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Familie Turk betreibt seit bald 25 Jahren den Stortelhof im Nebenerwerb und erlebt dabei immer wieder Überraschungen. Die jüngste hat Federn.
Altena/Werdohl – Seit bald 25 Jahren bewohnt und bewirtschaftet die Familie Turk den mehr als 400 Jahre alten Stortelhof genau an der Stadtgrenze zwischen Altena und Werdohl. Hauptberuflich betreiben Vater Volker (64) und Sohn Sascha (40) eine Firma für Drucklufttechnik und einen Auto-Waschpark in der Rahmede. Ihr Herz aber schlägt für die Tiere: Kühe, Pferde und Hunde. Jetzt sind auch noch Falken und Bienen dazugekommen. Turks erzählen Geschichten vom Bauernhof.
Landwirtschaft im Nebenerwerb bedeutet vor allem eines: Unfassbar viel Arbeit. Montags bis Samstag arbeiten die beiden Männer zwölf Stunden am Tag, sonntags ist Feierabend gegen Mittag. In der Erntezeit, wenn die Wiesen gemäht werden und Futter gemacht werden muss, arbeiten sie allerdings noch mehr. Warum tut man sich das an? Sascha Turk lacht. Er hat den Beruf des Landwirtes gelernt, während Vater Volker Drahtzieher war. Irgendwie mochten alle Turks Pferde und Kühe gerne, aber für einen Vollerwerbshof sahen sie nie eine wirtschaftliche Chance. Und die Haltung von 500 Stück Milchvieh sei auch nicht ihre Vorstellung von Landwirtschaft.
Als dann 2000 der total heruntergekommene Stortelhof zum Verkauf stand, packten Turks die Gelegenheit beim Schopf, um den Traum vom eigenen Bauernhof zu verwirklichen. Eine Familie Spannagel hatte den Hof zuletzt bewirtschaftet, danach waren sogar die Eichentüren ausgebaut worden. Es regnete durchs Dach, eine Erbengemeinschaft kümmerte sich nicht mehr um den ehemaligen Lehnshof. Familie Turk stammt aus Werdohl und lebte bis 2000 in Affeln. Am 1. Mai übernahmen sie den verfallenen Hof unmittelbar neben dem ehemaligen Kohlekraftwerk Elverlingsen.
Die Männer bauten die beiden Häuser Stortel 1 und 2 wieder auf und machten sie für zwei Familien bewohnbar. Neben Volker und Daniela Turk wohnen dort noch Sascha und Kerstin Turk mit Sohn Niklas. Dazu gibt es Ställe, Garagen, Schuppen und Unterstände. Zunächst boten Turks einen Pensionspferdebetrieb an, die Eheleute reiten selbst gern. Mit den meist weiblichen Pferdebesitzerinnen gab es aber immer mal Schwierigkeiten, die Belegung der Ställe wurde regelmäßig gewechselt. Sieben eigene Pferde gesellten sich zu den Pensionspferden auf den Koppeln in Sichtweite des Kraftwerks.
Nach und nach ließen Turks die Pferdepension auslaufen und stellten sich stattdessen ein paar Kühe in den Stall. Die Tiere blieben den ganzen Sommer draußen und fraßen das Gras von der Wiese. 2012 wurde die Kuhhaltung zum Nebenerwerb. Volker Turk: „Wir passten einfach gut rein in das Bioprogramm.“ Schweine dürfe man nur halten, wenn man auch Ackerbau betreibe, und „Schafe sind nicht so unsere Sache.“
Heu für den Winter kommt von den Wiesen am Bergfeld. Die Kälbchen bleiben sechs bis neun Monate bei ihren Müttern auf der Wiese. Ein eigener Zuchtbulle erledigt die Besamung der Kühe auf natürliche Weise, künstliche Besamung gibt es auf dem Stortelhof nicht. Die Bio-Kälber werden zum Teil verkauft, zum Teil bleiben sie in der eigenen Herde und ersetzen zu alt gewordene Mutterkühe. Die männlichen Kälber werden komplett verkauft, sie gehen in die Mast.
Beide Turks sagen die Dinge, so wie sie sind: „Es gibt auch doofe und blöde Tiere, genau wie bei uns Menschen. Ab und zu randaliert ein Bulle auf der Weide, der muss dann weg.“ Die Haltung von Biobullen sei extrem aufwendig, weil sie ja auch den ganzen Sommer draußen gehalten werden müssen. „So einen halbstarken Bullen auf der Weide zu halten, wenn er vor seinen Augen jede Menge Kühe hat, ist nicht möglich.“
Turks halten auf diese Weise 13 Mutterkühe und 12 weitere Jungtiere, die nach zwei Jahren gedeckt werden können. Auf den Weiden rund um den Hof stehen also stets um die 25 Tiere. Das Fleckvieh, die bei Turks lebt, hat genetisch bedingt keine Hörner. „Wir schneiden keinem Kalb die Hörner ab“, sagt Sascha Turk. Dass die Kühe keine Hörner tagen, sei für die Sicherheit von Mensch und Tier von Bedeutung. „Die Kühe sind bewaffnet mit ihren Hörnern. Die können sich im Spiel gegenseitig Verletzungen zufügen, die kleinste Kuh zieht immer den Kürzeren. Auch für mich als Bauer auf der Weide ist das gut.“
Hörner tragen allerdings die buntgescheckten Kühe, die auf der dem Kraftwerk zugewandten Weide stehen. Die zehn Tiere stammen aus einem ostdeutschen Bio-Betrieb, der sie nicht mehr ernähren konnte. Der dortige Kreisveterinär bot sie zum Verkauf an, Turks nahmen die Kühe zu sich auf den Stortelhof. Volker Turk: „Ich habe noch nie so hungrige Tiere gesehen, die haben drei Tage lang nur gefressen. Da geht mir die Galle hoch: Wie kann man sich Tiere halten und kann sie nicht füttern?“
Tierhaltung bedeute Verantwortung für die Lebewesen und die Natur, meinen die Turks. Ein kritisches Verhältnis haben sie zu den Gastanglern, die von außerhalb kommen und bei Turks an der Lenne fischen. „Die sitzen im Kofferraum und halten die Angel raus, trinken Pulllenbier dabei und lassen ihren ganzen Dreck bei uns in den Weiden.“
In die Geschichte von Verantwortung für Tier und Land passt auch die Geschichte mit den gestohlenen Bienenstöcken. Volker Turk entdeckte vier besetzte Meuten, die Waben voll mit Honig, abgestellt auf seiner Weide. Ein leerer Kasten war auch dabei. Es stellte sich heraus, dass die Bienenstöcke gestohlen worden waren. Der Dieb hatte sie zur Akklimatisation bei Turks abgestellt. Die Polizei informierte den bestohlenen Imker, der seine Stöcke abholte. Bretter und Plastikkisten ließ er auf der Weide zurück, die würden ja dem Dieb gehören. Volker Turk schüttelt den Kopf: „Jetzt müssen wir den Müll entsorgen, weil sich die Imker gegenseitig beklauen.“
Seit ein paar Tagen bietet der Stortelhof auch Unterkunft für das Falken-Paar, das bei der Sprengung des Kühlturms vergrämt wurde. Eigentlich sollten die Falken in einen Nistkasten auf einem Metallturm umsiedeln. Turk in der ihm eigenen Art: „Das hat den Falken wohl keiner gesagt, wo sie hinsollen.“ Ein paar Wochen lang konnten sie die Vögel beobachten, wie sie in der Gegend herumirrten. Jetzt hat sich das Paar Brocken aus der Mauer unterm Gutshof-Dach gepickelt und zieht dort die Jungen groß – Happy End auf dem Stortelhof.


