Austausch, Hilfen, Perspektiven:

11. Hammer Suchttag: „Mutigster Schritt ist es, Hilfe anzunehmen“

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Austausch, Informationen, Hilfe: Suchtexperte Dr. Stefan Romberg (rechts) und Martin Fels als Betroffener machen auf den Hammer Suchttag aufmerksam.
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Der 11. Hammer Suchttag am 3. Juni beschäftigt sich mit Versorgungssituation und Hilfeangeboten für Suchtkranke und Angehörige. Um möglichst viele Besucher zu erreichen, wurde das Gustav-Lübcke-Museum als zentraler Veranstaltungsort ausgewählt.

Hamm – 1,7 bis 1,8 Millionen Menschen bundesweit sind laut Dr. Stefan Romberg, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am St. Marien-Hospital, alkoholkrank. Hinzu kämen geschätzt rund 3 Mio. mit einem „riskanten Konsum“ an der Schwelle zur Sucht. Leichte Verfügbarkeit, gesellschaftliche Doppelmoral im Umgang mit dem Thema, ein falsches Krankheitsbild, Stigmatisierung: In dieser Gemengelage fällt es Betroffenen schwer, sich für Hilfe zu öffnen. Das gilt auch für andere Suchtproblematiken. Hilfeangebote zeigt der 11. Hammer Suchttag auf.

„Die gesellschaftliche Doppelmoral im Umgang mit dem Thema Alkohol macht es umso schwerer, Hilfe anzunehmen“, sagt Romberg. Alkohol gehöre in weiten Teilen zum Alltagsgeschehen, umgekehrt würden alkoholkranke Menschen stigmatisiert und die Krankheit als eine Art „Charakterschwäche“ abgetan.

Hilfeangebote in Krisenzeiten

Am Samstag (3. Juni) zwischen 9 und 13.15 Uhr können Betroffene und Angehörige im Gustav-Lübcke-Museum mit Experten in Austausch treten, Vorträge hören und eine Podiumsdiskussion zur aktuellen Versorgungslage von suchtkranken und -gefährdeten Menschen in Hamm verfolgen. Der Tag steht unter dem Motto „Wege aus der Sucht – trotz Krisen überall?!“ Wie gut kann Hilfe angesichts des allgegenwärtigen Krisenmodus’ überhaupt gelingen? Auch das ist eine zentrale Fragestellung des Tages. Die Angebote der Veranstaltung betreffen nicht ausschließlich Alkoholabhängigkeit, sondern auch andere Suchtformen.

Wie lange es braucht, sich selbst eine Suchtkrankheit einzugestehen und Hilfe annehmen zu wollen, weiß der Hammer Martin Fels sehr gut. In den 1990er Jahren habe er exzessiv getrunken. „Zwei Promille mussten sein, um den Spiegel zu halten“, sagt er. 20 halbe Liter Bier pro Tag seien normal gewesen – das alles bei voller Berufstätigkeit in Leitungsfunktion. Er habe „Glück gehabt“ und sei nie aufgeflogen oder direkt angesprochen worden.

Thema stark schambesetzt

Ein Stellenwechsel habe letztlich zum Umdenken geführt. Fels machte Entgiftungen, Therapien und besuchte Selbsthilfegruppen. Offen spricht er über Rückfälle und erneute Therapien – auch über den jüngsten während Corona. „Bis dahin war ich lange Jahre glücklich abstinent“, sagt er. „Dann kam mir die Tagesstruktur abhanden und der Rückfall.“ Fels machte kein Geheimnis aus der Krankheit und fand erneut Hilfe. Inzwischen lebt er wieder ohne Alkohol, hat seine täglichen Aufgaben und engagiert sich im Ehrenamt.

Das Thema sei stark schambesetzt, sagt Dr. Stefan Romberg. „Der mutigste Schritt ist es, Hilfe anzunehmen.“ Das könne oft Jahre dauern. Angehörige oder Freunde sollten ehrlich ihre Sorge äußern, statt Vorwürfe zu machen, rät er.

Programmauszug Suchttag

9.30 Uhr: Begrüßung

9.45 Uhr: Impulsvorträge zu Themen wie Selbsthilfe, der Rolle von Angehörigen sowie der substitutionsgestützen Behandlung Opiatabhängiger

11.30 Uhr: Podiumsdiskussion „Wie ist die Versorgungssituation? Was brauchen Betroffene, was Angehörige?“

13 Uhr: Ausblick: Suchthilfeplanung in Hamm

Veranstalter ist die Lenkungsgruppe „Kommunale Suchthilfe“; die Teilnahme ist kostenlos.

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