Virologe aus NRW

Hendrik Streeck will in die Politik: „Ministerium braucht jemanden, der nicht nur Sachen ankündigt“

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Neben seiner Arbeit als Virologe hat Hendrik Streeck politische Ambitionen. Er kandidiert für den Bundestag. Sein Ziel: Bessere Vorbereitung auf künftige Pandemien.

Bonn - Der in der Corona-Pandemie bekannt gewordene Virologe Hendrik Streeck hat ein neues Buch geschrieben, das am Donnerstag, 26. September, erschienen ist. Darin fordert der 47-Jährige eine Aufarbeitung der Pandemie-Zeit.

Um besser auf künftige Pandemien vorbereitet zu sein, schreibt Streeck aber nicht nur Bücher. Er will in den Bundestag und kandidiert für die CDU bei der Bundestagswahl 2025 in seiner Heimatstadt Bonn. Mit Streeck, der schon öfters die Corona-Politik kritisierte, sprach Alexander Schäfer für wa.de.

Warum kandidieren Sie für den Bundestag?
Für mich ist das die logische und emotionale Konsequenz aus den vergangenen Jahren. Ich habe in der Pandemie am eigenen Leib zu spüren bekommen, dass nicht mehr alle Meinungen gehört werden. Die Sorgen und Nöte der Bürgerinnen und Bürger wurden nicht immer ernst genommen. Ich bin ein politischer Mensch, ich will mich einbringen. Es geht mir um eine etwas andere Debattenkultur: mehr wissenschaftliche Objektivität, weniger ideologische Emotionalität. Mit dieser Losung können wir die Menschen auch wieder mehr mitnehmen, denn zu vielen der großen Herausforderungen gibt es pragmatische Lösungen. Wenn wir sie mutig und mit dem Wunsch nach Zusammenhalt anpacken!
Sie schreiben, dass sie lange mit sich gehadert haben, dieses Buch zu schreiben. Warum?
Ich habe mir die Frage gestellt, ob ein solches Buch sinnvoll ist, weil es natürlich auch Kritik geben wird. Ich werbe schon länger für eine Aufarbeitung der Pandemie. Wir müssen Lehren aus dieser Zeit ziehen. Das passiert aber nicht. Ich bin objektiv an die Sache herangegangen und habe die verschiedenen Sichtweisen auf die Pandemie dargestellt. Es war schwierig, das Buch zu schreiben. Ich habe mich sowohl mit Querdenkern und Impfverweigerern als auch Menschen unterhalten, die härtere Maßnahmen wollten, um deren Sichtweise zu verstehen.

Hendrik Streeck will in die Politik – „Kein Karriereziel vor Augen“

Ist Ihr Buch eine Reaktion auf Christian Drosten, der auch ein Buch geschrieben hat?
(lacht) Nein. War es vielleicht andersherum? Sein Buch war ebenfalls angekündigt mit einem Erscheinungsdatum Ende September. Das wurde dann vorgezogen. Aber ganz im Ernst: So ein Buch schreibt man nicht in zwei Monaten.
Sie schlagen in Ihrem Buch einen wissenschaftlichen Chefberater fürs Kanzleramt vor. Denken Sie dabei an sich?
Es geht mir um strukturelle Vorschläge, die gut für Deutschland wären und nicht um meine Person. In meinem Buch mache ich noch andere Vorschläge, um auf die nächste Pandemie besser vorbereitet zu sein. Als Nächstes fragen Sie mich wahrscheinlich, ob ich Karl Lauterbach ablösen und Bundesgesundheitsminister werden will.
Die Frage liegt auf der Hand. Sie bringen die Fachexpertise mit und wollen in die Berliner Politik.
Mir ist wichtig, dass wir strukturelle Veränderungen in der wissenschaftlichen Beratung von Politik erreichen. Meine Expertise liegt in den Bereichen Gesundheit und Wissenschaft. Da will ich mich gerne einbringen. Aber mein großes Anliegen in Zeiten von Politikverdrossenheit ist nicht nur das Was in der Politik – sondern das Wie: weniger Floskel, an Werten und Zielen festhalten, selbst wenn man dafür Gegenwind aushalten muss, mutiger sein, auch an Fundamentales zu gehen. Es hilft mir hier, kein ewiger Berufspolitiker zu sein. Und daher habe ich auch kein Karriereziel vor Augen. Jetzt stehen zuoberst die Belange der Bonnerinnen und Bonner.
Buchautor und Politiker: Hendrik Streeck hat erneut ein Buch zur Corona-Pandemie geschrieben. Im nächsten Jahr kandidiert der Virologe für den Bundestag. Streeck ist Mitglied der CDU.

„Wir brauchen im Gesundheitsbereich dringend Reformen“

Friedrich Merz ist jetzt Kanzlerkandidat der CDU. Wie gut kennen Sie beide sich?
Gut genug, um überzeugt zu sein, dass er ein starker Kanzler sein wird. 
Würden Sie ihm empfehlen, im Regierungsfall das Gesundheitsministerium der CDU zu verantworten?
Wir brauchen im Gesundheitsbereich dringend Reformen. Deshalb brauchen wir im Gesundheitsministerium jemanden, der nicht nur Sachen ankündigt. Wir brauchen jemanden, der durchsetzungsfähig ist, der etwas von der Materie versteht, der gesprächsbereit ist und Kompromisse finden kann. Um Lösungen zu finden, muss man die unterschiedlichen Interessengruppen zusammenführen. Wir brauchen zum Beispiel eine Reform der Gebührenordnung für Ärzte. Das kann man aber nicht einfach von oben herab bestimmen.
Das war jetzt keine Rede für den amtierenden Gesundheitsminister.
Ja, das war es nicht.
Damit ist meine nächste Frage, ob Karl Lauterbach ein guter Gesundheitsminister ist, schon beantwortet.
Im Grunde schon. Denn was hat er wirklich umgesetzt? Sehr wenig. Mir fällt da nur die Legalisierung von Cannabis ein. Ich halte das in dieser Form auch noch für falsch. Das sagen sowohl viele Ärzte als auch Polizisten. Lauterbach hat es trotzdem gemacht. Das ist doch ein Paradebeispiel dafür, wie man als Gesundheitsminister nicht vorgehen sollte.
Sie danken am Ende des Buches unter anderem Jan Josef Liefers und den Ehrlich Brothers. Welchen Bezug haben Sie zu den Künstlern?
Die Ehrlich Brothers hatten mich in der Pandemie gebeten, ein Hygienekonzept für eine Großveranstaltung zu entwerfen. Wie man im Buch nachlesen kann, wurde das jedoch nicht genehmigt. Mit Jan Josef Liefers habe ich wegen der umstrittenen Kunstaktion #allesdichtmachen gesprochen. Ich fand die Reaktionen darauf damals extrem heftig. Der Umgang mit den Künstlern hat gezeigt, dass wir sehr früh mit Angst gearbeitet haben. Ja, Corona war zu Beginn schlimmer als die normale Grippe. Aber das Virus wurde in Teilen gefährlicher dargestellt als es war und ist. Die Empörungswelle war nicht richtig. Liefers und Co. wollten doch nur auf einen Widerspruch aufmerksam: ihr sperrt uns alle weg und wir sollen das auch noch gut finden. Heute sehen wir zum Beispiel bei Kindern und Jugendlichen die negativen Folgen der Lockdowns.

Das Buch

„Die Wahrscheinlichkeit, dass die meisten von uns noch einmal eine Pandemie erleben werden, ist hoch“, schreibt Hendrik Streeck in seinem neuen Buch „Nachbeben“. Nach „Hotspot“ (erschienen 2021) legt der Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn ein zweites Werk zur Corona-Pandemie vor. Der Untertitel weist auf den Inhalt des 320 Seiten starken Buches: Die Pandemie, ihre Folgen und was wir daraus lernen können. Als Mitglied verschiedener Expertenräte war Streeck ein gefragter Mann in der Pandemie und hatte tiefe Einblicke in die Virusbekämpfung. Sein Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der Corona-Zeit. Es erscheint an diesem Donnerstag im Piper-Verlag und kostet 22 Euro.

Rubriklistenbild: © Rolf Vennenbernd/dpa

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