Proteste gegen Streichungen

Wertschätzung fehle: Kreislandwirt zu den Gründen für die Bauernproteste

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Landwirte nahmen viele Stunden Fahrt in Kauf, um in Berlin mitzudemonstrieren.
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Dass so viele Landwirte und auch weitere Unterstützer sich an den Protesten gegen die Sparpläne der Ampel-Koalition beteiligt haben, hat Kreislandwirt Dirk Voss sehr beeindruckt. Er glaubt, dass auch bei den Politikern ein Umdenken begonnen habe, dass es so nicht weitergehen könne. Wichtig sei nun, miteinander nach Lösungen zu suchen.

Herscheid/Märkischer Kreis – Die Protestwoche der Landwirte fand am Montag mit einer Großdemonstration in Berlin ihren Höhepunkt. Auch wenn die Ampel-Koalition am schrittweisen Abbau der Agrardiesel-Subvention festhalten will, wurden Entlastungen an anderer Stelle versprochen. Kreislandwirt Dirk Voss glaubt dennoch, dass die Botschaft der Proteste bei der Politik angekommen ist.

„Ich bin schon beeindruckt davon, was die Bauern zustande gekriegt haben“, sagt der Herscheider. Dass so viele zum Protest nach Berlin gekommen sind und viel Zeit opfern, in der sie sich sonst um ihre landwirtschaftlichen Betriebe kümmern würden, zeige, dass „viel Druck auf dem Kessel“ sei. Auch wenn der Kreislandwirt noch keine Rückmeldungen von Teilnehmern aus dem Märkischen Kreis habe, wisse er doch von einigen Landwirten, dass sie nach Berlin gefahren seien, um dort ihre Meinung kundzutun. Manche seien mit Bussen angereist, andere hätten auch die Fahrt mit ihren Traktoren – gut 17 Stunden – auf sich genommen.

Agrardiesel brachte Fass zum Überlaufen

„Es geht dabei auch gar nicht um die Steuerbefreiung und den Agrardiesel“, ist Voss sich sicher. „Es ist einfach das Quäntchen gewesen, das das Fass zum Überlaufen gebracht hat.“ Es sei in den vergangenen Jahren viel zusammengekommen an immer neuen Vorschriften, etwa Regelungen zu Haltungsformen und Umweltauflagen.

Dass die Demo ordnungsgemäß und ohne Ausschreitungen stattfinden konnte und sich neben den Landwirten auch viele andere angeschlossen haben, bewertet Voss als positiv. Im Vorfeld wurde allerdings viel vor einer Vereinnahmung der Proteste durch Rechtsextreme gewarnt, vor Akteuren mit Umsturzfantasien. Voss wundert sich etwas, dass mit solchen Vorwürfen Ängste geschürt wurden. Bei vereinzelten Teilnehmern traf der Rechtsruck-Vorwurf zu, bestätigt Voss, diese seien aber von der Demonstration ausgeschlossen worden. „Ein Plakat fasst es gut zusammen: Die Landwirtschaft ist bunt, nicht braun“, sagt der Kreislandwirt.

Kreislandwirt Dirk Voss aus Herscheid-Friedlin erklärt, dass bei den heimischen Bauern „viel Druck auf dem Kessel“ sei. (Archivfoto)

Voss ist sich sicher, dass die Proteste und deren Ausmaß auch bei den Politikern – vor allem der Ampel-Koalition – Eindruck gemacht haben. „Ich glaube schon, dass es da ein Umdenken gibt und man sich Gedanken macht, ob alles so richtig ist, wie es im Moment läuft“, sagt der Herscheider. „Ich hoffe, dass in dieser Woche hinter den Kulissen vernünftige Gespräche stattfinden.“ Was die in Aussicht gestellten Entlastungen für die Landwirtschaft angeht, bleibt der Kreislandwirt gespannt. „Da lasse ich mich überraschen. Es muss aber Hand und Fuß haben.“

Es müsse auch grundsätzlich um die Zukunft der Landwirtschaft in Deutschland gesprochen werden und welche Rolle sie spielen soll. Im Zuge der Versorgungsschwierigkeiten durch den Ukraine-Krieg hätten andere Länder in Europa reagiert und gesagt, dass die eigene Landwirtschaft wieder einen größeren Anteil an der Lebensmittelversorgung haben solle, in Deutschland dagegen nicht, so Voss.

Vorhandene Flächen intensiver nutzen

Statt immer mehr landwirtschaftlich nutzbare Flächen zu bebauen oder stillzulegen, sollte es eher darum gehen, den jetzigen Standard zu halten oder diese Flächen sogar intensiver zu bewirtschaften, um mehr zur Lebensmittelversorgung und -sicherheit beizutragen. Im Gegensatz zu anderen Ländern, die vom Klimawandel ganz anders betroffen seien und in Zukunft ihre Bevölkerung möglicherweise nicht mehr versorgen können, seien die Flächen in Deutschland noch gut nutzbar für die Nahrungsmittelproduktion. „Klimatisch sind wir hier noch auf der Sonnenseite“, sagt Voss.

Doch beim Blick auf Prognosen der DZ-Bank, dass sich bis 2040 die Zahl der Vollerwerbsbetriebe in Deutschland von 256.000 auf 100.000 reduziere, stelle sich die Frage, wie die Nahrungsmittelproduktion aufrechterhalten werden kann. Vor allem Familienbetriebe, die von der Politik ja eigentlich gewünscht seien, seien es, die den Betrieb aufgeben, und das nicht nur wegen finanzieller Schwierigkeiten, sondern auch weil das Verständnis für die Landwirtschaft fehlt.

Wertschätzung für Landwirtschaft fehlt

„Man kämpft gegen Windmühlen und es wird immer eine neue Sau durchs Dorf getrieben“, sagt Voss. „Wir sollen an allem Schuld sein, aber die Wertschätzung dafür, dass wir die Bevölkerung mit hochwertigen Nahrungsmitteln beliefern, fehlt.“

Stattdessen werde die Landwirtschaft zugunsten der Exportorientierung geopfert – Industriewaren würden exportiert und landwirtschaftliche Erzeugnisse importiert. Wie diese Produkte dann erzeugt würden, wie es mit der CO2-Bilanz und dem Tierwohl aussehe, spiele dann keine Rolle mehr. Das widerspreche auch den von der Politik formulierten Zielen.

„Wir müssen miteinander reden und Lösungen finden“, sagt Voss, der sich wünscht, dass dabei Fachleute mehr Gehör finden. Die Bauern brauchten eine Perspektive, sagt Voss. „Es ist gut, dass die Landwirtschaft und ihre Probleme durch die Proteste wieder in den Vordergrund gerückt sind. Das ist bitter nötig.“

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