VonJohannes Opfermannschließen
Die Firma Lüling in Altena begreift Zuwanderung als Chance. Das Unternehmen sichert seinen Fachkräftebedarf und für Geflüchtete ist die Ausbildung der beste Weg sich zu integrieren.
Altena – Selbst für so ein traditionsreiches und großes Unternehmen wie Lüling ist die Suche nach Auszubildenden immer schwieriger. Doch der Mehraufwand, um insbesondere auch Zugewanderten über eine Ausbildung eine Chance zu geben und Perspektiven zu eröffnen, lohnt sich für beide Seiten.
„Ohne qualifiziertes Personal können wir nicht die Qualität liefern, die der Markt benötigt“, betont Lüling-Geschäftsführer Fabian Schmidt, der im Rahmen der Woche der Ausbildung neben Bürgermeister Uwe Kober auch Jörg Schuhmacher (Leiter Berufs- und Studienberatung) und Martin Döhler (Arbeitgeberservice) von der Agentur für Arbeit Iserlohn im Unternehmen begrüßte.
Fachkräfte sichern Qualität
70. 000 Tonnen gezogener Draht produziert Lüling mit seinen 140 Mitarbeitern an den Standorten in Altena und Iserlohn pro Jahr. 75 Prozent des Geschäfts sind dabei Komponenten für den Automobilbereich. Da der Lüling-Draht auch in Sicherheitsbereichen wie Bremsen oder Airbag-Systemen eingebaut werde und die Drahtherstellung eben nicht so simpel sei wie sich das mancher vorstelle, benötige man qualifizierte Fachkräfte, so Schmidt. Das schließe alle dort ausgebildeten Berufe mit ein, die Industriekaufleute ebenso wie Industriemechaniker, Elektroniker für Betriebstechnik, Werkstoffprüfer oder die Fachkraft für Metalltechnik (Fachrichtung Draht- und Umformtechnik) – klassisch bekannt als Drahtzieher.
Um neue Auszubildende zu gewinnen, muss das Unternehmen aber in den letzten zwei bis vier Jahren viel mehr Aufwand betreiben als früher. Zur Frage nach dem Warum gab es in der Diskussion verschiedene Erklärungen. „Auf der einen Seite sind die Jugendlichen mit dem Thema Ausbildung übersättigt, auf der anderen Seite ist eine große Unsicherheit bei den Schulabgängern, in welche Richtung sie gehen wollen, und auch eine wahnsinnige Nichtinformiertheit“, stellte Lüling-Personalleiterin Sandra Poppek fest. Es sei weniger Bereitschaft da, sich selbst zu informieren und aktiv zu werden. Jörg Schuhmacher von der Agentur für Arbeit kritisierte, dass der Hauptschulabschluss in der gesellschaftlichen Wahrnehmung nichts mehr wert sei. Statt eine duale Ausbildung zu beginnen, entschieden sich immer mehr Schulabgänger für ein weiteres Jahr am Berufskolleg, um einen höheren Abschluss zu erreichen. „Die Noten werden aber nicht immer besser“, so Schuhmacher.
Chancen für Menschen mit Startproblemen
Vermeintlich schwächere Schüler, aber auch Zugewanderte mit ihren Sprachproblemen zählen zu den „Menschen mit Startschwierigkeiten“, die bei dem Termin im Fokus standen. „Lüling ist ein Unternehmen, das diesen Menschen eine Chance gibt“, sagte Schuhmacher. Der 30-jährige Drahtzieher-Azubi Rami Kashoush ist einer davon. Der Syrer kam 2016 als Geflüchteter nach Altena, besuchte Sprach- und Integrationskurse, um rasch Deutsch zu lernen, und er arbeitete, zunächst aber ungelernt. Doch er wollte eine Ausbildung beginnen, denn „ohne Ausbildung ist es schwierig in Deutschland“, wie er sagt.
Diese Möglichkeit eröffnete sich ihm bei der Firma Lüling, die bereits bei anderen Zugewanderten positive Erfahrungen mit Einstiegsqualifizierungsmaßnahmen gemacht hatte. Die betriebliche Einstiegsqualifizierung (EQ) soll über ein langes Praktikum – bislang sechs bis zwölf Monate, ab April sind auch vier möglich – zu einer Ausbildung hinführen.
Betreuungsaufwand ist höher
„Das war für beide Seiten eine Investition, die zwar die klassische Ausbildung verlängert, die sich aber gelohnt hat“, sagt Personalleiterin Poppek. Insbesondere Geflüchteten eine Perspektive zu bieten, betrachtet die Firma auch als Teil ihrer gesellschaftlichen Verantwortung. „Man muss sich aber bewusst machen, dass es ein anderer Betreuungsaufwand ist“, so Poppek. Dazu gehört, Auszubildende wie Kashouosh zu unterstützen, wenn es um behördlichen Schriftverkehr, Fristen und Termine geht. „Wir lassen sie nicht im Regen stehen.“ Im Gegenzug habe Lüling einen sehr angenehmen und zuverlässigen Azubi und – nach hoffentlich bestandener Prüfung – auch künftigen Mitarbeiter.
Aus seiner früheren Ausbildung und Tätigkeit in Syrien im Bereich Baumaschinenreparatur kann Kashoush manche Kenntnisse übertragen, doch um die Maschinen bei Lüling richtig zu bedienen, sind gute Deutschkenntnisse unerlässlich. „Ich muss verstehen, was ich bei der Arbeit tun muss, aber das Wichtigste ist das Team: Die Leute bei Lüling haben mir sehr geholfen“, sagt er. „Die Integration ist in der Firma besser als draußen.“ Natürlich funktioniere das nicht immer so gut wie in diesem Fall, weiß Geschäftsführer Schmidt, gelebte Praxis sei es bei Lüling dennoch: „Herr Kashoush wäre nicht der erste und wird auch nicht der letzte sein, aus dem nach der Ausbildung ein guter, tragender Mitarbeiter wird.“

