VonDirk Greinschließen
Der Herscheider Kreislandwirt Dirk Voss äußert sich zu den Überlegungen der irischen Regierung, massenhaft Milchkühe zu keulen.
Herscheid – Sie gibt Milch, wird zu Fleisch verarbeitet, trägt maßgeblich zur Bewirtschaftung der heimischen Grünflächen bei. „Wenn es sie noch nicht geben würde, dann müsste man die Kuh erfinden“, sagt Dirk Voss. Entsprechend entsetzt ist der Kreislandwirt aus Herscheid über die Pläne der irischen Regierung, in den nächsten drei Jahren 200 000 Kühe zu töten, um die eigenen Klimaziele erreichen zu können.
Grund für diese Überlegungen auf der grünen Insel: Eine Kuh stößt Methan aus – ein Gas, das Experten als wesentlich klimaschädlicher einstufen als Kohlenstoffdioxid. Doch im Vergleich, das betont Dirk Voss, ist Methan abbaubar und löse sich nach spätestens 20 Jahren komplett auf, während Kohlenstoffdioxid eine Lebensdauer von mehreren 100 Jahre hat.
Lebensmittelerzeugung wird zum Problem
Doch nicht nur deswegen kritisiert der Herscheider Landwirte die irischen Pläne, die er als „absurd“ bezeichnet. Er verweist auf die wachsende Weltbevölkerung und die immer problematischer werdende Frage der Nahrungsversorgung. Aktuellen Berechnungen zufolge werde heutzutage die Fläche eines Fußballfeldes benötigt, um Lebensmittel für drei Personen zu erzeugen. Bis zum Jahr 2050 müsse dieselbe Fläche ausreichen, um fünf Personen zu ernähren. Verursacht durch den Flächenfraß stehen allerdings immer weniger Flächen für landwirtschaftliche Nutzung zur Verfügung. „Wie soll das zusammenpassen?“, fragt sich Voss.
Aufgrund von Bodenbeschaffenheit und Topografie seien längst nicht alle Regionen zum Anbau von Obst oder Gemüse geeignet. Dazu zählen auch die meisten Wiesen und Weiden im Märkischen Kreis. „Unser Grünland kann nur von der Kuh sinnvoll genutzt werden“, betont Voss. Dies beinhalte auch die Gülle: Durch das Düngen der Grünflächen erhalte der Boden wichtige Nährstoffe, die ein gesundes Pflanzenwachstum begünstigen. Ein Kreislauf, der ohne die Kuh in sich zusammenbrechen würde, denn einen adäquaten Kunstdünger zur Bewirtschaftung der Flächen gebe es nicht, betont Voss.
Gleichwohl gesteht er ein, dass eine klimaneutrale Landwirtschaft nicht möglich sei. Diese als Hauptlast für die Klimamisere auszumachen und die Kuh als Klimakiller an den Pranger zu stellen, das sei „lächerlich“. Der Herscheider spricht von einer Fehldeutung der Politik, die es nicht wage, die großen Problemfelder anzugehen. Er nennt die Industrie und Verbrennungsmotoren als weitaus größere Verursacher von Kohlenstoffdioxid, aber auch die Wohlstandsgesellschaft, die im Urlaub mit Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen um die Welt reise.
Landwirte ringen um mehr Verständnis
Jedoch geht es dem Herscheider nicht darum, Übeltäter zu identifizieren; er möchte in einer Zeit „der krankenden Agrarpolitik“ mehr Verständnis für die Landwirte erzeugen, die sich permanenten Anfeindungen und ausufernden Vorschriften ausgesetzt sehen. Die Konsequenz: Allein im vergangenen Jahr haben in NRW 180 Milchbetriebe trotz eines Höchststandes bei den Erträgen aufgegeben. Eine Entwicklung, die sich wohl fortsetzen werde, bedauert Voss.
Um ein Auslagern der Landwirtschaft in andere Länder zu verhindern, hofft er auf mehr Mit- statt Gegeneinander, denn ganz gleich ob Veganer, Vegetarier oder Fleischesser: „Bei der Erzeugung von Lebensmitteln brauchen wir die gesamte Bandbreite – und dabei ist die Kuh unersetzlich.“
Das Keulen von ganzen Milchviehbeständen, wie es in Irland diskutiert wird, stehe in Deutschland nicht zur Debatte. Hierzulande gebe es andere Ansätze, werde beispielsweise über die Zusammensetzung des Futters versucht, den Methanausstoß von Kühen zu reduzieren. Das sei weitaus weniger radikal und daher begrüßenswert, meint Dirk Voss. Er ergänzt, dass die Kuh auch eine touristische Aufgabe erfülle: „In nahezu jedem Werbeprospekt für das Sauerland sind Fotos mit weidenden Kühen zu sehen – doch diese kann es langfristig nur dann geben, wenn unsere Landwirtschaft nicht kaputt gemacht wird.“

