- VonFrank Lahmeschließen
Vitaliy Berestyan aus dem Hammer Norden hat sich erneut auf die knapp 5.000 Kilometer lange Reise ins Kriegsgebiet gemacht – und ist nun wieder zurück in Hamm.
Hamm/Kiew – Es sind die gleichen Bildmotive wie in den Tagesschau-Nachrichten. Ein kapitaler Bombentrichter klafft mitten in einer Wohnsiedlung in Kiew. Ein Soldat steht an diesem 31. Dezember in dem vier Meter tiefen Krater und ruft etwas auf Ukrainisch nach oben. Das Flatterband um die Einschlagstelle wirkt angesichts der rundherum zerstörten Hausfassaden surreal.
Putins todbringender Neujahrsgruß wurde in diesem Fall aber nicht von einem Fernsehteam gefilmt, sondern mit der Handykamera von Vitaliy Berestyans Bruder aufgenommen. Der 50-Jährige wohnt nur 200 Meter Luftlinie von der Stelle entfernt – dort, wo vor wenigen Tagen auch Vitaliy Berestyan selbst Station gemacht hatte.
Der Weg nach Kiew
Am 15. Dezember war Vitaliy Berestyan, der seit vielen Jahren im Hammer Norden zu Hause ist, die 2. 300 Kilometer weite Reise in seine Geburtsstadt angetreten. Er saß am Steuer eines 7,5-Tonners, der ihm vom Verein „Kinder brauchen unsere Hilfe“ aus Westtünnen zur Verfügung gestellt worden war. Die Ladefläche des Transporters war gerammelt voll mit Hilfsgütern, die Berestyan in den Wochen zuvor mit Vereinsmitgliedern und weiteren Helfern gesammelt hatte. Warme Kleidung, Decken, selbst gemachte Kerzen, Generatoren sowie Hygienematerial und Medikamente für Krankenhäuser waren das.
Berestyan saß nicht allein im Führerhaus des roten Kastenwagens. Eine junge Ukrainerin mit ihrem Kind hatte den Platz neben ihm eingenommen. Sie war nach dem Kriegsausbruch nach Hamm geflohen und wollte nun ihren Mann in der Ukraine besuchen.
In Lwiw trennten sich die Wege. Die Frau fuhr mit ihrem Kind von dort mit dem Zug weiter in die Region Saporischschja, wo sich die von den Russen besetzte Atomanlage befindet. Berestyan steuerte den Rest der Strecke zur Landeshauptstadt Kiew alleine weiter.
Massaker von Butscha
30 Kilometer vor Kiew werden ihm die brutalsten Kriegsfolgen gewahr. Sein Weg führt durch Butscha, jenem Vorort, in dem im April nach dem Abzug der Russen die Leichen von 458 Menschen gefunden worden waren. Berestyan zückt sein Handy und filmt die zerbombten Häuserblocks entlang der Hauptstraße. „Es war schon schlimm, das zu sehen. Die Russen waren schon so weit vorgedrungen. Kiew hatte wirklich Glück gehabt“, sagt er.
Zuversicht in der Ukraine
An Weihnachten ist nicht zu denken, als er seinen Bruder trifft. Der 50-Jährige hat die Scheiben in seiner Wohnung mit Kartons abgeklebt. Das soll vor einem Zersplittern schützen, wenn in der Nähe eine Rakete einschlägt. Zehn Stunden täglich gibt es keinen Strom. Berestyan hat für seinen Bruder einen Generator mitgebracht. „Viele Menschen haben inzwischen Generatoren. Auch in den Betrieben und Tankstellen hilft man sich damit weiter“, sagt Berestyan.
Die Hilfsgüter werden verteilt. Zum Beweis, dass die Dinge auch wirklich ankommen, macht Berestyan Fotos beziehungsweise bekommt sie von den Empfängern zugeschickt; Feuerwehrleute, Krankenhauspersonal und Soldaten sind darauf zu sehen, die sich über die Sachen aus Hamm freuen und herzlich bedanken.
Nächster Hilfstransport bereits in Planung
Mit dem Zug reist Berestyan nach ein paar Tagen weiter zu seinen Schwiegereltern, die in einer anderen Stadt leben. Weitere Hilfsgüter aus Hamm, die mit einem Sattelzug über Litauen an die ukrainische Grenze gebracht worden waren, wurden zwar auf Kleintransporter umgeladen, kommen aber nicht mehr während Berestyans Aufenthalt in Kiew an.
Nach der Stippvisite bei den Schwiegereltern reist der Mann aus dem Hammer Norden wieder zurück in die Landeshauptstadt und macht sich mit dem Kleintransporter auf die 2. 300 Kilometer weite Rückreise. Am 26. Dezember, sein Sohn Max ist an diesem Tag vier Jahre alt geworden, trifft er um 23 Uhr wieder in Hamm ein.
„Es ist ein tolles Gefühl, helfen zu können“, sagt Berestyan. „Die Menschen in der Ukraine sind zuversichtlich. Sie geben nicht auf und helfen sich gegenseitig. Sie sagen, dass am Ende alles gut werden wird.“
Das nächste Hilfsprojekt hat der Hammer bereits in Planung. Ausgediente Auto-Verbandskästen will er nun bundesweit sammeln und der Feuerwehr, Krankenhäusern und der Armee zur Verfügung stellen. Die Vertriebswege in der Ukraine stünden bereits, sagt er. Und der Paketdienstleister DHL sei möglicherweise auch mit im Boot.


