Bundestagswahl

Familie als Antrieb: Matthias Koch ist Bundestagskandidat für Bündnis 90/Die Grünen

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Matthias Koch in der Phänomenta: Den Farbmischer auf ganz schnell auf Grün gedreht.
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Matthias Koch ist der Bundestagskandidat für die Grünen. In der Lüdenscheider Phänomenta verriet er, warum seine Familie ein Antrieb für ihn ist und dass er eine CDU-Vergangenheit hat.

Lüdenscheid/Volmetal – Wenn der Wahlkampf so komprimiert daherkommt wie diesmal, lässt er den Kandidaten wenig Zeit zum Durchatmen. Im Grunde sind sie Gehetzte auf Zeit. Matthias Koch sieht man dies aber nicht an. Nicht im Navi, wohin die Wohlfahrtsverbände zum Speeddating mit dem Bürger geladen haben, und auch nicht zwei Tage später auf dem Podium der Wirtschaftsjunioren. Kein Heimspiel für einen, der für die Partei Bündnis 90/Die Grünen kandidiert. Eher das Gegenteil. Doch der Olper ruht auch an diesem Mittag an der Heerwiese in sich. Hier kann er nicht gewinnen, aber er verlässt das Spielfeld, wie man schön sagt, hocherhobenen Hauptes.

Zwei Stunden vor dem Termin bei den Wirtschaftsjunioren nimmt sich Koch Zeit für ein Gespräch. Es soll um ihn gehen. Um den Menschen. An einem Ort in Lüdenscheid, der zu ihm passt. Koch hat direkt ans Saunadorf gedacht, doch das hat mittwochs geschlossen. Also: die Phänomenta, hier hat sein Enkel eine Dauerkarte. „Alles Technische hat mich immer gereizt“, sagt er. Er trägt einen grünen Pullover unterm schwarzen Sakko. Dazu die Sonnenblume am Revers. Corporate Design seiner Partei. Sportlich wirkt er. Jung geblieben ist der Mann, der 1962 in Olpe zur Welt gekommen ist. Der Sport, die Natur, die Familie, das Geschäft. All das hat ihn jung gehalten. Die Politik, sie ist ja erst spät dazu gekommen.

„CDU-Größen haben bei uns geschlafen“

Wobei: Eigentlich war sie schon immer da. Groß geworden ist Koch in einem katholisch geprägten CDU-Elternhaus, hat sogar mal mit einem Freund die Schüler-Union in Olpe gegründet. „Wenn Schützenfest war, haben die bekannten CDU-Größen bei uns geschlafen“, sagt er und erzählt von einem Besuch von Rainer Barzel in der Olper Stadthalle. 1972 war das, Barzel wollte Kanzler werden, holte fast 45 Prozent der Stimmen, aber Kanzler wurde Brandt. Koch durfte Barzel damals einen Blumenstrauß überreichen. Das Bild gibt’s noch. Ein junger Bursche im Pullunder mit vollem Haar. Lang ist’s her. Frisur und Partei haben sich gleichermaßen geändert.

Frühe Politiknähe: Matthias Koch 1972 beim CDU-Wahlkampf mit Rainer Barzel in der Olper Stadthalle.

Im Hause Koch ging’s schon früh um Umwelt und Klima. Seine ältere Schwester hatte dem Vater ein Buch vom „Club of Rome“ geschenkt, der Vater, bis heute ein Vorbild für Koch, hatte es gelesen – und sich danach vor Ort stark gemacht für die Dinge, die Markenkern der Grünen werden sollten. Koch erinnert sich nicht genau, aber einmal habe er am Anfang wohl noch schwarz gewählt, danach immer grün, sagt er. Ideelle Heimat. Er hat auch in den 80er-Jahren gegen Atomkraft demonstriert. Bis heute ist er Gegner geblieben.

Politik war indes lange kein bestimmendes Lebensthema. Matthias Koch ließ sich zum Radio- und Fernsehtechniker ausbilden, begann in Siegen ein Studium der Elektrotechnik. Und wurde dann im elterlichen Tabakgeschäft gebraucht. Das Geschäft hatte die Oma gegründet. „Ich musste da einsteigen und wollte noch parallel weiter studieren, aber das hat am Ende nicht geklappt“, blickt der Olper zurück. Stattdessen eröffnete er ein zweites Geschäft in einem Supermarkt („Sonst hätte es ein anderer gemacht und wäre mein Konkurrent gewesen…“). Und statt des Studiums schloss Koch – unterwegs bei der nächsten Leidenschaft seines Lebens – eine Tauchlehrerausbildung ab und eröffnete einen Tauchladen. Koch machte am Biggesee zudem eine Tauchschule auf, die Tabakwaren liefen stets parallel. Bis ins Jahr 2000. 

Rat der Tochter

Dann verkaufte er Tauchladen und Tauchschule und arbeitete sieben Jahre als Verkaufsleiter für Johnson Outdoors. Hauptsitz in Frankreich, Produktion in Italien, Deutschlandsitz an der Schweizer Grenze. Der Olper war viel unterwegs – und hatte irgendwann genug, wollte wieder mehr daheim bei der Familie zu sein. So folgte ab 2008 eine Zeit, in der er mit seiner Technik-Begabung und seinem reichen Erfahrungsschatz Lampen fürs Tauchen mitentwickelte und vertrieb. Bis 2013. Dann kehrte er zu den Wurzeln zurück, kümmerte sich wieder selbst um die Tabakwaren, in zwei Geschäften, bis heute. „Als ich das Geschäft übernommen habe, waren Tabakwaren noch positiv konnotiert, wie heute ein Weingeschäft“, sagt Matthias Koch. Es klingt ein bisschen traurig. Er hat auch selbst geraucht. „Weil’s in der Clique mit 15 alle gemacht haben“, sagt er. Aber als er 40 war, hat er von einem Tag auf den anderen aufgehört. „Meine Tochter hat mich damals drum gebeten“, sagt er. „Sie hat mir gesagt, dass sie will, dass ich sehr alt werde. Da hab ich das gemacht. Na klar.“

Vier Töchter hat Matthias Koch, der sich als Familienmensch bezeichnet. Und vier Enkel, der fünfte ist unterwegs. „Das ist für mich der Antrieb gewesen, politisch aktiv zu werden. Für ihre Zukunft“, stellt er beim Cappuccino fest. Er erinnert sich noch genau. Es war 2019, „Fridays für Future“. „Die jungen Menschen gingen auf die Straße, und ich? Ich wollte doch auch was tun.“ Die Überzeugung ruhte ohnehin tief in Koch, praktisch seit der Diskussionen im Elternhaus, seit dem Club-of-Rome-Buch. So kam er zu den Olper Grünen, wurde direkt zur Delegiertenkonferenz nach Bielefeld geschickt und fand’s so spannend, dass er sich kaum wagte, auf Toilette zu gehen. Aus Angst, etwas zu verpassen.

2021 wurde Koch in Olpe Bürgermeisterkandidat und holt achtbare 18 Prozent, acht mehr als der SPD-Mitbewerber. Die Grünen sind seitdem zweitstärkste Fraktion im Stadtrat. Er ist aufgegangen in der neuen Aufgabe und ist sich doch immer treu geblieben. Die christlichen Werte hat er sich bis heute bewahrt. „Im Grunde korrespondieren sie mit den Menschenrechten“, sagt er und macht gerade auch in der Migrationspolitik klar, dass er hier sehr grundsätzlich gegen jede Form von Zurückweisung ist, auch an den Außengrenzen der EU. Auch als Christ.

Ich falle in kein tiefes Loch, wenn das nicht klappt. Aber man kann keinen Wahlkampf machen, wenn man es nicht selbst irgendwie für möglich hält, dass es klappen kann.

Matthias Koch (Grüne)

Koch hat viel diskutiert, sich eingebracht, geht in vielem mit seiner Partei. „Aber natürlich ist es so, dass es keine Partei gibt, mit der ich zu 100 Prozent übereinstimme. Es gibt eine große Schnittmenge bei mir und den Grünen. Aber wenn einer sagt, dass er zu 100 Prozent mit der Partei d’accord ist, was ist das dann für ein Parteisoldat?“ Koch ist kein Parteisoldat. Er ist einer, der bereit ist, Mehrheitsmeinungen mitzutragen. Er hat im Wahlkampf zweimal den Petra-Kelly-Film gezeigt, in Attendorn und Meinerzhagen, hat darüber diskutiert. Kelly, die Pazifistin, die Grünen als Friedenspartei. Wie verträgt sich das mit Waffenlieferungen in Kriegsgebiete? „Da sind wir je nach Person sehr unterschiedlicher Meinung. Wir haben intensiv darüber gesprochen, es ist ein Konsens gefunden worden.“ Er sagt auf Nachfrage: „Aus meinem Gefühl ist es falsch.“ Und wirbt dann doch für den Kompromiss. Auch dafür akzeptiert Koch Gründe, vertritt sie ohne Groll.

Genug der Politik. Koch hat so viele andere Facetten. Der Naturmensch, der gerne wandert. Der Sportler, der taucht, Kanu fährt und im Winter Ski, aber vor allem Langlauf. Klassisch. Koch, der Imker. Koch, der Radfahrer. Biobike für den Alltag, nicht als Passion. Koch, der Motorradfahrer, aber mit ganz altem Krad und nur noch sehr wenige Kilometer im Jahr. 

Immer auf Achse, immer mit Herzblut. Auch im Wahlkampf. Fernziel Berlin? „Ich falle in kein tiefes Loch, wenn das nicht klappt“, sagt Matthias Koch, „aber man kann keinen Wahlkampf machen, wenn man es nicht selbst irgendwie für möglich hält, dass es klappen kann. Dann wäre man kein guter Kandidat.“ Er hält inne. Dann sagt er: „Ich habe schon Wohnungen für meine Töchter gemietet in Berlin, wenn die das mal brauchten. Insofern: Ich weiß, wie‘s geht. Auch wenn ich’s wahrscheinlich nicht in Anspruch nehmen muss.“

Bundestagskandidaten im Wahlkreis 148

Am 23. Februar wird ein neuer Bundestag gewählt. Im Wahlkreis 148 (Lüdenscheid, Herscheid, Schalksmühle, Halver, Kierspe, Meinerzhagen und der Kreis Olpe) bewerben sich acht Kandidatinnen und Kandidaten ums Direktmandat: Florian Müller (CDU), Nezahat Baradari (SPD), Johannes Vogel (FDP), Matthias Koch (Bündnis 90/Die Grünen), Otto Ersching (Die Linke), Horst Karpinsky (AfD), Marion Linde (Freie Wähler) und Axel Turck (Stimme für Volksentscheide). Die Lokalzeitung stellt sie in einer Serie vor. Heute: Matthias Koch.

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