Bundestagswahl

„Der Linke“ in der Rechten: Horst Karpinsky ist Bundestagskandidat für die AfD

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In der linken Dachgeschosswohnung hat Horst Karpinsky mit seiner Ehefrau gewohnt.
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Horst Karpinsky, AfD-Kandidat im Wahlkreis 148, im Porträt: Der AfD-Politiker über seinen Werdegang, Schicksalsschläge im Leben und seinen Kater ohne Namen.

Lüdenscheid/Volmetal – „Kakao mit Sahne“, bestellt Horst Karpinsky. Kaffee hatte er schon. „Eine ganze Kanne heute Morgen.“ Es ist immer das Gleiche. Aufstehen, Knöpfchen drücken, ein bisschen Dosenmilch für den Kater. Ist der Kaffee fertig, bekommt der Mitbewohner sein Leckerchen. „Das letzte Kind hat Fell“, sagt der Plettenberger. Eigene Kinder hat er nicht. „Ging nicht“, aber schlimm war das nie. Er hatte eine wunderbare Zeit mit seiner Frau. Vor anderthalb Jahren ist sie gestorben, die Erinnerungen sind noch lebendig.

Der Lieblingsort, an dem wir uns treffen, steht schnell fest: das Haus, in dem er mit seiner Frau die erste Wohnung bezog. Die linke Dachgeschosswohnung im Seissenschmidt-Haus am Karlsplatz in Plettenberg. Dort oben feierten sie ihre Hochzeit im kleinen Kreis. Gemeinsam reisten sie durch verschiedene Länder, lernten Kulturen kennen. Er findet, dass jedes Land seine eigene Kultur behalten sollte. Er blickt nach oben, die Hände tief in den Hosentaschen. Ob er das Foto vorm Seissenschmidt-Haus wohl haben dürfe?

Horst Karpinsky erinnert sich gerne an die Anfänge zurück, aber das Ende schmerzt. Eigentlich waren er und seine Frau schon geschieden, sie hatte erneut geheiratet. „Aber das war eine ganz kurze Ehe.“ 30 Jahre lang waren sie ein Paar. Sie war sein Leben. Mit ihrem Tod starb auch ein Teil von ihm. Doch es war nicht der erste Schicksalsschlag in seinem Leben.

Horst Karpinsky wuchs in Lüdenscheid-Piepersloh auf, ging in Bierbaum zur Schule. Eine behütete Kindheit. Seine Mutter kümmerte sich liebevoll um ihn und seine beiden jüngeren Schwestern. Doch sein Vater verließ die Familie spurlos. Bis heute weiß keiner, wo er ist – oder ob er überhaupt noch lebt. Seine Mutter ist eigentlich seine Stiefmutter. An seine leibliche Mutter hat er keine Erinnerungen. „Sie wurde ermordet“, sagt er leise. Er war noch ein kleines Kind. Viel kann er nicht erzählen. „Sie war Taxifahrerin.“

Das zweite Getränk ist ein Pott Kaffee. Immer wieder wandert sein Blick aus dem Fenster des Cafés Haltepunkt, hinunter auf das Stadtzentrum. Er zeigt auf das Haus, in dem er heute lebt. Sein Kater liegt dort bestimmt auf der Fensterbank. Einen Namen hat er nicht. „Einfach Katerchen.“ Der 58-Jährige wohnt gerne stadtnah. Zu Fuß kann er seine Einkäufe erledigen und alle zwei Wochen zum Stammtisch gehen, Skat spielen, Fußball gucken. Er ist Eintracht-Frankfurt-Fan – seit der ersten Stunde, „seit Charly Körbel“. Seit 25 Jahren ist er Mitglied im SC Plettenberg und früher hat er selbst den Ball gekickt, nicht sonderlich gut. Er hat links verteidigt – und doch rechts gewählt.

Die AfD wird vom Verfassungsschutz beobachtet, ist in Teilen gesichert rechtsextrem. Er weiß, dass diese Anmerkung auch im Text stehen wird. Denn er selbst, sagt er, passe nicht ins Klischee. In der Partei und auf der Straße nennt man ihn auch „den Linken von der AfD“. Sein Herz sei rot. In der SPD war er nie, fand Willy Brandt und Helmut Schmidt aber gut. „Versöhnen statt spalten“, zitiert er den ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau und sein Motto. Ob die AfD wirklich seine Partei ist? „Auf jeden Fall. Die Grundsätze stimmen.“

Anfeindungen begegnet er mit Gelassenheit. „Alles andere wäre nicht mein Naturell.“ Laut werden kann er dennoch, wenn es sein muss, das hat Karpinsky „aufm Bau gelernt“. Am Samstag nach unserem Gespräch wird er in Lüdenscheid an einem Infostand auf dem Wochenmarkt stehen. „Die Antifa wird wieder da sein, wie immer.“ Er freut sich auf den Backfisch. Zu Hause kocht er auch selbst, seit er alleine ist, muss er das ja. „Aber es gibt ja Chefkoch.de.“ Letztens gab es zur Abwechslung einen Fertig-Burger für die Mikrowelle. „Wenigstens bio“, sagt er.

Horst Karpinsky mit seiner Ehefrau in einem Lanzarote-Urlaub.

Letztes Jahr machte Karpinsky eine Kur, wo er eine Frau kennenlernte. Sie sind Freunde geworden. „Sie liebt den Kater auch.“ Er kümmert sich um sie, hat wieder „eine Lebensaufgabe gefunden“. Und gegen jedes AfD-Klischee hat sie einen Migrationshintergrund, sagt er. „Sie ist super integriert.“ Häufig wird sie von türkischen Frauen beleidigt, weil sie Kurdin ist. Das ist ein Moment, in dem der Plettenberger laut werden kann. Muslimin ist sie „theoretisch“, sagt er. Am liebsten isst sie Schweinegeschnetzeltes in Paprika-Rahm-Soße und ein Kopftuch trägt sie auch nicht. Vor einigen Jahren ist sie aus ihrer Heimat geflohen, weil sie zwangsverheiratet werden sollte. Den Zusammenhalt in arabischen Familien bewundert Karpinsky. Doch Zwangsehen? Nicht haltbar. „Ich stehe hinter dem Asylrecht. Es gibt genug Menschen, die in Not sind und unsere Hilfe brauchen“, einen Neustart.

Den wagte Karpinsky auch immer wieder. Nach einer Ausbildung im Tiefbauamt der Stadt zog er nach Plettenberg-Eiringhausen und begann in der Vier-Täler-Stadt zu arbeiten. 2007 begann er nochmal eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Doch ein Job blieb aus, also wurde er selbstständig. Er kombinierte seine beiden Lehren und gründete ein Unternehmen für Hallen- und Zeltmontage. Doch 2012 zwang ihn das Leben wörtlich in die Knie. Bei einer Operation fing er sich einen Keim ein, wurde insgesamt fünfmal operiert, hat sein Bein mit Glück behalten können. Seitdem bezieht er eine Erwerbsminderungsrente und jobbt nebenbei. Laufen geht nicht mehr so gut, aber fahren. Also bringt er Menschen Essen auf Rädern oder übernimmt Behindertenfahrdienste.

Seine soziale Ader sei groß, Gesundheitsminister wäre eher nichts für ihn. Im Kreistag sitzt er in den Ausschüssen für Wirtschaftsförderung sowie Straßen- und Bauangelegenheiten – da fühlt er sich am richtigen Platz. Dass er nach Berlin kommt, bezweifelt er mit seinen „Außenseiterchancen“. Aber wenn er den Auftrag bekommt, geht der Sauerländer natürlich in die Hauptstadt, „woll!?“ Die jüngsten politischen Entwicklungen verfolgt der Plettenberger genau. „Die Brandmauer ist nicht gefallen – leider. Zu früh gefeiert, nach zwei Tagen war alles wieder vorbei“, als auf den CDU-Antrag mit der AfD eine Mehrheit am Mittwoch entstand und am Freitag das Gesetz aufgrund der dann fehlenden CDU-Stimmen nicht beschlossen wurde.

Nach Kakao und Kaffee geht Horst Karpinsky zu seinem silbernen Corsa. Überzogen mit Straßendreck, vernarbt von Bordsteinkontakten, mit einer tiefen Delle am Heck. Auf Autos, Statussymbole oder Oberflächlichkeiten legt er keinen Wert. „Sieht man ja.“ Seine Frau war zunächst nur seine Nachbarin in Eiringhausen, nicht sein Typ. „Wir waren eigentlich komplett unterschiedlich“, aber um Mietkosten zu sparen, gründeten die beiden eine WG. Und „wie das dann so ist“, wurden die beiden doch ein Paar. „Wenn man sich näher kennenlernt, hat man ein anderes Bild vom Menschen.“

Bundestagskandidaten im Wahlkreis 148

Am 23. Februar wird ein neuer Bundestag gewählt. Im Wahlkreis 148 (Lüdenscheid, Herscheid, Schalksmühle, Halver, Kierspe, Meinerzhagen und der Kreis Olpe) bewerben sich acht Kandidatinnen und Kandidaten ums Direktmandat: Florian Müller (CDU), Nezahat Baradari (SPD), Johannes Vogel (FDP), Matthias Koch (Bündnis 90/Die Grünen), Otto Ersching (Die Linke), Horst Karpinsky (AfD), Marion Linde (Freie Wähler) und Axel Turck (Stimme für Volksentscheide). Die Lokalzeitung stellt sie in einer Serie vor. Heute: Horst Karpinsky.

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