- VonMechthild Wiesreckerschließen
Als Inklusionsbeauftragte der Stadt hat Silke Russow die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderung besonders im Blick. Jetzt ist es ihrer Initiative zu verdanken, dass in Supermärkten und Discountern Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer angeschafft wurden.
Drensteinfurt/Rinkerode/Walstedde – Martin Zinselmeier und Brunhilde Krüger, zwei Rollstuhlfahrer, probierten gemeinsam mit der Inklusionsbeauftragten die speziellen Einkaufswagen aus.
Wer im Rollstuhl sitzt und alleine einkaufen muss, hat nur wenig Möglichkeiten. Eine ist es, die Lebensmittel in einem auf dem Schoß stehendem Einkaufskorb zu transportieren. Doch das birgt Gefahren, an die ein Mensch ohne Behinderung gar nicht denkt. So berichtet Martin Zinselmeier, der seit 20 Jahren im Rollstuhl sitzt: „Durch die Löcher im Einkaufskorb kann es bei gefrorenen Lebensmitteln leicht zu Erfrierungen kommen.“ Denn, so führt er erklärend aus: „Wer keine Gefühle in den Beinen hat, merkt nicht, wenn etwas sehr kalt oder sehr heiß ist.“
Einkaufen ein Problem
Für Brunhilde Krüger ist das Einkaufen ohne Hilfe seit einiger Zeit auch nicht mehr möglich. Als sie noch in Rinkerode wohnte, nutzte sie den Weg zur Arbeit ganz nebenbei zur Erledigung der Einkäufe. Heute lebt sie im Malteserstift St. Marien und ist bei langen Strecken auf den Rollstuhl angewiesen. Da wird das Einkaufen ein Problem.
Für Silke Russow war es eine unbefriedigende Situation, ist es ihr doch ein großes Anliegen, die Lebensqualität für Menschen mit Behinderung zu erhöhen und ihnen weitgehendste Normalität zu ermöglichen. Dabei wirft sie auch einen Blick in die Zukunft – zum Wohnheim für Menschen mit Behinderung, das bald am Mondscheinweg errichtet wird.
Wer keine Gefühle in den Beinen hat, merkt nicht, wenn etwas sehr kalt oder sehr heiß ist.
Kurzerhand sprach Russow bei den Lebensmittelmärkten vor, um die Anschaffung von Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer zu bitten. Bei der Aldi Zentrale in Werl stieß sie auf offene Ohren. Bereits in diesem Jahr orderte das Unternehmen drei solcher speziellen Einkaufswagen für Drensteinfurt.
Auch Rewe soll in dieser Woche einen Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer bekommen. K+K hat in seiner Filiale Drensteinfurt bereits einen speziellen Wagen angeschafft, die Filialen in Walstedde und Rinkerode, so hofft Russow, werden bald folgen.
Einfache Handgriffe reichen
Eben diesen Wagen probierte Brunhilde Krüger im K+K aus. Dabei zeigte sich, dass der Einkaufswagen mit wenigen einfachen Handgriffen an dem Rollstuhl befestigt werden kann, sodass der Fahrer beide Hände zur Fortbewegung und für den Einkauf frei hat. Dazu sei der Einkaufswagen für verschiedene Rollstühle passend, selbst für Elektro-Rollstühle. Schaut man in Richtung Herstellung, wundert das nicht, wurde der Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer in einjähriger Zusammenarbeit mit verschiedenen Gruppen von Rollstuhlfahrern entwickelt.
Auch Lidl zeigte sich auf Anfrage der Inklusionsbeauftragen äußerst aufgeschlossen. In neuen und modernisierten Filialen mit vergrößerten Einkaufswagenabstellflächen, wie etwa in Drensteinfurt, gehöre der Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer ebenso zum Standard wie der Einkaufswagen mit Ablage für Babyschalen. Standard seien große und kleine Einkaufswagen und in manchen Filialen auch noch Kindereinkaufswagen. Derzeit gebe es den behindertengerechten Einkaufswagen bundesweit in 60 Prozent der Filialen. Das größte Problem sei, so schreibt das Unternehmen, der fehlende Platz. Um für alle Käufer den passenden Wagen bereitzustellen, brauche es viel Fläche, die nicht nur älteren Lidl-Filialen, sondern auch anderen Supermärkten schlicht nicht zur Verfügung steht. An den Kosten der Anschaffung liegt es eher nicht. Die belaufen sich auf rund 250 bis 300 Euro pro Wagen, berichtet Russow.
Silke Russow ist froh, dass in Drensteinfurt alle Supermärkte und Discounter aufgeschlossen und bereit waren, spezielle Einkaufswagen anzuschaffen. Sollte der von vielen ersehnte Drogeriemarkt kommen, hofft sie, dass es selbstverständlich ist, bei den Einkaufswagen auch an Menschen mit Behinderung zu denken. Diesen Standard wünscht sie sich für jedes Einkaufszentrum, aber auch für die Menschen mit Behinderung selbst, die sich nicht scheuen sollen, den Wagen auch zu nutzen. Aus Erfahrung weiß sie: „Die Menschen haben sich irgendwie arrangiert.“
Bleibt bei aller Freude noch ein kleiner Wermutstropfen, denn auch Menschen mit Rollatoren würden sich über einen entsprechenden Einkaufswagen freuen. Eben diesen gibt es derzeit nur bei Rewe.
