VonSabine Pingerschließen
Wie es gelingt, eine Brücke zu schlagen zu den rund 250 Roma und Sinti, die in der Gemeinde leben, war das Thema einer Fachtagung im Rathaus, an der Vertreter von Verwaltung, Kreis, Politik, Schule, Kita und des Vereins „Carmen“ teilnahmen. Unterstützt wird das Projekt für mehr Integration durch eine Landesförderung in Höhe von 50 000 Euro.
Bönen – Sie sind die am stärksten diskriminierte Gruppe Europas. Das bestätigt eine Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte. Leicht wurde es den Sinti und Roma nie gemacht. Kein Wunder, dass sie gerne unter sich sind. Damit Integration dennoch gelingen kann, ist ein Aufeinanderzugehen unumgänglich. Ein Projekt, für das die Gemeinde 50 000 Euro Landesförderung über das Kommunale Integrationszentrum (KI) des Kreises bekommen hat, soll genau das fördern. Wie es bisher läuft und was noch passieren soll, darüber haben am Dienstag rund 30 Teilnehmer aus der Bönener Verwaltung, vom Kreis, aus Politik, Schule, Kita, Zuflucht.Bönen und Treffpunkt Go in im Rathaus gesprochen.
Carmen e.V. hilft Kontakte herzustellen
Seit Juni besuchen unter anderem Davit Berisha und weitere Kontaktpersonen regelmäßig die rund 250 vor allem aus Rumänien und Bulgarien zugewanderten Menschen in Bönen. Sie gehören zu „Carmen“, einem 1991 in Düsseldorf gegründeten Kultur- und Sportverein der Roma. Den hatte die Gemeinde zur Hilfe geholt, um einen Zugang zu den Menschen zu bekommen, die in den Häusern an der Bahnhofstraße, Adalbertstraße und der Straße Auf dem Holtfeld wohnen.
Daran hatte es nämlich bisher gehapert. Und das hat sich negativ auf das Miteinander vor allem mit den Nachbarn im Quartier ausgewirkt. Die hätten sich regelmäßig beim Ordnungsamt über zu viel Lärm, gestörte Nachtruhe und Müll beschwert, wie Moderator Jan Albrecht von der Gemeindeverwaltung vortrug. Zudem würden die Schulen darüber klagen, dass nicht alle Kinder der zugewanderten Familie regelmäßig zum Unterricht kommen.
Aufgrund der gemeinsamen Sprache und des gemeinsamen kulturellen Hintergrunds, durch Verständnis und Erfahrung haben die Vereinsmitglieder mittlerweile Beziehungen aufbauen können, wie sie erzählten. In vielen Gesprächen haben sie sich demnach die Sorgen und Nöte der Familien angehört, ihnen aber auch deutlich erklärt, was von ihnen erwartet wird, damit das Miteinander in Bönen funktioniert.
Traumatisiert durch Völkermord
Damit die interessierten Teilnehmer mehr über die Sinti und Roma erfuhren, hielt Carmen-Geschäftsführer Peter Rummel einen ausführlichen Vortrag über die Historie der Gemeinschaft in Europa, zur aktuellen Situation und zu den Auswirkungen der historischen Erfahrung von Diskriminierung, Verfolgung und Völkermord. Demnach stammen ihre Vorfahren ursprünglich aus Indien und dem heutigen Pakistan. Sie wanderten ab dem achten Jahrhundert westwärts nach Europa und teils sogar nach Amerika. Die Gründe dafür waren schon damals Kriege, Verfolgung, Vertreibung und wirtschaftliche Not.
Wirklich zur Ruhe kamen sie danach nie: Seit dem 15. Jahrhundert waren die Sinti und Roma fast überall einer massiven Ausgrenzung und Verfolgungspolitik ausgesetzt – bis zum entsetzlichen Völkermord durch die Nazis. Und aus dieser Vergangenheit, aus diesem Trauma, resultiert ein bis heute anhaltendes grundsätzliches Misstrauen gegen alles Staatliche und Behörden generell.
Das bestätigten einige der Tagungsteilnehmer, wie zum Beispiel OGS-Leiterin Jutta Schäfer. „Die Kinder sind offen für alles und herzlich, aber an die Mütter kommen wir nicht heran.“ Ähnliche Erfahrungen hat Sabrina Buschmann vom Familienbüro des Kreises in Bönen gemacht. Sie möchte den jungen Familien gerne die Angebote in der Gemeinde vorstellen. „Doch wenn ich bei ihnen vor den Wohnungstüren stehe, werde ich schnell abgewimmelt.“
Sabine Zeising, Leiterin der Awo-Kita Kleine Forscher wünschte sich hingegen, dass mehr Eltern ihre Kinder frühzeitig in den Kitas anmelden, nicht erst für das letzte halbe Jahr vor der Einschulung. So könnten die Kleinen frühkindliche Bildung erfahren und vor Schulbeginn Deutsch lernen. Davit Berisha notierte sich die Kontaktdaten der Teilnehmer, um entsprechend zu vermitteln, wie der Sozialarbeiter versprach.
Erste Erfolge gab es gleichfalls zu vermelden. So fand etwa in der vergangenen Woche ein Treffen von Familien, Gemeinde, KI und Carmen in der Pestalozzi-Hauptschule statt. Wie wichtig das war, erklärte Khaled Abdulaal. „30 Kinder aus den Roma-Familien besuchen die Schule. Und nur vier davon haben laut der Lehrer die Chance auf einen Abschluss“, sagte der Integrationsbeauftragte der Gemeinde. Die Gründe dafür lägen zumeist in Schulabsentismus und der mangelden Unterstützung durch die Eltern.
Genau daran müssten alle Beteiligten arbeiten, erklärte Peter Rummel. „Sie brauchen eine nachhaltige Perspektive. Wenn sie verstanden haben, dass sie in den nächsten 20 Jahren Arbeit haben, eine Wohnung, dass ihre Kinder Bildung und eine Ausbildung bekommen, dann setzt auch ein Nachdenken ein. Und dann gehen die Kinder zur Schule.“
Quartiersarbeit soll fortgesetzt werden
In der abschließenden Diskussion ging es dann konkret um die aktuelle Situation vor Ort und wo Entwicklungspotziale liegen. Viel Lob gab es für das Engagement von Carmen, zugleich stand die bange Frage im Raum, wie es weitergeht, wenn das Projekt ausläuft und der Verein nicht mehr mit dabei ist. „Wir würden gerne einen Roma-Verein gründen“, so Rummel. Dadurch hätten die verschiedenen Organisationen weiterhin Ansprechpartner in der Gruppe.
Zunächst aber soll die Quartiersarbeit fortgesetzt werden. Ein nächstes Treffen in der Pestalozzischule ist im Frühjahr geplant, zudem ein Roma-Fest im Mai, zu dem alle Bönener eingeladen werden. Die bisherige Förderung des Projekts durch das Land läuft zwar Ende des Jahres aus, aus Düsseldorf gebe es gleichwohl positive Signale, wusste Wulf Erdmann vom KI. „Diejenigen, die bereits gefördert werden, haben gute Aussichten, dass es im kommenden Jahr mit Mitteln vom Land weitergeht.“
Neben dem Geld ist jedoch etwas anderes von großer Bedeutung, damit das Zusammenleben funktioniert. „Die Zivilgesellschaft muss sich engagieren“, betonte Rummel. Noch gebe es viele Vorurteile auf beiden Seiten, die nur dadurch ausgeräumt werden könnten.

