Betroffenheit groß

Von einer Krise in die nächste: Nachrodter Unternehmen bangen nach Brücken-Desaster um Existenz

+
Peter Meier (Mitte – hier mit Kai Winkelmann und Natascha Mandrik) betreibt die Aral-Tankstrelle: „Die Situation ist noch schlimmer als bei der Felsnasen-Sprengung“.
  • schließen

Nach dem Schock der Brückensperrung versuchen Nachrodter Unternehmen zu überleben. Eine Lösung: Pizza-Lieferungen über die Schwimmbrücke.

Nachrodt-Wiblingwerde – „In zwei, drei Monaten bin ich pleite. Dann sitze ich hier auf einem Berg von Schulden und bin wirtschaftlich am Ende.“ Mohamed Talbi, Besitzer von „Pizza Brothers“, ist seit der Sperrung der Lennebrücke mit den Nerven am Ende. „80 Prozent unserer Lieferungen gehen über die Brücke“, erzählt der Unternehmer, der erst vor eineinhalb Jahren seine Geschäftsräume an der Hagener Straße 73 in „Nord-Nachrodt“ kernsaniert und vergrößert hatte. Und jetzt? Mohamed Talbi setzt auf Ideenreichtum. Die heißen Pizzen werden über die Schwimmbrücke getragen. Ab sofort steht nämlich ein Pizza-Taxi auf der Rastatt-Seite, mit dem auch die Kunden auf der „Südseite“ beliefert werden können.

„Die Leute können also jetzt wieder bei uns bestellen. Es ist auch möglich, dass wir uns an der Schwimmbrücke treffen. Alles geht“, hofft Mohamed Talbi, dass dieser Service auch angenommen wird. Er war übrigens auch bei der Ratssitzung und sagt: „Man kann reden, wie man will, wir brauchen Taten. Die Brücken-Sperrung darf nicht Monate dauern.“

Ähnlich sieht es auch Peter Meier, der die Aral-Tankstelle in Nachrodt betreibt. „Die Situation ist noch schlimmer als bei der Sprengung der Felsnase.“ Damals habe man wenigstens eine Vorlaufzeit gehabt und den Warenbestand herunterfahren können. Heute stehe man plötzlich vor dem Nichts. Tanken? Fehlanzeige. Kaffee und Brötchen für unterwegs? Braucht niemand mehr, weil niemand mehr vorbeifährt. Die Öffnungszeiten hat Peter Meier bereits reduziert: Statt um 5 Uhr in der Früh öffnet er um 8, statt um 21 Uhr schließt er nun um 19 Uhr. Peter Meier und seine Mitarbeiter, darunter drei Aushilfen, sind ratlos. Und wütend. Die Unternehmen hätten einfach keine Planungssicherheit mehr. Selbst wenn die Brücke jetzt repariert werde, so sei es doch nur ein Provisorium. „Und niemand weiß, wie lange das hält. Wir stürzen hier von einer Krise in die nächste.“ Und auch der Planungsstand für die neue Brücke wurmt den Tankstellenbetreiber – ganz besonders die vielen Einwendungen: „Das nehme ich irgendwann persönlich“, sagt Peter Meier und denkt darüber nach, ein Hausverbot auszusprechen, um gegen den seiner Meinung nach wichtigsten Gegner der neuen Brücke ein Zeichen zu setzen.

Nicht den Kopf in den Sand stecken möchten Stefanie und Kai Kantimm, die den Edeka-Markt betreiben. „Wir schaffen das irgendwie, wenn es tatsächlich nur maximal drei Wochen dauert. Aber das ist ja im Moment alles reine Spekulation“, sagt Stefanie Kantimm, die ganz klar die Verantwortung der Misere bei Straßen.NRW sieht. 20 Jahre kenne man das Problem und habe keinen Plan B in der Tasche. Im Geschäft: nur wenige Kunden. Edeka wird weiterhin jeden Tag beliefert, wenn auch später mit riesigen Umwegen über Ihmert. Die 43 Mitarbeiter halten zusammen wie Pech und Schwefel. So wurden beispielsweise Fahrdienste organisiert und niemand muss ganz alleine frühmorgens über die schwimmende Brücke.

Beim Netto-Markt erzählt die stellvertretende Filialleiterin Martina Grdic von wenigen, aber geschockten Kunden. Es gebe kein anderes Gesprächsthema mehr. „Die Leute sind froh, dass wir noch geöffnet haben.“ In den ersten Tagen habe es erhebliche Probleme bei der Warenlieferung gegeben. Ein Lkw sei in Altena stecken geblieben, „der Fahrer hat nicht mehr gewusst, wo er herfahren durfte, und ist schließlich zurück.“

Natürlich spüren in der Bäckerei Büsch Enja Breucker und ihre Kolleginnen ebenfalls einen deutlichen Kundeneinbruch. Ein Brötchen und einen Kaffee für unterwegs benötigt gerade niemand. „Eine Kollegin will jetzt einen Roller auf die andere Lenneseite stellen, damit sie irgendwie zur Arbeit und zurückkommt“, sagt Enja Breucker.

Dass der kleine Lotto-Laden Schauerte „vor die Hunde gehen“ könnte, weil die einen nach Letmathe, die anderen nach Altena ausweichen, macht Christiane Schauerte natürlich auch zu schaffen. Im Sisman-Markt gegenüber der Sparkasse wird ab einem 15-Euro-Einkauf gerade ein Liefer-Service nach Hause angeboten. Zurzeit gibt es offenbar nur eine Institution, die einigermaßen im Normalbetrieb läuft: die Sparkasse: „Wir hatten es uns schlimmer vorgestellt, aber die Menschen müssen ja ihre Bankgeschäfte erledigen. Gott sei Dank gibt es die Fußgängerbrücke“, sagt die Sparkassen-Angestellte Petra Gerland im Gespräch mit der Redaktion.

Bei Büsch spüren Enja Breucker und ihre Kolleginnen einen deutlichen Kundeneinbruch.
Nur in der Sparkasse kann Petra Gerland nicht klagen über mangelnde Kundschaft.
Pizza Brothers: Der Chef Mohamed Talbi fürchtet um seine Existenz.
Stefanie und Kai Kantimm, Chefs des Edekas in Nachrodt, wollen den Kopf nicht in den Sand stecken, aber die Kunden bleiben zurzeit in Scharen weg.

Kommentare