Kitas treffen sich zu einer Demo vom Kurpark zum Rathaus

Kindergärten fehlt es an Geld und Personal

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Alle protestieren, weil den Kitas Geld fehlt und deshalb Personal: „Uns reicht’s“ und „Wir sind stinkesauer!“ steht auf großen Tüchern. „Wir sind sauer!“ rufen Kinder und Erzieherinnen im Chor.
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Erst im August 2024 werden die Pauschalen pro Kind steigen, bis dahin müssen die Träger von Kindertagesstätten sich nach der Decke strecken. Ausbaden müssen die Unterfinanzierung letztlich die Kinder und Familien – das kritisieren auch Kindertageseinrichtungen in Bad Sassendorf und blasen zu einer Aktion

Bad Sassendorf – „Uns reicht es jetzt, wir sind stinkesauer, wir werden jetzt so was von laut, dass man uns bis Düsseldorf hört, wo die Entscheider sitzen“, so erläuterten jetzt stellvertretend für alle die Leiterinnen Christiane Sussyk-Tusch und Cornelia Grützbach vom evangelischen Johanna-Volke-Familienzentrum an der Lohner Höhe die Lage.

Beide beklagen die Personalknappheit in Kindertageseinrichtungen überall im Land. Hier an der Lohner Höhe ist die Diakonie der Träger: Weil auch sie zu wenig Geld vom Land bekommt, können ihre Kitas nicht genügend Personal einstellen. Das hat in der Konsequenz zur Folge, dass Kitas tageweise schließen müssen, wenn Kräfte Urlaub haben oder von jetzt auf gleich ausfallen – der ständige Druck, der Frust im Haus und bei den Eltern macht krank.

Christiane Sussyk-Tusch: „Die Probleme sind bekannt, die Situation wird immer schlimmer. Aber wir Kitas haben keine Lobby.“ Cornelia Grützbach: „Wir werden einfach nicht gehört, wir sind total frustriert und sehen kein Licht am Ende des Tunnels.“

Für beide steht fest: „Jetzt wird Rabatz gemacht. Wir machen mit einer eigenen Aktion mit, wenn die Freie Wohlfahrtspflege NRW mit ihren Beschäftigten am 19. Oktober auf die Straße geht, in Düsseldorf vor dem Landtag protestiert. Kitas aus Bad Sassendorf haben Briefe geschrieben und machen jetzt zusätzlich so viel Lärm, dass den Entscheidern endlich die Ohren klingeln werden. Wir ziehen hier in Bad Sassendorf schon einen Tag eher vors Rathaus, am Mittwoch, 18. Oktober. Wir treffen uns um 9.30 Uhr am Kurparkeingang in der Nähe vom Pfau, ziehen vom Kurpark durch den Ort und dann blasen wir am Rathaus dem Bürgermeister den Marsch. Der ist zwar nicht direkt verantwortlich, aber was sein muss, muss sein, und er soll bitte unseren Frust an unseren Abgeordneten Heiner Frieling in Düsseldorf weitergeben.

Große Tücher haben alle in der Kita bereits dick und fett beschrieben: „Wir sind stinkesauer“ steht darauf und „Jetzt reicht’s“. Selbst gestaltete Protestkarten werden alle abgeben – und reichlich Post für Heinrich Frieling.

Cornelia Grützbach und Christiane Sussyk-Tusch unterstreichen: „Wir sind hier eine Sprach-Kita, wir haben einen Bildungsauftrag. Wir sollen unseren Kindern Deutsch beibringen, wir sollen integrieren, wir sollen das Miteinander fördern, gutes Sozialverhalten, wir sollen die Grundlagen dafür legen, dass diese Kinder später unsere Gesellschaft, unser Land voranbringen. Dafür braucht es Zeit, Geduld, Liebe, Hinwendung – und Beschäftigte mit Freiraum, die ohne Frust und Stress mit den Kindern arbeiten können. Wir verkommen aber wegen der angespannten Situation hier zu einem reinen Abfertigungsbetrieb: Kinder annehmen, abfüttern, Windeln wechseln, schlafen legen, abends wieder abliefern. Von montags bis freitags von morgens halb sieben bis abends halb fünf. Ohne Perspektive auf Besserung der allgemein angespannten Lage: Wir sind total frustriert. Wir brauchen Gehör. Wir brauchen Veränderungen, grundlegende Veränderungen.“

Cornelia Grützbach beschreibt die Spirale der Hilflosigkeit: Mütter oder Väter holen Kinder wieder ab oder können sie gar nicht erst abgeben, wenn eine Einrichtung schließen muss, weil einfach nicht genug Personal da ist. Grützbach weiter: „Dann fehlt auch im Krankenhaus von jetzt auf gleich die Krankenschwester oder Ärztin, im Altenheim die Pflegekraft oder Stationsleitung, beim Hausarzt die Sprechstundenhilfe, um einfach mal die sensiblen Bereiche zu nehmen. Sagen wir es mal so: Auf den Balkon stellen und klatschen, über Respekt und gesellschaftliche Anerkennung reden, das reicht schon lange nicht mehr aus. Die Finanzierung muss dauerhaft und grundlegend passen, damit das System Kita funktioniert, genügend Personal hat. Der ständige Druck und der Stress machen Berufe rund um Kinderbetreuung unattraktiv, und so fehlen uns dann auch Auszubildende. Das kommt ja noch hinzu. Wir alle hier hoffen, dass ganz, ganz viele von unserer Aktion erfahren, aufstehen und am 18. Oktober mit vors Rathaus kommen. Wir wollen laut sein, wir müssen noch viel lauter werden – sonst hört man uns nicht.“

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