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Die Influenza-Welle rollt über Hamm. Die Behörden verzeichnen deutlich steigende Zahlen der meldepflichtigen Krankheit. EVK-Chefarzt Wolfgang Kamin hält sie für gefährlicher als Corona und das RS-Virus.
Hamm – 143 Influenza-Fälle in Hamm haben das Gesundheitsamt und das Landeszentrum für Gesundheit bis Mitte Dezember registriert, allein 72 davon in der ersten Dezember-Woche. Inzwischen dürften viele dazu gekommen sein. Im Vorjahr gab es dank der Corona-Hygiene praktisch keine Fälle. Jetzt arbeiten Kliniken und Praxen am Limit. (Wohin bei welchen Beschwerden? Hier klicken!)
Prof. Dr. Wolfgang Kamin, Chefarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Evangelischen Krankenhauses (EVK), hält die Influenza derzeit für gefährlicher als Corona und das zuletzt weit verbreitete RS-Virus. Die Infektionen mit dem Respiratorische Synzytial-Virus hätten ihren Höhepunkt vor zwei Wochen erreicht. Damals habe man täglich zehn bis zwölf RS-Patienten behandelt. Aktuell seien es vielleicht noch zwei. Dafür kämen täglich acht bis zehn Kinder und Jugendliche mit Influenza.
Influenza äußere sich bei Kindern oft durch Lungen- oder Mittelohrentzündung, sagte Kamin. In Einzelfällen erlebe man derzeit auch schwere Verläufe, bei denen Nieren und Herzmuskel angegriffen werden. Der Mediziner ruft die erwachsenen Hammer deshalb dazu auf, sich wenn möglich noch gegen Influenza impfen zu lassen. Der Impfstoff sei bei den Hausärzten noch ausreichend vorhanden.
Kinderklinik in Hamm: Stimmung in Notaufnahme angespannt
Die Kinderklinik erlebt derweil einen Daueransturm. Rund 400 Patienten behandele man pro Woche, so der Chefarzt. In der Notaufnahme gelte wie in allen Hammer Krankenhäusern ein Triage-System, nach dem die dringendsten Fälle zuerst behandelt werden. Alle anderen müssten teils lange warten. Kamin appelliert an alle Eltern, sich bei leichteren Beschwerden an die Notfallpraxis im selben Haus zu halten.
Die Stimmung in der Notaufnahme der Kinderklinik sei teilweise angespannt, sagte Kamin. Ein- bis zweimal pro Woche müsse man renitente Personen per Polizei aus dem Haus geleiten. Und die Krankheitswelle mache auch vor dem eigenen Personal nicht halt. Trotz großer Ausfällen in den Reihen der Pflegekräfte könne man immer noch Betten freihalten, so der Chefarzt, darunter auch immer ein bis zwei Intensiv-Betten. Patienten aus Hamm werde man über die Feiertage versorgen können.
Dann ist auch Hendrik Staender gefragt. Der niedergelassene Kinderarzt wird mit Kollegen über die Feiertage in der Notfallpraxis Dienst tun. In der eigenen Praxis spürt er die Krankheitswelle täglich; die Belastung sei zuletzt sehr hoch gewesen.
Ärzte in Hamm ausgelastet und nach drei Corona-Jahren erschöpft
Mit Befremden reagiert Staender auf die Ratschläge des Deutschen Städtetages. Dessen Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy hatte niedergelassene Ärzte aufgerufen, die Praxen abends und an den Feiertagen zu öffnen, um die Krankenhäuser zu entlasten. Selbst wenn er wollte, sagt Staender, hätte er kein Personal dafür.
Auch die Allgemeinmedizinerin Dr. Ulrike Leise-Rauße beschäftigt sich derzeit vor allem mit Atemwegsinfekten. Man habe die Sprechstundenzeiten schon optimiert, sagt die Sprecherin des Hammer Ärztevereins. Aber mit Notdiensten und Praxisvertretungen zwischen den Feiertagen sei man bereits ausgelastet – und nach drei Corona-Jahren erschöpft.
Helfen will jetzt die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). Von Heiligabend bis Mitte Januar werde der kinderärztliche Notfalldienst in Westfalen verstärkt, sagte Sprecher Daniel Müller. Hamm profitiert davon allerdings nicht (hier klicken für die aktuelle Liste).
Wohin bei welchen Beschwerden?
Die Arztpraxis sollte man nur bei ernsthaften Beschwerden und nie ohne Termin aufsuchen, sagt Ärzte-Sprecherin Dr. Ulrike Leise-Rauße. Kinderarzt Hendrik Staender appelliert an die Eltern, den Praxen derzeit keine Bescheinigungen abzuverlangen. Die Ausstellung binde wertvolle Arbeitskraft; für Schulen und Kitas seien die Schreiben sowieso unnötig. Chefarzt Prof. Dr. Wolfgang Kamin rät, FFP2-Masken zu tragen. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser seien für die schweren, bedrohlichen Fälle da. Alle anderen Beschwerden werden an den Notfallpraxen der KVWL behandelt: für Kinder am Evangelischen Krankenhaus, für Erwachsene an der St.-Barbara-Klinik.
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