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Wieso die Galeria-Schließungen das Ruhrgebiet retten könnten

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Die Filialen-Schließungen des Kaufhausriesen Galeria ist ein Schock für viele Städte. Darin könnte aber auch eine Chance stecken – besonders für das Ruhrgebiet.

Essen – Vielerorts hatte man es schon befürchtet. Trotzdem war die Nachricht, dass der insolvente Kaufhausgigant Galeria Karstadt Kaufhof ein Drittel seines Filialnetzes in Deutschland abbaut, ein Schock. 47 der bisher 129 Geschäfte in Deutschland werden schließen. Mehr als 5.000 Beschäftigte werden ihren Job verlieren. Der Gesamtbetriebsrat von Galeria sprach von einem „rabenschwarzen Tag“.

Auch für 15 Galeria-Filialen in NRW ist das Ende besiegelt. Besonders hart hat es dabei das Ruhrgebiet getroffen: Unter anderem schließen Filialen in Essen, Dortmund, Duisburg und Gelsenkirchen. Städte, die ohnehin in Einkaufsstraßen mit Leerstand zu kämpfen haben. Die Suche nach neuen Mietern gestaltet sich bisweilen schwierig. Jetzt, wo der Schock noch tief sitzt und die Wunde frisch ist, mag es zynisch klingen, aber: Für das Ruhrgebiet könnten die Schließungen auch eine Chance sein – eben wenn die Städte nicht einfach nur neue Nachmieter suchen, sondern neue Wege. Beispiele aus NRW zeigen, was alles möglich ist.

Galeria-Schließung: Beispiel aus in Herne zeigt, wie die Zukunft aussehen kann

Ein Beispiel: die neuen Höfe in Herne. Im Althoff-Warenhaus hatte zuletzt Karstadt und dann Hertie eine Filiale – bis nichts mehr ging. Jahrelang stand das riesige Gebäude in der Innenstadt leer, entwickelte sich allmählich zum Schandfleck. Neue Mieter gab es zunächst nicht und irgendwann war klar: Das klassische Warenhauskonzept wird in dem Standort auch nicht mehr funktionieren. Die Landmarken AG, die sich auf Neugestaltung von Immobilien spezialisiert hat, übernahm das Gebäude und ging neue Wege. Auf dem knapp 5.000 Quadratmeter großen Grundstück finden sich jetzt Büros, ein Fitnessstudio, Ladenlokale und Gastronomie inklusive Außenterrasse. „Mixed-use“ heißt das Konzept, das in Hernes Innenstadt für neues Leben gesorgt hat.

Eine ehemalige Karstadt-Filiale wurde in Herne zu einem Mixed-Use-Gebäude umfunktioniert.

Linden-Karree in Gelsenkirchen: Wohn- und Pflegezentrum in ehemaligen Hertie-Warenhaus

Auch dem ehemaligen Hertie-Warenhaus in Gelsenkirchen-Buer wurde mithilfe eines Mixed-Use-Konzepts neues Leben eingehaucht. Nach längerem Leerstand entschied sich eine lokale Investorengruppe, das Gebäude zu sanieren und in eine neue Nutzungsmöglichkeit zu überführen.

Das Kaufhaus wurde in Linden-Karree umbenannt und für eine gemischte Nutzung aus Handel, Wohnungen und Dienstleistungen umgebaut. Unter anderem befindet sich nun ein Wohn- und Pflegezentrum in dem zum Teil denkmalgeschützten Gebäude.

Das Lindenkarree in Gelsenkirchen: Nach dem Leerstand kam die Chance. (Archiv)

Experte über Galeria-Schließungen: „Plakative Leerstände ziehen neuen Leerstand nach“

Auch die Initiative „Die Stadtretter“, die sich für gelungene Transformationen von Innenstädten einsetzt, sieht jetzt Chancen – wenn alles richtig läuft. Dass das Galeria-Aus zur jetzigen Situation erstmal eine Herausforderung für Städte und Kommunen ist, daran bestehe kein Zweifel. Immerhin ist der Wegfall eines solch großen Kaufhauses vorerst ein Makel in der Attraktivität einer Innenstadt: „Plakative Leerstände, die über einen längeren Zeitraum bestehen, ziehen neuen Leerstand nach“, sagt Stefan Müller-Schleipen, Gründer der Initiative im Gespräch mit wa.de. „Ein dunkler, schwarzer Fleck entsteht, der mit der Zeit auch nicht schöner wird“.

Die Stadtretter

Die Initiative „Die Stadtretter“ wurde im Sommer 2020 gegründet. Inzwischen vereint sie mehr als 1.100 Kommunen, Unternehmen, Verbände und Institute.

Wenn Geschäfte in Innenstädten schließen oder es andere einschneidende Veränderungen gibt, versuchen die Stadtretter, mithilfe der Expertise aus ihrem Netzwertk Lösungen zu erarbeiten

„Wir alle glauben fest an die Zukunft unserer Innenstädte und Ortszentren und sind angetreten, diese mit neuen Lösungen und Kompetenzen zu stärken und gemeinsam erfolgreich in die Zukunft zu führen. Dabei ist die durch uns vernetzte Schwarmintelligenz die größte Superkraft zur Transformation unserer Städte“, heißt es auf der Webseite von „Die Stadtretter“.

Was passiert jetzt mit den Galeria-Gebäuden?

Aber: „Eine Chance ist immer da, wenn man so eine große Fläche umwandeln kann“, so Müller-Schleipen. Deshalb sei jetzt schnelles Handeln und vor allen Dingen Kommunikation wichtig. „Es müssen alle an einen Tisch, alle müssen offen darüber sprechen. Man muss ins Tun kommen“. Alle – Damit meint der Experte die Stadt, die Grundstückseigentümer und mögliche neue Investoren. Am besten sei es, wenn auch verschiedene betroffene Städte miteinander sprechen, Erfahrungen teilen und Lösungen erarbeiten. „Es braucht echte Entscheider“, ist Müller-Schleipen überzeugt. Ein wichtiger Ansatz: Die Immobilien als Möglichkeiten für neue Wohnkonzepte zu nutzen. Eine Möglichkeit sei, altengerechtes Wohnen mitzubedenken, was den umliegenden Einzelhandel stärken kann, so Müller-Schleipen. Denn wo gewohnt wird, wird auch eingekauft.

In Oberhausen ist es genauso gelaufen: Dort haben sich Stadt und Eigentümer an einen Tisch gesetzt: Seit 2016 stand das ehemalige Möbelhaus Finke in Sterkrade leer. Nun kommt langsam Bewegung in das Thema. Der Besitzer der Immobilie, der Möbel-Riese Segmüller, hat sich mit Oberhausens Oberbürgermeister Daniel Schranz und weiteren Vertretern getroffen und entschieden: Das Gebäude wird abgerissen. Jetzt sollen Wohnungen in dem ehemaligen Möbelhaus entstehen. Eine Idee: Hier könnte ein Mehrgenerationenhaus entstehen. So hätten ältere Menschen, die hier leben, viel besseren Zugang zu den Einkaufsstraßen in Sterkrade – was wiederum den Einzelhandel stärkt.

Trend im Ruhrgebiet: Studie sieht Aufschwung-Potenzial

Neue Innenstadtkonzepte passen denn auch zu einem anderen Trend: Allmählich scheinen Bemühungen, den Strukturwandel im Ruhrgebiet nach Kohle-Aus und Stahlkrise in den Griff zu bekommen, erste zarte Früchte zu tragen. So kam das Institut der deutschen Wirtschaft jüngst in einer Studie zu dem Ergebnis, dass sich ein Hauskauf in Ruhrgebiets-Städten im Gegensatz zu anderen Regionen Deutschlands jetzt besonders lohnt, da die Region großes Aufschwung-Potenzial habe. (mg)

Rubriklistenbild: © Christoph Reichwein/dpa

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