Weltfrauentag

Mütter Macht Politik: Wie Frauen sich in der Politik behaupten

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Petra Gossen ist seit 30 Jahren SPD-Ratsfrau, Astrid Kahlke (Grüne, rechts) war schon in der Anti-AKW-Bewegung aktiv.
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Vor rund 100 Jahren durften Frauen in Deutschland erstmals direkten Einfluss auf die Politik nehmen: wählen und gewählt werden. Doch in der Politik sind sie noch immer unterrepräsentiert. Ein Gespräch mit sechs Meinerzhagener Ratsfrauen anlässlich des Weltfrauentags.

Meinerzhagen/Valbert – Wir fragten Susanne Schluckwirth und Nadine Blume von der CDU, Petra Gossen von der SPD, Birgit Claus und Astrid Kahlke von den Grünen und Gesche Hildebrandt von der FDP: Wieso machen sie Politik? Und: Brauchen sie weibliche Verstärkung?

35,7 Prozent: Das ist der Anteil von Frauen im Bundestag. In Landtagen liegt der Frauenanteil bei 34,2 Prozent. Knapp 30 Prozent sind es in den kommunalen Vertretungen. Mehr als 90 Prozent der Rathäuser und Landkreise werden von Männern geführt. Mit Blick auf Meinerzhagen liegt der Frauenanteil im Rat bei 27 Prozent. Zehn Ratsfrauen, 27 Herren. Drei Ratsfrauen sind jeweils in den CDU-, SPD- und Grünen-Fraktionen – allerdings bei sehr unterschiedlicher Fraktionsstärke (CDU: 17, SPD: 7, Grüne: 6) – eine ist in der FDP-Fraktion (bei drei Mandaten), keine in der Fraktion der UWG.

Frauen machen mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus, ihre Erfahrungen, Sichtweisen und Kompetenzen sind jedoch unterrepräsentiert. Das unterschreiben alle Ratsfrauen. Die Gründe sind allerdings vielfältig und historischer, individueller, politisch-kultureller und institutioneller Natur. „Die moderne Demokratie entstand ohne Frauen. Die historische Weichenstellung wirkt nach und beeinflusst die Rituale, die formellen und informellen Abläufe der Politik und das Bild des männlichen Politikers: Beispielsweise werden viele Entscheidungen beim abendlichen Stammtisch getroffen, Sitzungen gehen oft bis spät in die Nacht und auch Netzwerke und Unterstützung untereinander ist männliches Terrain, Frauen erleben Sexismus und Herabwürdigung aufgrund ihres Geschlechts“, erklärt etwa die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin.

Keine der Ratsfrauen fühlt sich in Meinerzhagen aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert. Im Gegenteil. Doch das Bild der männlichen Politiker, die untereinander stark vernetzt sind, auch als Väter keine Probleme mit abendlichen Sitzungen haben und sich auf ein Bier treffen, bestätige sich auch in Meinerzhagen.

Petra Gossen und Astrid Kahlke, die wir zum gemeinsamen Gespräch treffen, sagen, dass Netzwerke, wie sie Männer in Meinerzhagen haben, ihnen als Politikerinnen fehlen. „Als Frau ist es unheimlich schwer, da reinzukommen“, sagt Astrid Kahlke. Aber die zehn Ratsfrauen tun sich seit zwei Jahren zusammen. Sie treffen sich auf einer anderen Ebene, wie sie erklären. Sie wollen netzwerken, sich untereinander kennenlernen und verbinden, wenn sie schon wenige sind, erklärt Petra Gossen.

Erstmals ist nun auch die FDP mit Gesche Hildebrandt vertreten. Sie rückte nach, nachdem Kai Krause seinen Fraktionsvorsitz abgab. Manchmal geht es schnell.

Astrid Kahlke

Astrid Kahlke wurde über eine Informationsveranstaltung der Grünen zur sachkundigen Bürgerin, ließ sich bei den Wahlen auf Listenplatz fünf setzen und wurde aufgrund der hohen Wählerzahl gegen ihre Erwartungen Ratsfrau. Politisiert wurde die 68-Jährige in der Anti-AKW-Bewegung. Aufgrund ihres Berufes als Lehrerin interessierte sie sich auch immer mehr für Schulpolitik, wenngleich Umweltpolitik für sie bis heute an erster Stelle steht. Zeit für Politik hat sie aber erst im Ruhestand gefunden. Beruf und Familie zu vereinbaren war ohnehin schon oft ein Spagat. Sich dann noch in Kommunalpolitik einarbeiten, scheint für sie rückblickend nur äußerst schwer möglich.

Petra Gossen

Anders war das bei der Sozialdemokratin Petra Gossen. Aufgewachsen als Arbeiterkind in Dortmund, gab es für sie schon immer nur die SPD. Aber es ist auch das Programm der Partei, das sie überzeugt hat. Politisiert wurde sie durch ihre Aktivität in Klassen- und Schulpflegschaften in den Schulen ihrer zwei Kinder. Sie selbst durfte kein Abitur machen, das gehörte sich für Mädchen nach Meinung ihrer Eltern nicht. Sie sah das als erwachsene Frau allerdings anders. Dass sie heute Politikerin ist, hätte ihre Mutter ihr wohl nie zugetraut, sagt die 68-Jährige. Seit 1989 ist sie politisch aktiv. Seit 30 Jahren als Ratsfrau in Meinerzhagen. Seit 2014 ist die Meinerzhagenerin Abgeordnete des Kreistags.

Gemeinsam haben Petra Gossen und ihre Ratskollegin Astrid Kahlke die Erziehung. Zurückhaltend sollten Frauen sein und sich nicht einmischen, erinnert sich auch Astrid Kahlke an die Worte ihrer Mutter. Beide Ratsfrauen haben sich gegen dieses Rollenbild widersetzt und kritisierten sogar ihre Mütter. „Ich könnte nicht nur Hausfrau sein“, sagte Astrid Kahlke zu ihrer Mutter. Sie selbst hatte, als sie selbst Mutter wurde, eine Kinderfrau, um Job und Familie zu vereinbaren. Doch das schlechte Gewissen verließ sie nie. Die Grünen-Politikern fragte ihren mittlerweile erwachsenen Sohn, ob es jemals ein Problem für ihn war. Rückblickend sagte er seiner Mutter aber, dass es richtig und wichtig war, ihm zu zeigen, dass auch Mama arbeiten geht.

Birgit Claus

Eine Kinderfrau gab es auch im Hause von Birgit Claus. Die Mutter zweier Kinder ist Biologin und in der Pharmabranche beschäftigt. Eine Kinderfrau müsse man sich leisten können, ist sie ehrlich. Aber so hat auch sie es geschafft, Beruf und Familie zu vereinbaren. Zeit für mehr hatte sie aber nicht. Erst mit 40 Jahren fing sie wieder an, ihr Hobby, das Singen, aufzunehmen. Früher, meint die Meinerzhagenerin, seien Frauen oft gar nicht frei, und schieben alles für die Familie beiseite.

Birgit Claus (Grüne) schmunzelt über Politiker, die breitbeinig sitzen und laut werden, und kann selbst gut streiten.

Mit der Politik begann die 65-Jährige erst vor drei Jahren. Den ersten Auftritt hatte sie in der Stunde der Öffentlichkeit als Biologin, als geplant war, giftige Tulpenbäume auf dem Otto-Fuchs-Platz zu pflanzen. Den Startschuss für eine politische Aktivität gab dann die Diskussion um den Abriss der Stadthalle. Sie trat den Grünen bei, weil sie lange die einzige Partei war, die für den Erhalt der Bürgerhalle war.

Wofür die Meinerzhagenerin heute vor allem einstehen will, sind Senioren und Kultur. Das Thema Senioren kommt wohl daher, vermutet sie, dass sie selbst lange ihren Vater betreut hat, der im Alter einsamer wurde. Kultur ist für sie aufgrund ihres Hobbys ein großes Anliegen, aber auch als Begegnung ein wichtiger Aspekt für die Gesellschaft, die immer bunter werde. Das täte auch dem Rat gut. Der Frauenanteil sei das eine, das andere Vielfalt mit Blick auf Alter, Religionen und Migrationshintergründe. Für Frauen gibt es mittlerweile Quoten. Petra Gossen sagt, sie bringen nur nur so lange etwas, wie es auch Frauen gibt. Auch beim Alter sehen Petra Gossen und Astrid Kahlke ein Problem. So seien es mitunter auch die Politiker, die schon viele Jahre und Jahrzehnte aktiv sind, die Jüngeren den Weg nicht frei machen – was Nachwuchs abschrecke, vermuten sie.

Susanne Schluckwirth

Dieser Aspekt werde aber immer besser. Das stellt zumindest Susanne Schluckwirth in ihrer und der größten Fraktion fest, der CDU. Der Altersdurchschnitt werde besser. Grundsätzlich sagt auch sie, dass es Menschen aus jeder Lebenslage braucht, um verschiedene Perspektiven auf Themen zu haben. Sie würde sich wünschen, dass sich mehr Menschen, auch Frauen, Politik zutrauen würden.

Susanne Schluckwirth (CDU) hat das Gefühl, ihre Meinung ist in der Politik und ihrer Fraktion gefragt.

Wichtig sei, dass man eine Meinung hat und diese auch vertritt. Als sie 2013 von einem Fraktionskollegen gefragt wurde, ob sie der Partei beitreten wolle, war ihre klare Bedingung: „Wenn ich das mache, dann hab ich eine Meinung.“ Und die behalte sie auch dann, wenn die Mehrheit der Fraktion eine andere hat. Aber genau das habe die CDU-Fraktion gewollt und der Eindruck bestätige sich bis heute. „Ich habe das Gefühl, ich kann und soll etwas sagen.“ Mehr Frauen würden „mit offenen Armen empfangen werden“, ist sich Susanne Schluckwirth sicher. Wie wohl bei jeder Partei, wie Astrid Kahlke sagt. Sobald eine Frau die Stunde der Öffentlichkeit nutzt, denke sie sich oft: „Die krallen wir uns jetzt.“

Susanne Schluckwirth ist 47 Jahre alt, Sozialpädagogin und Mutter zweier erwachsener Kinder. Zu Beginn ihrer politischen Laufbahn waren die Kinder noch zehn und zwölf Jahre alt. Ganz einfach, Politik, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, war es nicht. Ohne Unterstützung von Großeltern und einem teils gestressten Ehemann, wie sie mit einem zwinkernden Auge sagt, wäre das nicht möglich gewesen. Aber sie wollte Politik machen, weil sie nicht mehr nur meckern, sondern auch mitgestalten und etwas verändern wollte.

Dass es die CDU wird, war glasklar, denn sie stamme aus einer CDU-Familie. Ihre Eltern sagten ihr immer, ihre Stimme sei wertvoll und auch als Frau könne sie alles sein. Während sie in den sozialen Bereich wollte, schlug ihr Vater eine Karriere in der Bank vor. Sie selbst nahm sich daher als Frau nie als Opfer wahr, benachteiligt oder diskriminiert. Dass es Frauen auch anders ergeht, ist ihr aber sehr wohl bewusst.

Gesche Hildebrandt

Den beruflichen Weg in die Bank, besser gesagt in die Volksbank, hat Gesche Hildebrandt eingeschlagen. Die neue Ratsfrau der FDP-Fraktion war schon immer politisch interessiert, entschied sich aber erst 2021 für eine aktive Beteiligung. Gerade mit Blick auf die Bundespolitik und Entscheidungen für den ländlichen Raum war sie alles andere als zufrieden, aber „nur meckern“ helfe nicht. Hans-Dietrich Genscher (FDP) hat sie beeindruckt und die liberalen Werte der FDP passen zu ihrer Wertvorstellung.

Gesche Hildebrandt: neue und erste FDP-Ratsfrau.

Themen, für die sie sich lokal stark machen will, sind die Innenstadt, die auch mit Blick auf das Neue Kommerzielle Zentrum, einen starken Einzelhandel haben muss, und die Jugend, die ihr ein großes Anliegen sei. Früher, erinnert sie sich, war viel mehr los in Meinerzhagen. Heute gebe es zu wenige Angebote.

Sie selbst hat zwei Töchter. Die eine ist Kinderärztin, die andere Tierärztin. Sie hat ihren Töchtern eine gute Ausbildung ermöglichen wollen und nicht zuletzt dafür war es ihr wichtig, dass nicht nur der Mann arbeiten geht. Die 59-Jährige hätte früher keine Zeit für Politik aufbringen können, jetzt aber will sie sich engagieren.

Selbstbewusstsein sei nötig, weil Männer in der Politik oft Alphatiere seien. Aber immer mehr nehme sie wahr, dass Frauen ihren Mann stehen. Sie gehen arbeiten, kriegen Beruf und Kinder organisiert und lassen sich ihre oft bessere Ausbildung nicht mehr nach einer Geburt nehmen. Das sei der „Trend der Zukunft“ und sehr wichtig. Zu allererst, weil immer mehr Ehen geschieden werden und Frauen unabhängig sein sollten, aber auch, weil ohne Frauen der Fachkräftemangel noch immenser wäre.

Nadine Blume

Aber Arbeit und Familie reichen meistens auch. Der Ansicht ist auch Nadine Blume. Sie weiß genau, wovon sie spricht. Die 42-Jährige ist Mutter eines Sohnes und seit 2009 in der Politik, zunächst als sachkundige Bürgerin, seit 2014 als Ratsfrau – ihre Anfänge liegen aber schon zu Schulzeiten in der Jungen Union. Dass sie mit Kind eine politische Laufbahn beginnen konnte, war nur durch die Unterstützung ihres Mannes und ihrer Eltern möglich. Nichts hielt sie davon ab, was manch andere Frauen hindern oder abbrechen ließe. Nadine Blume war schwanger in Ausschusssitzungen. Auch heute hat sie hin und wieder ihren Sohn dabei, wenn es Probleme bei der Betreuung gibt. „Mein Sohn bekommt seit klein auf mit, was Politik bedeutet, dass man über Dinge diskutiert und auch manchmal unterschiedlicher Meinung ist.“

Nadine Blume (CDU) hat ihren Sohn mit in Ausschüssen.

Diskriminierungen erfuhr sie nie, wie sie sagt. Weder politisch noch privat. Auch sie kann nur an Frauen appellieren, Politik zu machen: „Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Frauen finden, die sich in der Politik engagieren.“

Die Ratsfrauen bringen ihre Expertise mit und sind dementsprechend in den Fachausschüssen verteilt. Oft sind das für Frauen typische Themen: etwa Kultur-, Sozial- und Schulausschuss. Petra Gossen wollte nie in den Sozialausschuss und ist beispielsweise die einzige Ratsfrau im Bauausschuss neben der sachkundigen Bürgerin Anja Willms (UWG). Sozial- und Schulausschuss tagen nur einmal im Jahr, sagt Gossen und scheinen weniger relevant zu sein, weshalb sie den Frauen überlassen werden – so ihr Eindruck.

Zwischen Männern

Der Ton im Meinerzhagener Rat ist manchmal etwas rauer. In der Vergangenheit wurden die Diskussionen auch hin und wieder persönlich, was Astrid Kahlke zu Beginn ihrer politischen Aktivität geschockt habe. Seit etwa zehn Jahren ist sie Politikerin –mittlerweile sei es besser geworden. Aber noch immer gebe es die männlichen Ratskollegen, die sich eher profilieren wollen als objektiv über Themen zu sprechen, sagt Petra Gossen und bezeichnet das Verhalten als „Gockelgehabe“.

Birgit Claus muss vor allem über die Körpersprache und Sprache der Männer oft schmunzeln. Breitbeinig und laut sei nicht sofort selbstbewusst, sondern eigentlich das Gegenteil. Der gebürtigen Hannoveranerin macht das nichts, „ich schieße zurück“. Aber es entstünden immer wieder Machtspiele, die der Sache nicht dienlich seien. Gäbe es mehr Frauen, sind sich Gossen und Kahlke sicher, würde es noch konstruktiver in den Gremien ablaufen. Birgit Claus vermutet auch, dass mehr diskutiert würde. Das solle man aber nicht falsch verstehen: „Ich kann hart streiten und wenn mir etwas wichtig ist, dann streite ich – aber sachlich.“

Keine ist Feministin

Nicht eine der Ratsfrauen würde sich selbst als Feministin bezeichnen. „Früher vielleicht mal“, sagt Astrid Kahlke. Aber die Zeiten seien vorbei. Der Feminismus ist eine Ideologie, die auf der Gleichstellung der Frauen basiert. Einfach gesagt ist Feminismus ein Kampf gegen die Diskriminierung von Frauen in der Gesellschaft.

Auch wenn sich die Ratsfrauen nicht dieser Ideologie zuordnen würden, stehen sie klar hinter der Gleichberechtigung von Männern und Frauen in allen Bereichen. Sie nennen zum Beispiel gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Aufgabenverteilungen. Sie sehen die Probleme, aber „viele jüngere Frauen sehen die Probleme nicht“, sagt Petra Gossen. Gewalt gegen Frauen, spricht Gesche Hildebrandt an und benennt ein Tabu-Thema. Jede vierte Frau erlebt häusliche Gewalt, mehr als 100 Frauen sterben jedes Jahr durch die Hand ihres Partners in Deutschland, der sich in dem Glauben wähnt, die Frau gehöre ihm und er habe Macht über sie.

Hatten Männer in vielen Bereichen auch noch lange, wie Petra Gossen und Astrid Kahlke erwähnen. Bis 1977 mussten Frauen ihren Ehemann um eine Arbeitserlaubnis bitten, bis 1962 durften sie kein eigenes Bankkonto eröffnen und erst seit 1997 ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Es waren Frauen, die für diese Rechte und Gesetze gekämpft haben.

Die Meinerzhagener Ratsfrauen appellieren zum Internationalen Frauentag, dass sich mehr Frauen einmischen und Politik machen. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen rechte Parteien an Zulauf gewinnen, sagen Petra Gossen und Astrid Kahlke.

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