- VonJens Greinkeschließen
Seit einigen Tagen übt das Heimatschutzregime für einen Krisenfall. Die Übungen finden in Münster statt – und haben es in sich.
Münster - Als das Stimmengewirr kein Ende nimmt, ist für Heiko P. dann doch der Punkt gekommen, einzugreifen. „Alle Mann im Halbkreis nebeneinander“, brüllt der Ausbildungsleiter und stapft über den matschigen Waldweg in Richtung der tuschelnden Männer in Uniform, die dafür eingeteilt sind, einen Checkpoint zu überwachen. „Das ist kein Debattierklub hier“, sagt P. und seine Stimme lässt unmissverständlich keine Widerworte zu. „Jawoll, Herr Oberstleutnant!“, schallt es aus der Soldatengruppe zurück.
Heimatschutzregiment schützt NRW im Krisenfall: „Sind keine Hobby-Rambos“
Die Ansprache hinterlässt bei den Männern keinen Groll. „Das klingt vielleicht etwas ruppig. Aber eigentlich wird nur so gesprochen, damit es auch jeder versteht: zackig, kurz und klar“, sagt Björn F.. Der 44-jährige Gelsenkirchener ist im richtigen Leben Justizvollzugsbeamter. Aber eben auch Stabsunteroffizier beim Heimatschutzregiment 2 in Nordrhein-Westfalen. Und deshalb gerade für gut eineinhalb Wochen zur Herbstübung „Agiles Ross“ in die Lützow-Kaserne in Münster eingerückt.
Heimatschutzregiment NRW übt in Münster für den Krisenfall – Übung läuft noch bis 25. Oktober
Seit dem 18. Oktober läuft die Herbstübung in Münster. Am Freitag, 27. Oktober, wird sie beendet werden. Für die 54 Männer und Frauen, die am „Agilen Ross“ teilnehmen, ist das kein Zuckerschlecken. Wie am Mittwochvormittag, 25. Oktober. 48 Stunden lang sind sie in einer sogenannten Lage, also in einem simulierten Einsatz. Was bedeutet, dass es in dieser Phase keinen Dienstschluss gibt. Einigen sind die Anstrengungen deutlich anzusehen. Die vergangene Nacht haben sie in einer Scheune zugebracht, das Wetter ist trüb-nass, das Thermometer klettert selbst in der Mittagszeit nur mühevoll über die 11-Grad-Marke. „Natürlich stellt man sich manchmal die Frage: Was mache ich hier eigentlich?“, sagt Björn F. und schiebt die Antwort gleich hinterher: „Meinen gesellschaftlichen Beitrag leisten.“ Wenn er sich dies in schlechten Momenten in Erinnerung rufe, sei die Motivation sofort zurück. „Dann übersteht man auch die Wache von halb zwei bis vier mitten in der Nacht.“
Bis Ende 2026 will das Territoriale Führungskommando der Bundeswehr insgesamt sechs Heimatschutzregimenter aufstellen. Den Start machten die Bayern. Die Aufgaben dieser Regimenter umfassen die Unterstützung und Entlastung der aktiven Truppe bei Wach- und Sicherungsaufgaben. Darüber hinaus gehören auch die sogenannten Blaulichteinsätze im Krisen- und Katastrophenfall dazu – wie beim Hochwasser im Ahrtal oder während der Corona-Pandemie. Der Einsatz bleibt regional begrenzt.
Die Anfänge des Regiments in NRW liegen im Jahr 2022, als ein Aufstellungsstab, der komplett aus Reservedienstleistenden bestand, in der Manfred-Richthofen-Kaserne in Münster seine Arbeit aufnahm. Seit dem 1. April 2023 ist das Regiment ein aktiver Verband. Rund 600 Reservistinnen und Reservisten gehören dem Regiment mittlerweile an, das am Ende rund 1000 Personen umfassen soll. Eine Bundeswehr-Vorgeschichte ist für Interessenten keine Voraussetzungen. „Es können sich Gediente und Ungediente bewerben“, sagt Oberst Jens Teichmann, der Kommandeur des Heimatschutzregimentes 2. Und die Bewerbungen flattern nur so herein: Aktuell müssten noch 1200 abgearbeitet werden.
„Das sind keine Hobby-Rambos, die an einem Tough-Mudder-Wettkampf teilnehmen wollen“
Ausbildungsleiter Heiko P. hat in seiner 39-jährigen Soldatenkarriere schon viel gesehen. Der 58-Jährige war als Soldat an vielen Auslandseinsätzen der Bundeswehr beteiligt. Den Männern und Frauen des Heimatschutzregimentes tritt er mit großen Respekt gegenüber. „Diesen Leuten ist die Ernsthaftigkeit ihres Tuns bewusst. Das sind keine Hobby-Rambos, die an einem Tough-Mudder-Wettkampf teilnehmen wollen. Sie wissen, dass sie hier einen taktischen Auftrag erfüllen“, sagt der Oberstleutnant.
Gerade besteht der taktische Auftrag darin, einen verunfallten Lkw zu sichern, der mit gefährlicher Munition beladen sind. Die Heimatschützer bilden eine 360-Grad-Sicherung. Sie hocken hinter Bäumen oder liegen im feuchten Gras, um den Unfall-Lkw gegen Terroristen oder Saboteure zu schützen. „Eine Verladerampe oder einen Autobahn-Knotenpunkt zu sichern, ist keine Spielerei. Hier wird kein Krieg gespielt“, sagt Heiko P.: „Das ist hier nicht der Feuerkampf gegen den luftgelandeten Feind mit Gegenstoß und Handgranatenwurf“. Hier stehe der Objektschutz und die Sicherung von kritischer Infrastruktur im Fokus.
Neben dem Antrieb, einen gesellschaftlichen Beitrag leisten zu wollen, ist auch die Kameradschaft innerhalb des Heimatschutzes ein wichtiger Aspekt. „Jede Übung ist ein beeindruckendes Gemeinschaftserlebnis“, sagt der 48-jährige Marc S. aus Hamm, der im zivilen Leben als Ablauf-Administrator in einer Druckerei arbeitet. Der Hauptgefreite Florian B. (27) aus Dortmund, Student der Raumplanung, ist seit 2022 dabei und hat mittlerweile einen Imagewandel der Bundeswehr festgestellt. „Die Kriseneinsätze im Ahrtal oder während Corona sind hängen geblieben in der Bevölkerung“, sagt B.
Ministerpräsident kommt zur Herbstübung
An diesem Donnerstag gibt es bei der Herbstübung „Agiles Ross“ eine feierliche Unterbrechung. Zum Aufstellungsappell in der Münsteraner Lützow-Kaserne wird auch Landesvater Hendrik Wüst (CDU) kommen. „Dass der Ministerpräsident kommt, bedeutet uns schon viel. Das ist ein großes Ereignis für uns“, sagt Marc S.
Kürzlich riegelte die Bundeswehr in Münster ein Waldgebiet ab. Es bestand Gefahr für die Bevölkerung. Hintergrund ist die Aufstellung des neuen Heimatschutzregiments 2.
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