Hammer schreibt über eigene Erfahrungen

„Nur einmal wieder Drogen konsumieren reicht, um komplett abzustürzen“

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Hermann Wenning aus Hamm weiß viel aus seiner eigenen Drogenvergangenheit zu berichten.
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Wenn einer weiß, wie es ganz unten aussieht, dann er. Hermann Wenning war alkohol- und drogenabhängig, finanzierte seine Sucht durch Einbrüche und saß viermal im Knast. Mittlerweile ist der Hammer seit 17 Jahren clean und betreibt Suchtprävention in Schulen, Kliniken und Gefängnissen.

Hamm - Dort gibt er Hinweise, wie man den Ausstieg aus der Sucht schaffen kann und liest aus den drei Büchern „Lauf zurück ins Leben!“, „Versoffene Jugend“ und „Einbruch!“, die er über sein bewegtes Leben geschrieben hat.

Bei einer dieser Lesungen haben ihn Schüler auf die Idee gebracht, nach drei Sachbüchern einen Roman zu schreiben. Mittlerweile ist das Buch erschienen und kürzlich von seinem Verlag auch bei der Frankfurter Buchmesse vorgestellt worden. Der Titel: „Harry Cocker – der Kochlehrling in der Drogenküche“.

Kenntnisreiche Schilderung einer Drogenkarriere

Wenning schildert in dem Roman anschaulich und kenntnisreich, wie ein Jugendlicher zum Großdealer für Ecstasy-Pillen aufsteigt, dann allerdings selbst immer tiefer im Drogensumpf versinkt. Prompt landet er irgendwann im Gefängnis, schafft es nach einem Entzug, von den Drogen loszukommen und steigt als junger, erfolgreicher Koch sogar zum Medienstar auf. Doch dann droht ein Rückfall, alles zu zerstören.

Auch der Autor selbst kommt in dem Roman vor: „Der Kellner Hermann mit dem Vokuhila-Haarschnitt, das bin ich“, erzählt Wenning bereitwillig. Die Handlung spielt in den 80er- und 90er-Jahren noch zu D-Mark-Zeiten zunächst im Münsterland, wo Wenning selbst damals lebte, tagsüber bei der Müllabfuhr arbeitete und abends als Kellner jobbte und Drogen konsumierte. „100.000 Mark hat mein Dealer im Laufe der Jahre von mir bekommen“, berichtet Wenning und verschweigt im Gespräch nicht, dass er seinen Konsum zum Schluss nur noch über Einbrüche finanzieren konnte.

Binnen kurzer Zeit drogenabhängig

Die Romanhandlung nutzt Wenning geschickt, um die Wirkung verschiedener Drogen aufzuzeigen: Hauptfigur Harry nimmt zunächst vor allem Ecstasy-Pillen, eine Aufputschdroge, die dafür sorgt, dass sein Herz schneller schlägt. Dank der Serotonin- und Dopaminausschüttung ist er regelrecht euphorisch, an Schlaf ist nicht zu denken.

So tanzt er ganze Nächte in den Diskotheken im Münsterland durch, wie es Wenning auch tat. Bald schnupft Harry auch Amphetamin und ist binnen eines halben Jahres drogenabhängig. Immerhin: Im Gegensatz zur Heroinabhängigkeit setzt bei Harry und Freunden, als sie von der Polizei verhaftet werden, kein harter körperlicher Entzug ein.

„Haschisch ist Standarddroge in allen deutschen Gefängnissen“

Auch andere Fakten lässt Wenning quasi nebenbei in die Romanhandlung einfließen: Zwei Kilogramm Amphetamine reichen für acht Jahre Knast, droht ein Polizist Harry. Aber auch im Gefängnis geht der Drogenkonsumweiter: „Haschisch ist die Standarddroge in allen deuschen Gefängnissen“, schreibt Wenning, der selbst mehrfach eingesessen hat.

Das vierte Buch: Hermann Wenning hat mit „Harry Cocker – der Kochlehrling in der Drogenküche“ seine ersten Roman geschrieben.

Um seine Gefängnisstrafe zu verkürzen, macht Harry eine Drogentherapie im Relax in Ascheberg – auch das ist ein Ort, den Wenning aus seiner Vergangenheit kennt. Und die Warnung der Sozialpädagogin an Harry dürfte der Hammer nicht von ungefähr mit ins Buch aufgenommen haben: „80 Prozent kriegen die Therapie nicht hin und brechen ab, vier von fünf.“

Aufstieg zum TV-Star und Sternekoch

Seine Hauptfigur hingegen schafft es, für einige Jahre clean zu bleiben: Er geht nach Hamburg und steigt dort zum Sternekoch und TV-Star auf. Die Welt der Stars und Sternchen, in die Harry eintaucht, beschreibt Wenning durchaus witzig und betreibt ein Namedropping der besonderen Art: So lässt er Harry in einer Talkshow bei „Markus Schwanz“ auftreten und dort auf den Arzt „Dr. Meinrad von Kirchhausen“, Torwartlegende „Oliver Kran“, Schauspieler „Phil Schweiger“ und Sängerin „Marianne Tulpenberg“ treffen.

Scheinbar macht Harry mit dem Ortswechsel alles richtig: „Man muss aus dem Ort raus, in dem man süchtig geworden ist, sonst schafft man es kaum, clean zu bleiben“, betont Wenning, der selbst zeitweilig in Hamburg war, aber dort auch zwei Jahre in die Drogenszene eintaucht: „St. Georg, der Bahnhof und die Sternschanze waren die Anlaufpunkte.“ Auch Harry verkraftet den Ruhm nicht, driftet dort ab, und nimmt immer härtere Drogen: Kokain, Speed, Heroin, Crack.

Nur einmal wieder Drogen zu konsumieren reicht, um komplett abzustürzen.

Hermann Wenning

Auslöser war, dass ihn seine Freundin verlassen hat. „Jeder Süchtige findet einen Grund, um wieder rückfällig zu werden“, sagt die Klinikchefin zu Harry. Und auch Wenning warnt: „Nur einmal wieder Drogen zu konsumieren, reicht, um komplett abzustürzen.“ Er selbst ist seit 2005 clean und verspürt seit zehn Jahren keinen Suchtdruck mehr und ist glücklich darüber.

Und genau das will er in seinen Vorträgen vermitteln: „Am Ende lohnt es sich, auszusteigen und von den Drogen loszukommen: Die Lebensqualität ist besser und das Selbstbewusstsein ist ein ganz anders als das eines Menschen, der nur für den nächsten Rausch lebt.“

Wenning hat vor dem Roman drei Sachbücher über sein bewegtes Leben geschrieben: „Lauf zurück ins Leben!“, „Versoffene Jugend“ und „Einbruch!“

Das neue Buch
Hermann Wenning: Harry Cocker – der Kochlehrling in der Drogenküche. Idea-Verlag, 214 Seiten, 16,80 Euro.

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