Von der Politik im Stich gelassen?

Mehrwertsteuer steigt wieder auf 19 Prozent: Das befürchten Gastronomen im Sauerland

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Gemütlich essen gehen und eine gute Zeit haben: Werden sich die Menschen zukünftig seltener für solche geselligen Runden entscheiden? Das Befürchten zumindest Gastronomen und Dehoga.
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  • Daniela Weber
  • Jessie Kristen

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie und der Mangel an Fachpersonal sind große Herausforderungen für die Gastronomie. Mitte November kam dann die nächste Hiobsbotschaft für Restaurantbetreiber und Hoteliers: Die Mehrwertsteuer auf Speisen in Restaurants und Cafés soll im kommenden Jahr wieder auf 19 Prozent steigen. Welche Auswirkungen befürchten Gastronomen?

Hochsauerland – Fühlen sich Gastronomen im Sauerland von der Politik im Stich gelassen? Der SauerlandKurier hat sich in der Branche umgehört.

Stimmen aus der Gastronomie

Marcus Elsenheimer, Inhaber von Müllers Landhotel in Medelon, sieht die Erhöhung der Mehrwertsteuer als sicherlich nicht vermeidbar an – allerdings denkbar ungünstig in Zeiten, in denen auch die Gastronomen ohnehin schon mit steigenden Kosten in sämtlichen Bereichen zu kämpfen haben. „In der aktuellen Finanzkrise ist die Anhebung zurück zur ursprünglichen Mehrwertsteuer teils verständlich, aber es muss auch anderswo eingespart werden. Wir können auch nicht auf die zwölf Prozent verzichten und haben schon in der Vergangenheit versucht, die Preise vorsichtig zu kalkulieren. Jetzt müssen wir ad hoc auf die bestehenden Buchungen für 2024 reagieren – was sich zwar nicht auf den reinen Übernachtungspreis niederschlägt, aber durch die nun unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze auf den Preis für das Frühstück. Das hätte man sich auch früher überlegen können“, so die Worte des Hotel-Betreibers.

Noch erhalte das Landhotel guten Zulauf – die Befürchtung, dass die Gästezahlen zurückgehen, bestehe dennoch. „Der eine oder andere wird sich dann überlegen, wie viel Geld für Gastronomiebesuche übrigbleibt.“

Auch Andre Mesters, Inhaber vom Hotel-Restaurant Holländer Hof in Grevenstein, geht davon aus, dass sich zukünftig weniger Menschen für einen Restaurantbesuch entscheiden. „Eine Preiserhöhung aufgrund der Kostenentwicklung in den vergangenen Jahren ist eigentlich unumgänglich“, betont der Gastronom. Er blickt auf die zahlreichen Probleme, mit denen die Gastronomie seit einigen Jahren zu kämpfen hat: „Nach den Lockdowns folgten die Kostenexplosion im Energiesektor, Lohnerhöhungen und Personalmangel. Jetzt stehen Restaurantbesitzer und Hoteliers vor der Situation, dass sie weder eine vernünftige Personalplanung für das kommende Jahr machen können, noch vernünftige Angebote kalkulieren können.“

Der Hotelier beschuldigt die Bundesregierung, die Entscheidung zu kurzfristig mitgeteilt zu haben. Außerdem herrsche immer noch keine Klarheit: „Wir wissen immer noch nicht final, mit welchem Steuersatz wir nächstes Jahr kalkulieren müssen.“ Für Mesters wird der „Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und Kundenakzeptanz“ immer schwieriger. „Man fühlt sich als Gastronom von unserer Regierung betrogen und allein gelassen!“

Das sagt der Dehoga

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in NRW fühlt sich ebenfalls von der Politik im Stich gelassen. Er sei maßlos enttäuscht von der Ampel, findet Hans-Dietmar Wosberg, Präsident Dehoga Nordrhein-Westfalen, aus Arnsberg deutliche Worte für die jüngsten Entwicklungen. Der Verband hatte von Anfang an eine komplette Entfristung der Senkung auf sieben Prozent gefordert. Und er habe in den vergangenen Monaten auch viel Zuspruch aus der Politik für seine Position erfahren. Umso entsetzter sei man dann gewesen, als nun doch Ende November aus Berliner Regierungskreisen von der Rückkehr zu 19 Prozent ab Januar 2024 die Rede war.

Mehrwertsteuer in der Gastronomie: Hintergrund

Für Essen zum Mitnehmen, im Supermarkt und bei der Lieferung gilt grundsätzlich eine Besteuerung mit sieben Prozent. Vorübergehend war der Steuersatz für Speisen in Restaurants und Cafés von 19 auf sieben Prozent gesenkt worden. Dadurch sollte die Gastronomie während der Corona-Pandemie entlastet werden. Diese Regelung wurde wegen der Energiekrise mehrmals verlängert, zuletzt bis Ende dieses Jahres.

Der Dehoga befürchtet drastische Auswirkungen für die Gastronomie, in ganz NRW und auch im Hochsauerland. „Die Luft ist so dünn, dass einige Gastronomen nicht mehr in der Lage sind, die zwölf Prozent von sich aus zu übernehmen. Nur wie weit können wir den Gästen Erhöhungen noch zumuten?“, verweist Wosberg auf die Preisentwicklung, die sich in den vergangenen Jahren unter anderem durch Energie- und Lebensmittelpreise extrem verschärft habe. Deutlich macht er außerdem: „Es geht nicht nur um die großen Betriebe, sondern um die kleinen, familiengeführten, denen steht das Wasser bis zum Hals.“ Auch die zahlreichen Caterer für Kita-, Schul- und Seniorenverpflegung, die ohnehin mit Preisdruck kämpften, würden übrigens unter die 19 Prozent-Regelung fallen.

Fest steht für den Dehoga-Präsidenten aus Arnsberg: „Wir werden weiter für die sieben Prozent kämpfen, und damit auch für Gleichberechtigung.“ Es sei absurd, dass Essen auf dem Porzellanteller wieder mit 19 Prozent besteuert werde, für Essen-To-Go und Fertiggerichte aus dem Supermarkt aber weiterhin sieben Prozent gelten.

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