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Die kleine Firma Rasch aus Hürth sorgt unter anderem dafür, dass Schoko-Hasen eingewickelt werden. Jetzt wird sie selbst von EU-Bürokratie umwickelt, wie Chefin Tina Gerfer berichtet.
Köln – Mit 38 Angestellten ist die Firma Rasch Maschinenbau in Hürth übersichtlich. Doch steckt in ihr, was Deutschlands Wirtschaft groß gemacht hat. Unternehmertum, Innovation, Teamgeist, Präzision, Termintreue und die Bereitschaft, eigene Maschinen in alle Welt zu liefern. Wo immer Hohlkörper aus Schokolade – zurzeit sind das Hasen – in Aluminiumfolie einwickelt werden, erledigt das wahrscheinlich eine Maschine der Firma Rasch.
Chefin Tina Gerfer fiel mir auf, als sie Kanzler Olaf Scholz auf dem IHK-Jahresempfang in Köln mit dem Hinweis konfrontierte, Bürokratie lähme zunehmend ihre Geschäfte. Rasch Maschinenbau ist auf Kante genäht. Empfang? Ein Hauselektriker, der zufällig am Eingang stand, brachte mich auf die Chefetage, als ich die Managerin besuchte. Das Chef-Sekretariat hat andere Aufgaben, als Besuchern Kaffee zu kochen. Gerfer macht das selber und nebenher.
„Gut gemeint, ist nicht immer gut gemacht“
So, wie sie sich auch um das „Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz“ kümmert, das seit 2024 in der EU gilt. Es richtet sich an Unternehmen mit mindestens 1000 Mitarbeitern und soll Menschenrechte in Entwicklungs- und Schwellenländern sichern. Für die Kakaobohnen in unserer Schokolade zum Beispiel, die aus Sierra Leona kommen, soll man sich nicht schämen müssen, weil sie unter miserablen Bedingungen produziert wurden. Das gilt auch für viele andere Waren.
Mit diesem Gesetz hat Tina Gerfers Betrieb aufgrund seiner Produkte und der Betriebsgröße nichts zu tun. Doch rasch hat es sich zu einem Bürokratiemonster für fast jedes zweite deutsche Unternehmen entwickelt, denn Rasch Maschinenbau muss alle Berichtspflichten erfüllen, weil die Firma für ein großes Unternehmen produziert. Das wiederum muss seine Lieferkette deklarieren und reicht die Pflicht an die Zulieferer weiter. Egal, wie klein diese sind. Selbst in der Gruppe von Unternehmen mit bis zu 49 Mitarbeitern – in diese gehört Rasch Maschinenbau – sind die Hälfte aller Firmen vom Gesetz betroffen, stellt Dr. Adriana Neligan vom IW Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln fest. „Gut gemeint, ist nicht immer gut gemacht“, urteilt sie nüchtern. Die große Koalition in Berlin hat sich auf das Aus für das Gesetz verständigt. Mal schauen, ob und wann Tina Gerfer Vollzug meldet.
Lieferketten-Gesetz benachteiligt Kleinbetriebe und ganze Nationen
Wie die örtlichen Institutionen IHK oder die Handwerkskammer zu Köln kritisiert die Wissenschaftlerin, der Standort werde durch das Gesetz nicht nur teurer und weniger wettbewerbsfähig. Selbst sein Nutzen sei zweifelhaft. Für Kleinbetriebe, etwa in der Kakaoproduktion, sei die Materie zu komplex. Sie begünstige vielmehr Konzerne. Doch auch ganze Nationen, denen geholfen werden sollte, geraten dadurch ins Hintertreffen.
Aus Ländern wie Bangladesch oder Pakistan seien die deutschen Bekleidungsimporte 2023 um mehr als ein Fünftel eingebrochen, merkt Dr. Neligan. Dort habe man Probleme, sich mit den komplexen Vorgaben aus Brüssel auseinanderzusetzen. Der Handel ordere lieber gleich aus Ländern mit verlässlicher Verwaltungssorgfalt, um Strafen zu vermeiden. Mit all dem hat Tina Gerfers Maschinenbau-Betrieb nichts zu tun. Doch selbst das Offensichtliche muss sie schriftlich erklären. Jüngst erst hat sie 250 Seiten durchgeackert, um auf dem Gros der Blätter schriftlich zu notieren, dass diese oder jene Regelung auf sie nicht anwendbar ist.
Unternehmen staatliche Verantwortung aufgebürdet
„Alle Beteiligten wussten von Anfang an, dass die Schutzziele mit dem Gesetz nicht zu erreichen sind“, moniert IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Uwe Vetterlein. Stattdessen würde den Unternehmen staatliche Verantwortung aufgebürdet. Eine Kritik, die sinngemäß auch von Hans Peter Wollseifer kommt, dem Präsidenten der Handwerkskammer zu Köln. Dabei seien dem Handwerk durchaus Aspekte wichtig, die Ressourcen, die Ökologie oder das soziale Miteinander fördern, sagt Wollseifer. Es sei ein Wettbewerbsvorteil, Nachhaltigkeit sichtbar darzustellen. Daher biete die Handwerkskammer Betrieben einen kostenfreien Nachhaltigkeitscheck.
► Tina Gerfer hat klare Werte – auch ohne die EU. Dafür steht ein Gemälde ihres Großvaters, des Firmengründers Wilhelm Rasch. Es hängt in ihrem Büro. Er vermittelte der Enkelin, dass Respekt ein universeller Wert sei. Und er impfte ihr ein, laut zu lachen, wenn ihr jemand sage, sie sei „nur“ ein Mädchen. Zwei Erkenntnisse aus Tina Gerfers weltweiten Kontakten habe ich notiert. Werte wie Treu und Glauben gälten in Familienbetrieben und bei arabischen Kunden viel. Und wenn ein Argentinier einem die Hand darauf gebe, sei das so gut wie ein schriftlicher Vertrag. Wenn Brüssel das wüsste.
► IPPEN.MEDIA-Gastautor Peter Pauls ist Vorsitzender des Kölner Presseclubs. Zuvor war er lange Jahre Chefredakteur der Tageszeitung Kölner Stadt-Anzeiger. Dieser Beitrag stammt aus dem Newsletter des Kölner Presseclub, den Sie hier abonnieren können.
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