Werl

Messer, Mobbing, Maßnahmen: Gewalt an Schulen „war schon immer ein Thema“

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Hat im Tornister nichts zu suchen: Auch an Werler Schulen gab es schon Fälle, in denen Schüler Messer auf den Tisch legten.
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Immer mehr Schulen berichten von Gewalt und rauerem Ton. Doch wie groß ist das Problem an den Werler Schulen?

Werl – Schulen in Deutschland schlagen Alarm: Es gebe vermehrt Gewalt an Schulen, mehr Bewaffnungen von Schülern, der Ton werde rauer. Eine Umfrage an Werler Schulen zeigt: Es gibt wachsende Probleme. Aber es wird auch viel dagegen getan.

Sälzer-Sekundarschule

„Gewalt war schon immer ein Thema in den Schulen“, sagt Sandra Schenkel, Leiterin der Sälzer-Sekundarschule. Ob sie zahlenmäßig zugenommen habe, vermöge sie zwar nicht beurteilen. „Die Arten von Gewalt haben sich allerdings verändert. Durch die Smartphones steht Cybermobbing im Fokus der Schüler.“ Dies geschehe vorwiegend unter Mädchen, während Jungen nach wie vor ihre Kräfte austesten müssen. „Durch die Verrohung der Jugendsprache kommt es auch häufiger zu verbaler Gewalt gegenüber Lehrkräften, die von den Jugendlichen nicht immer bewusst wahrgenommen wird“, sagt Schenkel.

Die Sälzer-Sekundarschule bietet schon ab Jahrgang 5 Projekte zur Gewaltprävention. „Wir beginnen mit dem Thematisieren von Gewalt. Was ist das? Wo fängt Gewalt an?“ Es gebe eine Zusammenarbeit mit der Polizei zum Thema Cybermobbing. „Zudem haben wir Medienscouts ausgebildet, die die Schüler auf Augenhöhe sensibilisieren.“ Regelmäßig gebe es Projekte zum Stärken der Klassengemeinschaften sowie pädagogische Theaterstücke, die sensibilisieren sollen.

„Wenn es dann doch zu einer Gewaltausübung im Rahmen von Schule kommt, handeln wir nach den schulgesetzlichen Vorgaben“. Im Vordergrund stünden dann immer erst pädagogischen Maßnahmen und Gespräche mit allen Beteiligten, bevor es zu Ordnungsmaßnahmen kommt. „Oberstes Ziel muss es sein, dass alle am Schulleben Beteiligten gerne zur Schule kommen.“

Marien-Gymnasium

„Auch bei uns wurden schon Schüler ertappt, die ein Messer oder einen Hammer auf den Tisch legen mussten, die sie in der Tasche hatten“, sagt Michael Prünte, Schulleiter des Marien-Gymnasiums. Natürlich mache das Thema Gewalt am Schultor keinen Halt. Und wenn es so weit kommt, müsse die Schule zu Ordnungsmaßnahmen greifen wie Disziplinarkonferenzen. „Aber das ist bei uns am MG nicht sehr zahlreich, vielleicht viermal im Jahr.“ Erst jüngst gab es Sanktionen gegen einen Schüler, der wegen Fehlverhaltens von einer Skifreizeit ausgeschlossen worden ist. Man müsse immer den Einzelfall betrachten.

Aber Prünte sagt ebenso klar: „Wir können nicht alle Probleme in Gesellschaft und Familie vermeiden und lösen.“ Wichtig sei, dass Schüler am MG nicht vor Gericht, nicht bei der Polizei seien. „Wir sind in der Schule, das ist ein pädagogischer Ort.“ Dementsprechend handele das Gymnasium und steuert gegen, wo es kann.

„Was uns auffällt: Signifikant und entlarvend ist die Veränderung im Sprachjargon: eine Verrohung von Sprache, die unreflektiert ist“, sagt der MG-Chef. Die „sprachliche Gewalt“ habe stark zugenommen. Corona habe verhindert, dass Schule ein Gegenpol in Bezug auf Sprache, auf Demokratiestärkung war. Als Ursache sieht er vor allem die Nutzung „sozialer Medien“ durch Schüler. Es gebe Kinder mit 12 Stunden Bildschirmzeit am Tag; gegen die Folgen gelte es zu arbeiten. Tiktok „mit rechtsradikalen Tendenzen“, auch globale Probleme wie Kriege schwappen in die Schule. „Da nutzt kein Klagen, dagegen muss man aktiv etwas tun“, sagt Prünte. „Dabei sprechen wir nicht wie Blinde über Farbe.“ Heißt: Das MG kennt die Probleme und versucht, ihnen zu begegnen. Im Laufe der Schulzeit gebe es viele Chancen, soziales Miteinander zu stärken: Sozialtage in Klasse 5, bei denen Kinder im Wald lernen, sich auf andere zu verlassen, zudem den Klassenrat (Klasse 5 und 6), Medienscouts, Streitschlichter. „Was Schüler leisten können, sollen sie auch leisten dürfen“, sagt Prünte. Wichtig sei, sie zu beteiligen an Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt aller Art. Die Sozialpädagogin leiste viel, auch externe Partner; außerdem habe das MG Kontakte zu Einrichtungen. Bedürfe ein Schüler therapeutischer Begleitung, gelinge das durchs enge Netzwerk schnell. Es gebe auch problematische Klassen, wo das Phänomen „Gewaltbereitschaft“ verstärkt auftritt. Dann gebe es erlebnispädagogische Exkursionen.

Gerade auch Mobbing sei eine Form von Gewalt, die an Schule stattfindet. Am MG seien Maßnahmen dagegen „immer Chefsache“, sprich Aufgabe der Schulleitung.

Prävention, Aufklärung, frühe Intervention: Dem gemeinsamen Erziehungsauftrag komme das Gymnasium nach, überarbeite zurzeit das Leitbild und passe es sich ändernden gesellschaftlichen Gegebenheiten an. „Wir müssen Demokratieverständnis und Toleranz stärker in den Fokus rücken, da fehlt es“, sagt Prünte. Eine neue Hausordnung ist im Entwurf, zudem ein Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt. „Wir sind da am Ball, weil wir veränderte Rahmenbedingungen spüren“, so der MG-Leiter.

Auch im Umgang mit Medien kündigt das MG Neuerungen an. Tabuzonen für Handys gehören dazu, ein konsequenteres Vorgehen gegen deren Nutzung – und Sanktionen. Dazu gehört, dass Eltern einkassierte Handys wieder abholen müssten. „Wir wollen stärker vorgehen gegen Handy-Fehlverhalten“, kündigt Prünte an. Gerade per Handy passiere Mobbing in der Schule. Sie sollen lautlos in der Tasche bleiben. Für Oberstufenschüler soll es bestimmte Zonen geben, in denen sie Handys nutzen dürfen. „Es geht nicht darum, Medien zu verteufeln; aber wir müssen den guten, sachgerechten Umgang vermitteln.“ Dazu nutze das MG auch Medienscouts. Außerdem gibt es am Breilsgraben gleich drei Beratungslehrer, Klassenlehrerteams, den Schülersprechtag. Lehrer sein sei auch Verpflichtung. „Ein Lehrer, der nicht bereit ist, Probleme anzugreifen, muss an seiner Professionalität arbeiten.“ Im MG-Kollegium bemerke er aber ein „enormes Problembewusstsein, wenn etwas aufploppt“. Das mache Schüler und letztlich auch Schüler stark.

Ursulinenrealschule

„Nach Rücksprache im Kollegium und den Eindrücken aus der letzten Zeit kann ich Gott sei Dank sagen, dass Gewalt gegen Lehrpersonen an unserer Schule kein Thema ist, körperliche Gewalt unter den Schülerinnen und Schülern auch praktisch nicht vorkommt“, sagt Andrea Frölich, Leiterin der Ursulinenrealschule. „Es ist eher psychische Gewalt, mit der wir konfrontiert sind.“

Dabei gehe es vor allem um Mobbing, vielfach über soziale Medien, „die für uns nicht einsehbar sind, über die wir aber durch Eltern oder Jugendliche informiert werden.“ Die Ursulinen haben für beide Schulen eine Schulsozialarbeiterin und viele Kollegen, die sich mit Prävention beschäftigen. „So haben wir in jeder Jahrgangsstufe soziale Projekte, die sich im weitesten Sinne mit dem Umgang miteinander beschäftigen.“ Mal gehe es ums Klassenklima, mal um respektvollen Umgang. Projekte gegen Cybermobbing und Cybergrooming, Kurse zur Selbstverteidigung und Selbstbeherrschung gehören zum Schulangebot.

„Wir sind zu diesem Thema gut aufgestellt, trotzdem passiert natürlich immer mal etwas“, sagt Frölich. Dann können die Schulsozialarbeiterinnen und das Schulpastoralteam Hilfestellungen bieten. Ebenso wichtig ist die Zusammenarbeit mit Eltern, da es nur gemeinsam gelinge, Formen von Gewalt zu unterbinden, oder, „wenn etwas passiert ist, Konsequenzen zu tragen.“ Akuter sei an der UR „aktuell Gewalt gegen Gegenstände. So werden häufiger Feuerlöscher zerstört oder Tische beschmiert, Toiletten verstopft. Das Problem ist neu an unserer Schule“, sagt Frölich, „und wir versuchen auch hier, zielführende Lösungen zu finden“.

Ursulinengymnasium

„Die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft und die verkürzte Kommunikation, die weniger auf Verstehen und Zuhören, als auf Kommentieren und Be- und Verurteilen aus ist, wird auch in den Schulen spürbar“, sagt Konrad Beckmann. Der Leiter des Ursulinengymnasiums sieht einen Zusammenhang mit der Nutzung „sozialer Medien“, die eine verkürzte Darstellung von Sachverhalten prägen. „So kommen immer mal wieder Diskussionen rund um Gerüchte und ‘Probleme’ in Klassen auf, die nach einer ausführlichen Besprechung dann oft kein Problem sind oder nicht so groß waren.“ Gerade die Probleme in Form zunehmender Kommunikation über Handy & Co registriert das Gymnasium in kirchlicher Trägerschaft. „Was wir verzeichnen, ist eine intensivere Diskussion in Klassenchats, und das in einer Sprache, die wir Erwachsenen irritierend finden.“ Thema werde Mobbing oft erst, wenn es Einfluss auf die schulischen Abläufe hat.

Zu den Maßnahmen verweist Beckmann auf die in der UR: „Das ist die gemeinsame Politik der Ursulinenschulen und für beide Schulen gleichermaßen gültig.“

Physische Gewalt sei am UG so gut wie kein Thema, ergänzt er. „Eine Zunahme oder gar Gewalt gegen Lehrer können wir nicht verzeichnen – wohl aber Konflikte mit Menschen außerhalb der Schule, die zum Teil in die Schule reingetragen werden und hier für Verunsicherung sorgen.“ Das UG sei bemüht, die Schüler „zu stabilisieren und zu stärken, dass sie lernen, gut mit Konflikten umzugehen und sich im Bedarfsfall Hilfe holen, um Probleme zielgerichtet zu lösen und nicht eskalieren zu lassen“.

St.-Josef-Schule

Man müsse zunächst fragen: „Was ist Gewalt an Schule?“, merkt Ursula Steinhoff, leiterin der Westönner St.-Josef-Schule an. Das sei nun mal ein breites Feld. „Ist es die Rangelei auf dem Schulhof oder doch eher die Keilerei von zwei Jungs? Ist es ein Schubsen oder ein Beinstellen?“ Grundsätzlich sei an der Grundschule in Werls zweitgrößtem Ortsteil keine Zunahme von Gewaltfällen zu verzeichnen. „Das liegt womöglich daran, dass wir in Westönnen relativ behutsam aufwachsende Kinder haben“, sagt Steinhoff; an weiterführenden Schulen oder in Brennpunkten möge das anders sein. „Aber auch bei uns gibt es die ein oder andere Klopperei – und auch verbale Gewalt.“ Aber ob das zugenommen habe? Das zu beurteilen wäre ein „Schuss ins Blaue“, weil es keine vergleichende Untersuchung gebe.

Es gebe aber sicher Phasen, wo sich Gewalt stärker zeige, auch wenn man das nicht immer festmachen könne. Eine nahende Feier, individuelle Erfahrungen von Kindern im Elternhaus, die mal aggressiv machen: „Es sind normale Erfahrungen, die man macht, wenn man mit Menschen arbeitet: dass es so Phasen gibt“, sagt die Rektorin .

Präventiv arbeitet die Westönner Grundschule mit dem Verein GIP (Gewaltintervention und Prävention) zusammen, zum Beispiel im ersten Schuljahr („Gute Geheimnisse, schlechte Geheimnisse“), der jetzt nach den Osterferien wieder startet. Das sei spezialisiert auf sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Im 3. Schuljahr folgt „Mein Körper gehört mir“ mit dem Tenor: „Niemand darf mir etwas antun.“ Vor allem aber habe die Schule vor drei Jahren drei kurze, aber klare Verhaltensregeln erlassen, die alles umfassen:

- Wir gehen freundlich miteinander um.

- Wir haben das Recht auf ungestörten Unterricht

- Wir gehen sorgsam mit allen Sachen um.

„Wir haben das bei einer schulinternen Fortbildung eigens auf drei begrenzt, damit es leichter ist. Was nützt eine lange Schulordnung, die sich keiner merken kann?“, fragt Steinhoff. Zwar sollen Hände und Füße der Schüler also genutzt werden, freundlich zu agieren. Aber nicht immer gelingt das. „Wenn ein Streit eskaliert und wir bekommen mit, dass die Gesundheit einer anderen Person gefährdet ist, dann sprechen wir Ordnungsmaßnahmen aus, wo erzieherische Maßnahmen nicht mehr greifen – das kommt schonmal vor.“

Norbertschule

Dass Schüler gegenüber Lehrer handgreiflich werden, das sind zwar „absolute Ausnahmefälle“. Gleichwohl habe es das an der Norbert-Grundschule schon gegeben, sagt Schulleiter Markus Reim. In diesen seltenen Fällen gebe es Wege, um eine Selbst- und Fremdgefährdung „zum Schutz der Kinder“, aber auch der Kollegen zu minimieren. Reim betont aber: Gewalt gebe es zwar auch an der Grundschule, aber nur vereinzelt – und, so vermutet er zumindest – wohl eher in den höheren Jahrgängen. „Na klar haben auch wir Facetten, sonst würden wir im Paradies leben.“ Die Frage sei, was man wahrnehme – und was man unter „Gewalt“ einordne. So sei aus seiner Sicht auch eine Beleidigung eine „verbale Gewalt“, die Schule nicht ignorieren dürfe. „Körperliche Gewalt ist auch da, auch bei uns. Aber die Frage ist: Wie exzessiv ist das?“ Selbst ein Klaps auf die Wange stelle schließlich einen Übergriff auf einen anderen Menschen dar, „und dann muss man da ran“.

Eins sei feststellbar: „Die Krisen der Welt befinden sich auch in den Haushalten – und da sind auch wir als Schule nur ein Schnitt der Gesellschaft. Die sind natürlich auch bei den Kindern in der Schule existent. Aber das muss ja nicht sofort in Schläge oder Tritte ausarten.“ Dass Schüler unterschiedlicher Nationalitäten und womöglich Kriegsparteien ihre Konflikte auch an Schulen austragen, sei logisch. „Aber oft ist es auch nur Streit.“

Froh ist Reim über das seit 2023 laufende Schulprojekt „Gewaltfrei lernen“. Auch der Einsatz der Sprachförderkräfte zahle sich aus, um Lösungen zu finden, Konfliktfälle zum minimieren. Wenn Kinder miteinander reden können, sei das ein Weg des sozialen Miteinanders. Gerade die Isolation zu Corona-Zeiten habe gezeigt, „wie existenziell wichtig sozialer Umgang miteinander ist – das hat was gemacht mit den Kindern“, sagt Reim. Mancher Schüler trage seelischen Ballast mit sich, „und das abzufedern ist unfassbar schwierig geworden.“ Es gebe Kinder mit heftigen Schwierigkeiten im Regelunterricht. Da könne Schulsozialarbeit helfen, sei „extrem wichtig“. Aber davon gebe es zu wenig. Sie müsse fest installiert und ausgebaut werden, existent sein für Kinder, Lehrer und Eltern. Beratung sei ein elementarer Faktor im Umgang mit Gewalt. „Präventiv tätig zu werden, liegt uns am Herzen“, sagt der Rektor. „Und uns ist wichtig, dass wir nicht ohnmächtig sind; wir wollen handlungsfähig bleiben.“

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