- VonDaniel Schinzigschließen
Der Sound klingt wie aus einem Hollywood-Film, die Musik ist aber in NRW entstanden: Das Unternehmen IMAscore mit Sitz in Paderborn vertont Freizeitparks weltweit.
Paderborn - Endlich einmal ein Abenteuer erleben: Sie erforschen in Booten mexikanische Tempel, begeben sich auf die Spuren der Azteken und Maya, suchen nach alten Relikten. Pompöse mexikanische Klänge und Melodien wie aus einem Hollywood-Abenteuerfilm lassen Ihren Entdeckerdrang nahezu ins Unermessliche steigen. Sie tauchen rückwärts mit Ihrem Boot in eine historische Höhle ein. Die Spannung ist kaum auszuhalten. Dann plötzlich: Laserstrahlen, Discokugel, Azteken-Statuen im Party-Modus und fette Beats. Was ist hier los? Und was hat das überhaupt mit Paderborn in Nordrhein-Westfalen zu tun?
Party im Aztekentempel: Firma aus NRW macht für Freizeitparks weltweit Musik
Dazu müssen wir die Abenteuerreise kurz verlassen und stattdessen eine Zeitreise antreten: Im Jahr 2009 wollten drei Jungs gemeinsam Musik machen und mit ihrer Band durchstarten. Sie gründeten in dem Jahr die Musikproduktionsfirma IMAscore in Paderborn. Xaver Willebrand, Andreas Kübler und Sebastian Kübler starteten so auf eine musikalische Reise, die sie in den folgenden 15 Jahren zwar nicht auf die Live-Musik-Bühnen dieser Welt führen sollte – dafür in unzählige Freizeitparks.
Denn IMAscore ist mittlerweile der Name, der Freizeitparkfans als Erstes in den Kopf kommt, wenn es um die musikalische Untermalung von Achterbahnen und Themengebieten weltweit geht. Seit einigen Jahren wird die Musikproduktionsschmiede noch durch das Unternehmen IMAmotion ergänzt. Hier legt das Team um Geschäftsführer Xaver Willebrand noch einmal nach und kümmert sich für Freizeitparks um ganze Thematisierungskonzepte, baut Kulissen und inszeniert Shows.
Dass es mal so kommen würde, hatten die Gründer weder gedacht noch geplant. „Wir hatten keinen Masterplan“, erinnert sich Xaver Willebrand im Gespräch mit wa.de „Wir haben zu Beginn einfach für alles mögliche Musik gemacht, auch für Telefonwarteschleifen.“ Privat war das Trio allerdings schon damals von Freizeitparks angetan. Als der Heide-Park in Soltau eine Stellenausschreibung für die musikalische Untermalung der neuen Achterbahn Krake veröffentlichte, haben sich die Musiker darauf beworben und eine Demo aufgenommen. Ohne zu wissen, welchen Stein sie damit ins Rollen bringen sollten.
IMAscore aus NRW: weltweiter Marktführer in einem Gebiet
„Plötzlich saßen wir mit schlecht sitzenden Anzügen in unserem ersten Meeting auf Englisch“, schildert Willebrand das erste Treffen mit Vertretern der britischen Merlin Entertainments Group, zu der der Heide-Park gehört. Am Ende hatte IMAscore den Auftrag. Und damit die Mammutaufgabe, mit gerade einmal drei Leuten – zwei von ihnen Komponisten – aus den bisherigen drei Minuten Musik der Demo rund 80 Minuten Musik für die Krake zu machen. Als die Achterbahn im Jahr 2011 in Soltau eröffnete, hallten schließlich auch die spannungsgeladenen Klänge von Andreas und Sebastian Kübler durch den Wartebereich des Dive-Coasters.
„Das war unser Leuchtturm-Projekt“, sagt Xaver Willebrand heute. Bis zur Krake waren Bewerbungen des Teams teils gar nicht beantwortet worden. Ab dem Moment aber folgten schnell weitere Freizeitpark-Engagements. Für den Movie Park in Bottrop komponierte IMAscore Musik für eine Parade. Der Europapark in Rust kam sogar von sich aus auf die Kreativköpfe in Paderborn mit der Bitte zu, neue Musik für die Achterbahn Blue Fire zu produzieren.
„Und dann wurde Phase zwei durch das Phantasialand eingeläutet“, sagt IMAscore-Geschäftsführer Willebrand und kommt somit auf den endgültigen Durchbruch der Musikschmiede im Freizeitpark-Bereich zu sprechen. Denn die Musik für die Wasserbahn Chiapas, die seit 2014 die Besucher des beliebten Freizeitparks in Brühl auf eine Abenteuerreise durch Aztekentempel schickt, sorgte in der Branche für Aufsehen – und bei unzähligen Freizeitparkfans für Gänsehaut, gute Laune und Ohrwürmer. Nicht zuletzt wegen eines humorigen Party-Abschnitts mitten in einem historischen Tempel.
IMAscore hat Durchbruch mit Soundtrack für Phantasialand
Komponiert wurde der Soundtrack für Chiapas erneut von Andreas und Sebastian Kübler. Damit die Musik möglichst episch und brachial klingt, ließen sie die verschiedenen Stücke vom Budapester Filmorchester, das aus über 60 Musikern besteht, einspielen. Ein Aufwand, der sich ausgezahlt hat. Bei vielen Besuchern des Phantasialands hat sich der Soundtrack in die Köpfe gebrannt. Und spielt auch abseits der Attraktion eine Rolle. Xaver Willebrand erzählt beispielsweise von Menschen, die vor Kölner Clubs stehen und die Chiapas-Melodien singen. Und von einem Gehirnchirurgen, der den Soundtrack zu der Wasserbahn im Hintergrund laufen hat, wenn er operiert.
Seit der Vertonung von Chiapas folgten Unmengen weiterer Aufträge. IMAscore galt bereits 2014 als europaweiter Marktführer im Bereich der Musik- und Soundproduktion für Freizeitparks. Seit 2017 ist das Unternehmen nach eigener Einschätzung sogar weltweiter Marktführer. Nicht nur deutsche Parks wie Phantasialand, Heide-Park, Movie Park, Europapark und Hansa-Park wurden zu „Stammkunden“. Auch in Freizeitparks in Schweden, Finnland, England, Österreich, Belgien, Amerika, Vietnam, Norwegen und vielen anderen Ländern ertönt die Musik der Paderborner. Natürlich stets speziell komponiert für die jeweilige Attraktion, die jeweilige Themenwelt oder das jeweilige Event. Wer beispielsweise das Toverland in den Niederlanden betritt, eventuell an einem der vielen Events, die 2024 auf dem Terminkalender stehen, kann sich auf eine Vielzahl unterschiedlicher IMAscore-Melodien freuen.
So prägte IMAscore den Trend, dass Musik als Teil des Gesamtkonzepts von Themenparks seit den 2000er Jahren einen immer wichtigeren Stellenwert bekommen hat, maßgeblich mit. Nicht selten können in den Souvenirshops der Parks sogar Soundtrack-CDs mit Musik der Hauptattraktionen erworben werden. Aber was macht Freizeitpark-Musik überhaupt aus?
„Sie ist wie Filmmusik, aber ohne Bild“, erklärt Xaver Willebrand. „Das Bild ist das Erleben vor Ort.“ Und wie Filmmusik, hat Musik in Freizeitparks die Funktion, das Erlebnis für die Menschen emotional zu verstärken, bestimmte Stimmungen zu erzeugen und für eine höhere Immersion zu sorgen. „Musik sollte sich wie ein natürlicher Teil des Gesamterlebnisses anfühlen“, sagt Willebrand. Der Besucher solle denken, dass die Musik an die Stelle, an der sie zum Einsatz kommt, auch wirklich hingehört. Dass es sich dort genauso anhören soll, wie es sich anhört.
Auch die Musik für den „König der Löwen“-Trailer kommt von IMAscore
Und da Stillstand bekanntlich der Feind der Kreativität ist, befindet sich IMAscore im steten Wandel. Nicht nur, dass das mittlerweile aus 21 Mitarbeitern bestehende Team mit IMAmotion auch ganze Thematisierungskonzepte für Freizeitparks anbietet. Bereits seit 2016 vertonen die Künstler von IMAscore auch Trailer und Clips zu Videospielen und Filmen. So produzierte Andreas Kübler die Musik für den Trailer zum Disneyfilm „Der König der Löwen“ aus dem Jahr 2019. Der Andreas Kübler, der gemeinsam mit seinem Bruder Sebastian 2023 IMAscore verließ, um neue kreative Wege zu beschreiten.
Von den drei Gründern ist somit nur noch Geschäftsführer Xaver Willebrand an Bord. Und der arbeitet mit seinem Team aktuell unter anderem an der Musik für einen großen amerikanischen Freizeitpark, der erst im Laufe des Jahres 2024 eröffnen soll. Etwa 14 Stunden Musik werden dafür benötigt. Und dann war da im März 2024 die Eröffnung der Achterbahn Nemesis Reborn, die im britischen Freizeitpark Alton Towers ihre Runden zur IMAscore-Musik dreht. Und auch im Bayernpark und im Holiday-Park werden neue Stücke der Paderborner Musikschmiede benötigt. Man wird wohl auch in Zukunft noch viel von IMAscore – wortwörtlich – hören.
Und so sehr sich auch bei IMAscore immer wieder verändert. So international das Team mit ihrer Freizeitpark-Musik unterwegs ist. Xaver Willenrand gibt ein Versprechen: „Wir bleiben in Paderborn.“
