Ückendorf

Müll-Haus verrottet immer mehr – Masche von „irgendwelchen Gangstern“

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Ein Eckhaus in der Bochumer Straße in Gelsenkirchen ist vermüllt und verwahrlost. Aber der Eigentümer will es nicht hergeben. Dahinter steckt eine Masche.

Gelsenkirchen – Das Haus in Ückendorf an der Bochumer Straße ist nur eines von vielen, sagt Stadtsprecher Martin Schulmann. Die Immobilie ist vermüllt und verlassen. Wohnen darf dort niemand mehr. Anwohner beschweren sich wegen des Gestanks. Auch Ratten soll es dort geben. Doch die Stadt Gelsenkirchen kann nichts dagegen tun. Dahinter steckt eine Masche.

Wem gehört das Schrott-Haus in Gelsenkirchen? „Irgendwelchen Gangstern“

Auf die Frage, wem das Haus an der Ecke Breilstraße/Bochumer Straße gehört, sagt Schulmann: „Irgendwelchen Gangstern.“ Von solchen Häusern gebe es mehrere in Gelsenkirchen. Da sei etwa das Hochhaus an der Emil-Zimmermann-Allee. „Seit 30 Jahren wohnt da keiner mehr“, sagt Schulmann. Es gebe ein Abrissgebot. „Seit fünf Jahren versucht die Stadt, das vor Gericht durchzusetzen, aber ohne Erfolg.“

Der Stadtteil Ückendorf in Gelsenkirchen

► Ückendorf ist ein Stadtteil im Südosten von Gelsenkirchen in NRW. Manche Straßenzüge gelten als Problemviertel

► Fläche: 6,82 Quadratkilometer

► 20.718 Menschen leben in Ückendorf (Stand Dezember 2022)

► Ückendorf wurde im Jahr 1254 zum ersten Mal urkundlich erwähnt.

► Wahrscheinlich stammt Ückendorf aber schon aus der Zeit, als sich Siedler der Altgermanen an der Emscher niederließen, also zwischen dem vierten und siebten Jahrhundert

Der Grund: Das Gebäude gehört noch jemandem. Und so lange der Eigentümer dem nicht zustimmt, darf da nichts passieren, sagt Schulmann. „Die Sache mit dem Privateigentum wird in Deutschland wirklich sehr genau genommen.“ Oft haben die Besitzer mit dem Erwerb der Immobilien nämlich etwas ganz Bestimmtes vor: Warten bis zur Zwangsversteigerung. „Viele solcher Häuser werden bei Zwangsversteigerungen gekauft“, weiß Schulmann. Die haben beispielsweise einen Marktwert von 50.000 Euro, weil sie bereits ziemlich heruntergekommen sind. „Dann bieten aber manche Leute 500.000 Euro und die kriegen dann den Zuschlag.“

Kaufpreis von Häusern wird nicht gezahlt, Mieten aber trotzdem abkassiert

Das Problem: Oft werde in diesen Fällen dann nur die Anzahlung von zehn Prozent gezahlt. „Das reicht, um im Grundbuch eingetragen zu werden“, sagt Schulmann. Danach passiere nichts mehr, der Restbetrag wird nicht überwiesen. Wenn dann Forderungen an die Eigentümer gestellt werden, können die nicht zahlen. „Oft gründen die Gangster eigene Firmen, die dann als pleite angegeben sind. Da ist nichts zu holen.”

Bis es dann erneut zur Zwangsversteigerung komme, weil Schulden nicht beglichen und Rechnungen nicht gezahlt werden, kann einige Zeit vergehen. „Die wird dann genutzt, um die Wohnungen in den Häusern zu vermieten und die Miete einzukassieren“, sagt Schulmann. „Das ist ein Geschäftsmodell.“

Oft wohnten in diesen Häusern Menschen aus dem europäischen Ausland wie Rumänien oder Bulgarien, die kein Deutsch sprechen und gewissermaßen kaum andere Möglichkeiten haben, als in solchen Immobilien zu hausen.  „Die Besitzer der Häuser helfen den Bewohnern dann, Sozialtransferleistungen wie etwa Sozialhilfe oder Kindergeld zu beantragen, um das dann von denen wieder als Miete einzusammeln.“

Gelsenkkirchen-Ückendorf gilt bisweilen als Problemstadtteil. (Symbolbild)

Und die Stadt? Die kann eben doch ein bisschen was tun, berichtet Schulmann. „Wir können dafür sorgen, dass die Häuser als ‚nicht bewohnbar‘ eingestuft werden, denn die meisten von denen sind das auch nicht.“ Das sei etwa möglich, wenn die Bewohner die Kosten für Strom und Wasser nicht bezahlen. Dann werde das irgendwann abgestellt – „ein Haus ohne Strom und Wasser ist nicht bewohnbar“, sagt Schulmann.

Stadt kauft und saniert Häuser: die Bochumer Straße als Modellprojekt

Es gehe darum, es den Eigentümern so unbequem wie möglich zu machen.  „Für manche Häuser machen wir ihnen auch Angebote – natürlich zu einem angemessenen Preis.“ Manchmal stimmten die Eigentümer zu, dann kauft die Stadt die Gebäude auf und saniert sie wieder. Die Bochumer Straße, rund um das vermüllte Haus, sei ein gutes Beispiel dafür, dass das auch funktionieren kann.

Die Bochumer Straße als Stadterneuerungsgebiet

► Seit 2013 ist der Bereich rund um die Bochumer Straße Stadterneuerungsgebiet.

► Das Projekt ist auf eine Laufzeit von 15 Jahren angelegt.

► Hierbei soll der Straßenzug zwischen der Kreuzung Junkerweg und der Kreuzung Virchowstraße (rund 30 Hektar) erneuert werden.

►Dort wohnen 2.800 Menschen aus 35 Nationen.

►Unter anderem soll auf einer Fläche am Cramerweg neuer Parkraum für das Quartier entstehen.

► Die Heilig Kreuz Kirche wird umgebaut und zum Veranstaltungsort.

►Flächen sollen entsiegelt und begrünt werden.

► Die kreative Szene wie etwa Streetart-Künstlerinnen bekommt eigene Räume und Entfaltungsmöglichkeiten.

(Quelle: Stadt Gelsenkirchen)

„Der ganze Straßenzug erwacht in den letzten Jahren wieder zu neuem Leben“, sagt Schulmann. Verfallene Häuser wurden aufgebaut und saniert. Dabei entstehen Wohnungen, aber auch Räume für Kunst und Kultur. So wurde die Heilig-Kreuz-Kirche zum Veranstaltungsort umgebaut. Heute tritt hier der Komiker Michael Mittermeier auf, der Autor Klaus Peter Wolf, der aus Ückendorf stammt, gibt Lesungen. „Das ganze Viertel wird im Rahmen der Stadterneuerung wieder zu einem hippen und beliebten Ort.“

Tatsächlich kann genau das der Grund sein, warum das Eckhaus an der Breilstraße vom Eigentümer noch nicht verkauft wurde. „Der denkt vielleicht, bald ist hier wieder was zu holen“, sagt Schulmann. Ob die Immobilie aber jemals wieder verkauft wird, lasse sich nicht sagen. „Vielleicht passiert es nie.“ (ebu)

Rubriklistenbild: © Fabian Strauch/dpa

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