Nicht nur Umweltmüll

Lachgas als Freizeitdroge: Hype macht sich auch in Hamm breit

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Lachgas als Freizeit- und Partydroge: Der Trend hat inzwischen auch die Stadt Hamm erobert. Was wie eine Schmunzel-Nachricht klingen mag, hat eine ernste Seite.

Hamm - An vielen Orten in Hamm stoßen Spaziergänger und Radfahrer immer mal wieder auf Stellen, an denen zahlreiche verbrauchte große Dosen liegen. Drin ist beziehungsweise war Distickstoffmonoxid, also Lachgas. Das ist nicht nur eine Umweltmüll-Sauerei, sondern zeugt in aller Regel von ungewöhnlichen Treffen zumeist junger Leute.

Erst vor wenigen Tagen präsentierte sich der Bereich rund um die Waldbühne Heessen als ein solcher Schauplatz. Auf dem Parkplatz, an Feldern und im Wald lagen zuhauf Kartuschen der Marke „Cream Supreme“. Immerhin: Das eigentliche Waldbühnen-Gelände bliebt bisher sauber, sagte deren Sprecher André Kollas auf Nachfrage. „Wahrscheinlich waren die Dosen nicht für Luftballons, sondern der Trend ‚Lachgas als Partydroge‘ ist wohl auch in Hamm angekommen“, mutmaßte eine Kollegin.

Tatsächlich spricht vieles dafür. Das Netz ist voll mit Berichten über diesen zweifelhaften und auch über Tiktok intensiv geschürten Hype. Bei diesem spielen Kapseln eine große Rolle, aber eben doch auch Luftballons. Diese werden mittels der Kartuschen befüllt, ehe das Lachgas dann daraus inhaliert wird. Unmittelbar danach setzt der gewollte Rausch ein: starke Euphorie, aber auch Benommenheit und Halluzinationen. Das halte ein paar Sekunden bis zu drei Minuten an, wie Andrea Piest vom Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige Berlin e.V. erklärt.

Zwei-Kilogramm-Lachgas-Dosen auf dem Parkplatz an der Waldbühne Heessen.

Lachgas als Partydroge in Hamm: Suchtmittel boomt

Unbedenklich ist der Spaß Fachleuten zufolge allerdings nicht. Der regelmäßige Gebrauch von Distickstoffmonoxid könne zu Vitamin-B12-Mangel und sogar mitunter auch schweren Nervenschädigungen führen, erklärt Piest. Setze man den Ballon nicht zwischendurch ab, um normal Luft zu holen, könne es zu Sauerstoffmangel im Gehirn und in Organen kommen. In den Niederlanden und in Großbritannien wurde der Verkauf deshalb inzwischen verboten, andere Länder wie Dänemark und Städte wie Paris schränkten ihn gesetzlich ein. In Paris sei Lachgas nach Tabak und Alkohol das inzwischen am dritthäufigsten konsumierte Suchtmittel, so die dortige Polizei. In Deutschland gilt das in der Medizin für Betäubungszwecke genutzte Lachgas nicht als Betäubungsmittel im Sinne des Betäubungsmittelgesetzes und ist daher quasi an „jeder Straßenecke“ zu bekommen.

Erstaunlicherweise hat das Thema in Hamm noch keine herausragenden Probleme hinterlassen. Das gilt sowohl für die Strafverfolgung wie auch für die Kliniken.

Erst am Wochenende wurden beim großen „Frühjahrsputz“ in Weetfeld auch verbrauchte Lachgas-Kartuschen gefunden.

Lachgas als Partydroge in Hamm: KOD und Polizei

Ja, „immer häufiger“ stießen die Mitarbeiter des Kommunalen Ordnungsdienstes (KOD) bei Vermüllungen zwar auf leere Lachgas-Behälter, so Rathaussprecher Tom Herberg. Auch bei Gewerbekontrollen in Kiosken würden die Dosen „vermehrt“ entdeckt. Jedoch sei das Thema aus städtischer Sicht „grundsätzlich (noch) nicht so relevant, weil Verkauf und Konsum nicht verboten“ seien. Konkrete Tathandlungen in Verbindung mit Lachgas – zum Beispiel weggeworfene Behälter oder begangene Ordnungswidrigkeiten im berauschten Zustand – seien „noch nicht vorgekommen“.

Auch bei der Hammer Polizei seien bisher weder Ordnungswidrigkeiten noch Straftaten aktenkundig, so Behördensprecher Daniel Siegesmund unter Berufung auf das Verkehrskommissariat. Dabei gilt auch für Lachgas: Autofahren unter dem Einfluss berauschender Mittel kann eine Geldstrafe und den Entzug des Führerscheins sowie eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr zur Folge haben. Allerdings habe die Polizei das Thema „durchaus auf dem Schirm“, sagt Siegesmund. Die Welle schwappe spürbar von den Niederlanden herüber.

Lachgas als Partydroge in Hamm: die Krankenhäuser

Auch die Hammer Krankenhäuser blieben von negativen Lachgasfolgen bislang verschont – sowohl im Regelbetrieb als auch in den Notaufnahmen. „Gott sei Dank“, findet Alexandra Janiel, Sprecherin der Barbaraklinik nahe der Waldbühne. „Einlieferungen aufgrund von Distickstoffmonoxidvergiftungen“ sind auch in den verschiedenen Abteilungen der anderen großen Kliniken nicht bekannt, teilte Bettina Hagemann-Otte für das EVK und das Marienhospital mit. Janiel betont zudem, dass im medizinischen Betrieb ihres Hauses „seit Jahren kein Lachgas mehr eingesetzt“ werde. Risikofaktoren seien „Erfrierungen von Lippe und Zunge, Bewusstseinsstörungen, aber auch Ersticken“. Davon abgesehen sei die Nutzung ja auch umweltschädlich.

Schon vor 250 Jahren genutzt

Neu ist das Phänomen nicht. Experten zufolge wird Distickstoffmonoxid, allgemein als Lachgas bekannt, für sein schnelles, aber kurzlebiges Gefühl von Euphorie, Entspannung, Ruhe und Losgelöstsein bereit seit rund 250 Jahren inhaliert: anfangs als Zeitvertreib der britischen Oberklasse, ab den 1960er-Jahren dann zur Linderung von Schmerzen und zur Verringerung von Ängsten in der Zahnmedizin. Anders als damals ist Distickstoffmonoxid heutzutage mittels Patronen für Schlagsahneherstellung und die im Artikel beschriebenen Dosen weithin frei verfügbar, was die zunehmende Beliebtheit erklärt. (Quelle: www.emcdda.europa.eu)

Rubriklistenbild: © Annette Birschel/dpa/dpa-tmn

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