Lange Wartelisten bei Schuldnerberatung

In Folge der Inflation: Immer mehr Hammer am Existenzlimit

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Viel Monat am Ende des Geldes. Die hohe Inflation macht das Wirtschaften für viele noch schwieriger.
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Die Inflation treibt das Risiko zur Überschuldung deutlich in die Höhe. Die Schuldnerberatungsstellen schlagen Alarm.

Hamm – Lebensmittel, Energiepreise, Mietkosten: Innerhalb eines Jahres sind die Lebenshaltungskosten dramatisch gestiegen. Bei den Trägern im Arbeitskreis Schuldnerberatung werden die Wartelisten für eine Beratung immer länger. Für die Träger ist das Alarmsignal und Anlass, die Aktionswoche Schuldnerberatung unter das Motto „Was können wir uns noch leisten? – Überschuldungsrisiko Inflation“ zu stellen.

„Den Schritt in die Schuldnerberatung gehen viele erst, wenn alles ausgereizt ist“, sagt Sirus Pezeschgi, Schuldner- und Verbrauchsinsolvenzberater der Verbraucherzentrale NRW. Die Verbraucherzentrale gehört neben dem KSD (katholischer Sozialdienst) dem AKJ (Arbeitskreis für Jugendhilfe) und der Städtischen Schuldnerberatung dem Arbeitskreis an. Die Aktionswoche findet vom 12. bis 16. Juni statt. Sie soll Menschen ermutigen, frühzeitig Hilfe anzunehmen.

Raus aus der Schuldenfalle. Susanne Wilke, Maria-Elisabeth Lang, Sirus Pezeschgi, Mirja Thürnau, Pia Deutscher, Ewald Wehner und Maike Staufenbiel (von links) helfen dabei.

Armutsrisiko Inflation: Die Kosten steigen, der Lohn steigt nicht mit

„Inflation ist ein Thema, das uns alle betrifft“, sagt Sirus Pezeschgi. Alle Kosten stiegen, doch der Lohn steige nicht mit. Für Menschen mit geringerem oder prekärem Einkommen sei es noch schwieriger hauszuhalten. Und gerade in Hamm gibt es vergleichsweise viele Menschen, die wenig verdienen. Schuldenfallen gebe es überall, das Thema sei längst auch in der Mittelschicht angekommen. Genaue Fallzahlen liegen zwar nicht vor, aber sie stiegen. Darin sind sich die Träger einig.

Bezahlsysteme mit Ratenzahlung oder „pay later“ forcierten das Problem und führten bereits verschuldete Personen immer weiter in den Teufelskreis, bis Inkasso-Unternehmen eingeschaltet würden. „Es wird jedem die Möglichkeit gegeben, sich ungeprüft dem Konsum hinzugeben“, sagt Mirja Thürnau, Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberaterin der Verbraucherzentrale.

Gang zur Schuldnerberatung: Viele trauen sich erst spät, Hilfe zu suchen

Der Gang zur Schuldnerberatung sei in den Augen der Klienten zumeist die letzte Möglichkeit, oft wenn sich die Mahnungen schon stapelten. „Das Überwinden von Scham und Schuld, die in dem Begriff Schuldnerberatung mitklingt, ist die Tür, durch die alle müssen“, sagt Ewald Wehner, Schuldnerberater beim AKJ. „Dabei kann jeder sehr schnell in eine solche Situation geraten. In der Beratung geht es neben der wirtschaftlichen Sicherung auch um psychosoziale Nöte und die Wiederherstellung der Teilhabe an der Gesellschaft. Durch Überschuldung sind Menschen abgekoppelt.“

Existenzsichernde Maßnahmen können in den Sprechstunden in der Regel innerhalb einer Woche angegangen werden, eine umfassende Budgetplanung braucht länger. KSD, Stadt und Verbraucherzentrale bieten täglich Sprechstunden an. Da sei Hamm im Vergleich zu anderen Kommunen noch gut aufgestellt, sagt Maria-Elisabeth Lang vom KSD, denn einen dringend erforderlichen Rechtsanspruch auf Schuldnerberatung gebe es bisher nicht. Am Personal mangele es dennoch. „Wir arbeiten alle am Anschlag“, sagt Sirus Pezeschgi.

Mitarbeit: Katharina Schellhove

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