gesichert, das steht an erster Stelle“, sagt Pastor Gregor Myrda, der diesem Leitungsteam angehört. Bei der Teamsitzung im Pfarrbüro liegt sein Handy auf dem Tisch. „Ein wichtiges Arbeitsinstrument“, meint er. Immer erreichbar zu sein für die Gemeinde, das ist ihm wichtig. Vielleicht jetzt umso mehr, wenn sich die organisatorischen Strukturen in der Pfarrei ändern werden.
Um die Verwaltung der Pfarrei St. Maria Immaculata kümmert man sich künftig als Team. Hierzu zählt Ulrich Jatzkowski: „Wir gehen positiv da rein“, sagt der Kiersper und Holger Kappes führt weiter aus: „Dass es niemand Neues geben wird, hat uns das Bistum Essen klipp und klar gesagt. Aber auch, dass der Weg, den wir jetzt gehen, eine Lösung für uns sein könnte.“ Der Meinerzhagener Holger Kappes ist pensionierter Polizeibeamter und gehört neben Ulrich Jatzkowski, im beruflichen Leben Druckereikaufmann, zum neuen Leitungsteam. Die ehrenamtliche Kirchenarbeit ist für sie hingegen nicht neu, hier sind beide versiert und haben bereits in den vergangenen Jahren Mitverantwortung in der Pfarrei übernommen. Jatzkowski als Pfarrgemeinderatsvorsitzender und Kappes als stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstandes. Dass nun auch im Leitungsteam ein Vertreter aus Meinerzhagen und einer aus Kierspe kommt, sei bewusst gewählt. Weitere Pfarrbeauftragte ist neben Pastor Gregor Myrda Verwaltungsleiterin Tina Bock. Kreisdechant Patrick Schnell wird das Quartett als sogenannter „moderierender Priester“ unterstützen – auch, um dem Kirchenrecht Genüge zu tun. Einmal im Monat wird Schnell auch einen Gottesdienst in St. Maria Immaculata abhalten.
Im insgesamt 40 Pfarreien zählenden Bistum Essen sind alternative Pfarrleitungsmodelle nicht neu. „So wie es bei uns jetzt organisiert ist, ist es aber ein einmaliges Modell“, berichten die Pfarrbeauftragten.
Für die mehr als 6000 Pfarreimitglieder wird sich dabei künftig hinsichtlich der Gottesdienste kaum etwas ändern, wenn Pastor Gregor Myrda zusammen mit Pastor Stefan Beilicke die pastoralen Aufgaben übernimmt, wozu natürlich auch die Spendung der Sakramente gehört. „Das ist zu zweit zu bewältigen“, ist sich Gregor Myrda sicher und hat keine Sorge, künftig von Messe zu Messe eilen zu müssen. Bereits jetzt ist der wöchentliche Gottesdienstplan so konzipiert, dass er von zwei Geistlichen abgearbeitet werden kann. An allen Gottesdienstorten – Kierspe, Meinerzhagen Valbert und Grotewiese – können Messen gefeiert werden, betont das Leitungsteam. Das gilt auch für das Abhalten von Taufen – etwa 50 sind es jährlich in der Pfarrei, Hochzeiten („Verschwindend wenig.“) und Beerdigungen. Etwa 40 Beerdigungen seien es jährlich allein in Kierspe, berichtet Myrda. Er wolle für die Gemeinde da sein, sagt der 63-Jährige über seine Tätigkeit als Priester. Für ihn ist es daher eine bewusste Entscheidung, Priester und kein Pfarrer zu sein. „Ich bin Priester und das möchte ich machen: Seelsorge“, betont er.
Als Pfarrer sieht das Aufgabenfeld mit der Leitung einer Pfarrei ganz anders aus. Verwaltungsaufgaben beanspruchen nicht nur Zeit, sie verlangen auch Wissen, das nicht im Theologiestudium vermittelt wird. „Um eine Gemeinde mit 32 000 Mitgliedern leiten zu können, benötigt man eigentlich ein VWL- oder BWL-Studium“, beschreibt Ulrich Jatzkowski anhand eines Beispiels aus Gelsenkirchen. Im Volmetal ist die Pfarrei zwar deutlich kleiner, doch der Aufgabenbereich ist ähnlich. Als Pfarrer sei daher eigentlich eine zusätzliche Ausbildung erforderlich.
Die räumliche Entfernung zwischen Kierspe, Meinerzhagen und Valbert ist eine weitere Besonderheit: „Von Kirchturm zu Kirchturm wie in Gemeinden in Essen, Bochum oder Gelsenkirchen kann man bei uns nicht gucken.“ Auf ihre Fläche betrachtet ist die Gemeinde groß, nur nicht dicht besiedelt, nicht mit Katholiken. Dass die Zahl der Gläubigen allgemein sinkt – sowohl auf katholischer als auch auf evangelischer Seite – ist nicht neu. Auch Bischof Franz-Josef Overbeck sei bei seiner Visitation im Herbst darauf eingegangen, dass die Zeit der Volkskirche vorbei sei, erinnert das Leitungsteam.
Umso bedeutsamer sei es daher, die Ökumene im Blick zu haben. „Wir wollen natürlich weiter katholisch bleiben“, betont Ulrich Jatzkowski, doch es gehe darum, durch ein Miteinander positive Synergien zu erzielen und seitens der Kirche Angebote für Familien, Jugendliche oder Senioren machen zu können. Es gebe gute Möglichkeiten, Dinge miteinander zu entwickeln.
Sich zu entwickeln – das gilt auch für die Pfarrei, die vor 17 Jahren eine Großpfarrei wurde. Seither wächst man zusammen und dies wird auch weiterhin mit der neuen „Besetzung“ in der Pfarreileitung so sein. „Wir hoffen, dass alle den Weg mit uns gehen und uns unterstützen“, betonen Ulrich Jatzkowski und Holger Kappes und setzen weiterhin auf die ehrenamtliche Mitarbeit engagierter Gemeindemitglieder und den Austausch.
Wie die Pfarrbeauftragten ihre Aufgaben, dazu gehört die Verwaltung von Immobilien, Finanzen und Personal, die Mitwirkung auf Dekanatsebene oder im Kita-Kuratorium oder der Kontakt zur „Basis“ nach Essen, künftig verteilen werden, wird das Leitungsteam noch festlegen. Man könne das neue Modell der Gemeinde auch als Chance sehen, sagt Tina Bock: „Wir hoffen, dass alle mit uns auf den Zug aufspringen und gemeinsam sehen wir, was das neue Modell mit sich bringt.“ Sie ist sich sicher: „Auch ohne Pfarrer ist in unserer Gemeinde vieles möglich.“

