Zwei Jahre im Amt

„Nicht den Mut verlieren“: Marc Herter, Bürgermeister im Dauer-Krisenmodus

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Dinge früh angehen: Oberbürgermeister Marc Herter sagt, man dürfe über die permanenten Herausforderungen und Krisen nicht vergessen, über den Tag hinaus zu blicken – um die Weichen für die Zukunft zu stellen.
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Corona, Krieg, Energie: Seit Oberbürgermeister Marc Herter in Hamm im Amt ist, ist die Welt permanent im Krisenmodus. Wie verändert es die Arbeit, darauf reagieren zu müssen? Und was macht es mit Herter persönlich? Darüber spricht er im Interview.

Hamm – Als Marc Herter (48) am 1. November 2020 neuer Oberbürgermeister von Hamm wurde, war Corona schon da. Bereits während seiner Kandidatur wusste er, dass die Pandemie und ihre Folgen Hamm vor gravierende Herausforderungen stellte. Doch er wusste nichts von den anderen Krisen – dem Krieg in der Ukraine, der Energiekrise.

Wie gelingt es, im permanenten Krisenmodus eine Stadt zu regieren? Was bleibt von politischen Zielen, etwa dem, Hamm zur familienfreundlichsten Stadt zu machen? Wir haben mit Marc Herter gesprochen. (Teil 2 des Interviews veröffentlichen wir in den kommenden Tagen.)

Als Oberbürgermeister sind Sie nach etwas über zwei Jahren Amtszeit nach wie vor im Krisenmodus. Corona, Klimawandel, Energie, Ukraine-Krieg. Was sticht für Sie heraus?
Die gesamte bisherige Amtszeit war davon geprägt, dass nach der Krise schon wieder vor der Krise war. Der Blick auf die bedrückende Situation in der Ukraine ist es aber, der diese Zeit besonders prägt. Das ist eine Lage, die tiefe Spuren bei den Menschen hinterlässt. Das merke ich in vielen Gesprächen. Uns betreffen die Auswirkungen des Wirtschaftskriegs unmittelbar.
Gleichzeitig gibt es ein großes Mitgefühl mit den Menschen in der Ukraine, die Unfassbares zu erleiden haben. Das trifft mich als Oberbürgermeister wie jeden anderen Menschen auch.
Was macht dieser permanente Krisenmodus mit Ihnen persönlich?
Der Blick richtet sich auf das Wesentliche. Darauf, was ich und wir tun müssen, dass sich die Dinge gut entwickeln. Ich glaube, dass wir da vor allem als Stadtgesellschaft in den vergangenen Jahren einen guten Weg gefunden haben. Für mich bleibt weiter entscheidend, dass wir gut durch die Krise kommen – und gut aus ihr heraus.
Es gilt, den Mut nicht zu verlieren. Die Herausforderungen sind schwerwiegend, aber man muss sie annehmen. Verstecken gilt nicht. Das alles bringt ein sehr sportliches Tempo mit sich.
Wie drückt sich das aus?
In Stunden pro Tag. Davon dürfen wir uns aber nicht auffressen lassen. Sonst können wir nicht auch noch über den Tag hinaus blicken und sehen, was angeschoben werden muss – etwa mit Blick auf die Entwicklung Hamms zur familienfreundlichsten Stadt oder für mehr dynamische Wirtschaftsentwicklung. Die brauchen wir dringend in der Region. Es geht auch darum, die Bezirke als Heimat zu stärken.
Wenn das alles nicht über Bord gehen soll, müssen wir die Dinge früh und entschieden angehen. Und das kostet natürlich viel Zeit und auch Kraft.
Wann sind Sie müde?
Das sind sicherlich die Momente zuhause. Dann, wenn der Partner merkt, dass der Tag doch etwas härter war als die drei vorherigen. Solche Situationen erfordern dann, früher ins Bett zu gehen, als man es ohnehin geplant hatte – und dann auch wieder früher aufzustehen, als man es vorhatte.
Es liegt bei mir aber in der Familie, dass ich in Stresssituationen nicht unruhig werde, sondern ruhiger. Ich kann immer noch herunterkommen, abschalten und schlafe gut. Das ist für die wenige Freizeit, die bleibt, auch ganz wesentlich. Trotzdem leiden natürlich die Familie, Freunde und sozialen Kontakte unter so einem Pensum.
Abschalten, auf andere Gedanken kommen. Da hilft oft Lachen. Worüber lachen Sie gerne?
Ich kann mich königlich über Situationskomik amüsieren. Die funktioniert ja sogar in den schlimmsten Momenten und hat einen nicht zu unterschätzenden Effekt. Auch über gute Witze lache ich gerne. Solche guten Witze erzählen kann ich selbst aber leider gar nicht.
Wann ist Ihnen zuletzt das Lachen vergangen?
Wann das zuletzt der Fall war, kann ich gar nicht sagen. Am deutlichsten war das aber an dem Tag im Februar, an dem der Ukrainekrieg losbrach. So etwas habe ich mir nicht vorstellen können. Ich war nicht blauäugig und habe nicht gedacht, dass Putin ein lieber Mann ist. Ich hätte aber nicht gedacht, dass er einen solchen Großkonflikt vom Zaun bricht und am Ende nicht nur die Ukraine überfällt, sondern mit ihr ja auch die Solidargemeinschaft der Staaten unserer Welt. Anders kann man es mittlerweile nicht mehr sagen.
Worauf waren Sie 2022 besonders stolz?
Vor allem darauf, dass das gesellschaftliche Leben nach Corona in der Stadt wieder so angelaufen ist. Ich war auf vielen Schützenfesten, Sport- und Kulturveranstaltungen. Das Leben ist tatsächlich wieder in die Stadt zurückgekehrt. Dabei hatten ja viele Bedenken und haben sich gefragt, was wieder gehen wird und was alles in der Corona-Delle hängen bleibt. Und ich bin auch stolz darauf, was wir in Hamm alle miteinander wirtschaftlich hinbekommen haben. Es hat geklappt, was wir im Restart-Programm festgezurrt hatten. Nämlich schnell über das Niveau von vor der Krise zu kommen.
Die Arbeitsmarktdaten und die wirtschaftliche Dynamik haben sich mega gut entwickelt. Wir liegen da vor vergleichbaren Städten im Ruhrgebiet, vor dem Land und sogar vor dem Bundestrend. Das macht mich super stolz auf diese Stadt.
Haben Sie gute Vorsätze für das neue Jahr?
In den vergangenen zwei Jahren kam angesichts der vielen Krisen die Bewegung zu kurz. Ich hoffe, dass ich wieder auf mein rotes Rennrad steigen kann und nicht nur dienstlich mit dem Tourenrad in der Stadt unterwegs bin. Grundbedingung ist, dass dafür Zeit bleibt. Und das wünsche ich mir sehr.

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