VonFrank Zachariasschließen
Den Abend des 28. Juni wird Thomas Halbe so schnell nicht vergessen. Es war ein eigentlich ruhiger Abend – bis es auf der benachbarten Wiese seines Hofs in Werkshagen unruhig wurde.
Meinerzhagen – Dort grasten etwa 20 Jungbullen, die plötzlich in Panik geraten waren. Der Grund war aus der Ferne bereits zu erahnen, klein und graubraun. Halbe verließ sein Haus, leuchtete die Wiese mit seinem Trecker aus und sah: einen Wolf.
„Das war schon beunruhigend“, sagt Halbe eine Woche später, nachdem er in der MZ die Stellungnahme des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) gelesen hatte. Das hatte von einem „C3-Hinweis“ berichtet, also einer unbestätigten Wolfsichtung. Damit wäre der Fall aus Sicht des Landesamts also erledigt. Nicht aber für Thomas Halbe, der von seiner ganz speziellen Erfahrung mit einem Wolfsexperten aus Recklinghausen berichtet. Bis der jedoch eintraf, gab es ganz andere Probleme zu lösen.
Empfohlene „Hausmittel“ verfehlen ihre Wirkung
„Wir wissen ja nicht, wie wir mit so einer Situation umgehen sollen, also haben wir die Polizei gerufen“, erinnert sich der Werkshagener an den Abend der Wolf-Sichtung. Bis die Beamten eintrafen, versuchten er und sein Sohn, den Wolf in die Flucht zu schlagen. „Wir haben gemacht, was man immer hört: in die Hände geklatscht, Lärm gemacht. Der Wolf hat sich aber nur auf die Hinterpfoten gesetzt und wohl gedacht: Die komischen Vögel gucke ich mir mal genauer an.“ Sein Sohn hatte zuvor schon versucht, mit einem Jeep den Wolf zu verscheuchen. „Der lief erst weg, umrundete dann aber den Hof und schaute sich das Ganze in aller Ruhe von einem anderen Punkt aus an.“ Irgendwann habe er dann letztlich doch Reißaus genommen.
Die Polizisten indes konnten nicht viel mehr machen, als die Situation zu beobachten. „Mehr hätten die aber auch nicht machen dürfen, wenn der Wolf wiedergekommen wäre“, weiß Thomas Halbe. Ein Wolfsberater, den die Beamten angerufen hätten, habe keine wirklich hilfreichen Tipps geben können. „Die sollten das Blaulicht anmachen“, habe es da etwa geheißen, so Halbe.
Weitaus mehr ärgerte ihn jedoch der Auftritt eines Mitarbeiters des Lanuv, der nach Angaben des Landesamts für das sogenannte Wolfsmonitoring zuständig ist und zufällig in der Gegend unterwegs war. „Der hat mir eigentlich nur gesagt, dass man dem Wolf sogar dann nichts tun dürfe, wenn er gerade ein anderes Tier angreift“, sagt der Landwirt, der auch seine beiden Rottweiler als Wolfs-Abwehr einsetzen würde. „Die dürfe ich aber nur mit Maulkorb rauslassen, sagte der Experte“, erinnert sich Thomas Halbe und schüttelt den Kopf. Mit Blick auf das immer wieder propagierte Hilfsmittel „in die Hände klatschen“ sagt er bewusst zynisch: „Ich soll dem Wolf am Ende also auch noch applaudieren, wenn er ein Tier totbeißt!“
Was ihn am meisten ärgert, ist aber die fehlende Hilfestellung seitens des Landesamts für Umwelt, Natur und Verbraucherschutz. „Da fehlt einfach die klare Linie“, sagt Thomas Halbe. Noch ist die Region nicht als Wolfsgebiet deklariert, sodass ein Wolfsschutzzaun (noch) auf eigene Kosten angeschafft werden müsste – ein immenser Aufwand bei den 20 Hektar Land, die Halbe besitzt. Aber auch die Wirksamkeit dieser Zäune ist bei manchen Landwirten umstritten.
Dabei verfügt der Werkshagener über genügend Tiere, die er nur zu gerne auf die Weiden schicken würde. 40 Pferde und etwa genau so viele Kühe nennt er sein eigen, darunter auch viele Jungtiere, die dem Wolf schutzlos ausgeliefert werden. „Natürlich würde ich die gerne rausschicken – das kann ich gerade aber nicht verantworten“, sagt Thomas Halbe. An den möglichen wirtschaftlichen Schaden will er dabei gar nicht denken. „Allein bis zur Geburt kostet mich ein Fohlen fast 2000 Euro“, sagt der Pferdezüchter.
Zaun würde neue Debatten auslösen
Ein spezieller Zaun wäre ein Schutz, wenngleich dieser von einigen Landwirten als nicht wirksam genug eingeschätzt wird. „Aber dann kommen die Jäger und sagen, dass da die Hasen oder Rehe nicht mehr durchkommen“, befürchtet Halbe die nächste Debatte.
Was also tun? Gegen das Raubtier Wolf hat Halbe generell nichts, wie er sagt. „Der kann meinetwegen im Wald bleiben. Da kann er doch zum Beispiel auch ganze Futterstellen gelegt bekommen. Aber das, was wir hier jetzt erlebt haben, ist ein bisschen sehr nah. Er ist ja jetzt direkt im Dorf.“ Denn anders als das Lanuv weiß Thomas Halbe ganz genau, was er am späten Abend des 28. Juni gesehen hat. Die vom Landesamt als „unbestätigt“ deklarierte Sichtung ist für ihn eine ganz reale und ein deutlicher Beweis dafür, dass der Wolf in der Region angekommen ist.


