Hoher Druck, auffällige Suizidrate

Tierärzte in Hamm extrem belastet - Erschreckende Details

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Extremen Arbeitsdruck gibt es vielen Berufen. In einer Branche aber treten nun beklemmenden Details und Statistiken auf. Und persönliche Erfahrungsberichte.

Hamm – Für viele ist es ein Traumberuf: Tierarzt. Vielleicht sogar mit eigener Praxis, festem Kundenstamm, immer im Einsatz für die kleinen und großen Vierbeiner mit den Knopfaugen und deren zweibeinige Besitzer. Wer sich den Traum erfüllt hat, merkt allerdings schnell, dass es keiner ist. Stress, Überlastung, schlechte Bezahlung, viel zu viel Bürokratie und die hohen Ansprüche der Patientenbesitzer bilden eine große Schattenseite.

Hammer Tierarzt spricht von „knallhartem Beruf“

„Der Beruf des Tierarztes sieht von außen immer sehr romantisch aus. Aber er ist knallhart“, sagt Dr. Lars Nethe. Im April hat der Fachtierarzt seine Hundepraxis an der Marker Dorfstraße eröffnet. Aktuell freut er sich über einen riesigen Zulauf. „Ich mache meinen Job richtig gerne, aber ich muss mich selbst vor der Belastung schützen.“ Deshalb ist er bereits auf der Suche nach Verstärkung, um die Arbeit im Team mit einem angestellten Tierarzt auf mehrere Schultern verteilen zu können. Auf Dauer sei das Pensum als Alleinkämpfer nicht zu stemmen.

Bundesverband spricht von erhöhter Suizidrate bei Tierärzten

„Die Suizidrate bei Tierärzten ist extrem hoch. Viel höher als in anderen Berufen“, sagt Tierärztin Astrid Behr vom Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt). Auch wegen der hohen Arbeitszeit. „Praxisinhaber unterliegen ja nicht dem Arbeitszeitgesetz“, so Behr. „Das heißt, Veterinärmediziner arbeiten so lange wie nötig, unter Umständen 60 Stunden die Woche. Das möchten viele nicht.“ Hinzu kämen Anfeindungen, die sogar bis ins Tätliche gehen können, so Behr.

Erst kürzlich ist bekannt geworden, dass der Heessener Tierarzt Dr. Stefan Bröring seine Praxis aufgeben wird – aus gesundheitlichen Gründen. „Ich leide selbst schon viel zu lange unter einem viel zu starken Arbeitsdruck“, sagt Bröring. Er sei Tierarzt durch und durch, habe seinen Beruf 30 Jahre lang mit voller Hingabe ausgeübt. Jetzt sieht er sich gezwungen, die Reißleine zu ziehen.

Ab August bleibt der Behandlungstisch leer: Tierarzt Dr. Stefan Bröring schließt nach 30 Jahren seine Praxis. Einen Nachfolger gibt es nicht.

Früher habe der 60-Jährige Beruf, Familie und Hobbys noch besser vereinbaren können. In den letzten zehn Jahren sei seine Tätigkeit intensiver geworden. „Heute bin ich sieben Tage pro Woche in der Praxis.“ Neben der Behandlung gibt es für niedergelassene Tierärzte viele andere Pflichten zu erledigen. Der Bürokratie-Berg der Branche ist zuletzt enorm gewachsen. Hierzu zählt die gesetzlich streng geregelte Anwendung von Antibiotika in der Tiermedizin. „Ich schlafe keine Nacht durch und werde dauernd schweißgebadet wach.“

Bei einer 2016 durchgeführten Umfrage der Bundestierärztekammer zeigten 32,1 Prozent der Tierärzte ein erhöhtes Suizidrisiko, während dies nur bei 6,6 Prozent der Allgemeinbevölkerung zu finden war. Warum die Burnout- und Suizidrate in seiner Branche so hoch ist, liegt für den Tierarzt glasklar auf der Hand: „Erstens, weil wir es können, und zweitens, weil wir fast täglich sehen, wie schön und erlösend der Tod sein kann, nachdem das Tier eingeschläfert wurde.“

Für niedergelassene Tierärzte wird es schwieriger, einen Nachfolger zu finden. Der Frauenanteil in der Branche ist hoch. Knapp 90 Prozent der Tiermedizin-Absolventen sind weiblich. Am Ende des Studiums kommt für sie oft nur ein Angestelltenverhältnis oder Teilzeit infrage. Eine eigene Praxis und Familie sind kaum zu vereinbaren. Andere wiederum schließen das Studium, so die Tierärztekammer Westfalen-Lippe, erst gar nicht mit einer Approbation ab. „Dadurch gehen viele Tierärzte verloren.“ Beim Studium der Tiermedizin handele es sich um ein langes und anspruchsvolles Studium. Und: In anderen akademischen Berufen lasse sich durchaus mehr Geld verdienen, so Behr.

Die Zahl der Kliniken und Praxen sinkt, die der Haustiere wächst. Corona hat für einen Haustier-Boom gesorgt. Auch wenn viele Praxen in Hamm einen Aufnahmestopp verhängt haben, einen Tierarztmangel gebe es noch nicht, so Tierarzt Lars Nethe.Aus Sicht der Tierärztekammer bestehe ein Mangel an Veterinärmedizinern. Aktuell gibt es 818 Tierarztpraxen im Kammerbezirk sowie drei -kliniken in Ahlen, Recklinghausen und Bielefeld. Das sind neun weniger als vor fünf Jahren, 2017 waren es zwölf Kliniken.

Wahrscheinlich würde es weniger Kliniken und Praxen geben, würden Großkonzerne wie Anicura, das zu Mars gehört, und Evidensia (Nestlé) sie nicht aufkaufen. Alle drei Kliniken im Kammerbezirk gehören heute Anicura. „Auch größere Praxen mit vier Tierärzten sind für solche Käufer interessant“, erklärt Nethe. Die zehn kleinen Praxen in Hamm dürften noch nicht auf der Einkaufsliste stehen.

Für Nethe käme solch ein Modell nicht infrage. Von den Konzernen würde festgelegt, welche Schemata und Medikamente verwendet werden. Man sei nicht der eigene Herr. „Da steckt ein anderer Gedanke hinter“, so Nethe. Seine Praxis sei kein Investitionsmodell. „Man hat ja die Verantwortung, dem kleinen Wesen zu helfen.“

Auch für die Patientenbesitzer wird sich etwas ändern, sagt Heike Gümmer, Inhaberin einer Kleintierpraxis in Herringen. Der Tierarztbesuch könnte teurer werden: „Eine CT-Untersuchung für 3,50 Euro wird es nicht mehr geben.“

Ob sie selbst heute noch mal Tierärztin werden würde? „Nicht unter den heutigen Bedingungen“, sagt Gümmer. Ein paar Jahre will sie noch als Tierärztin arbeiten und dann ihre Praxis – wohl ohne Nachfolger – schließen. „So was will sich doch heute keiner mehr ans Bein binden.“ Die Tiermedizin werde sich massiv verändern, ist sich Gümmer sicher. „Und das muss sie auch.“

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa | Arne Dedert

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