VonThomas Machatzkeschließen
Am Freitag wartet ein Streik im Öffentlichen Personen-Nahverkehr, im Märkischen Kreis wird allerdings nicht der komplette ÖPNV ausfallen, denn etwa 50 Prozent des Angebots der MVG wird von privaten Busunternehmen geschultert. Und die streiken nicht.
Lüdenscheid – Wenn die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zum Streik aufruft, gibt es durchaus eine gewisse Routine bei jenen Stellen, die bestreikt werden. Die Märkische Verkehrsgesellschaft zum Beispiel erstellt für den Fall eines Streiks in der Regel eine Whitelist – auf dieser Liste können Menschen, die gerne trotz des Streiks den ÖPNV nutzen wollen, einsehen, welche Busse trotzdem fahren.
„Eigentlich“, sagt Jochen Sulies, Pressesprecher der MVG, „ist das in normalen Zeiten ein Knopfdruck, und der Computer spuckt die Whitelist aus.“ Doch weil die Zeiten nicht normal sind, ist es diesmal etwas komplizierter, denn am Montag hat die MVG erst einmal in einer fünfstündigen Krisensitzung den ÖPNV rund um die ganz frisch gesperrte Brücke auf der B236 in Nachrodt herum neu organisiert. Vor allem die Linie 37, die Fahrgäste von Letmathe über Altena nach Lüdenscheid bringt, ist durch diese Sperrung natürlich maximal beeinträchtigt.
Das zweite Problem dieser Zeit, das ist noch immer all das, was mit den Folgen des Cyber-Angriffs auf die Südwestfalen IT zusammenhängt. Die MVG setzt seitdem bekanntlich auf eine Notfallhomepage. Die Folge: Wenn die Whitelist vorhanden ist, dann muss diese erst einmal einer Agentur geschickt werden, die wiederum die begehrten Informationen online stellt. Ein Umweg, der auch Zeit kostet. „Ich hoffe aber, dass wir bis zum Mittwochnachmittag die Whitelist auf unserer Internetseite haben,“ sagt Sulies, „mit Ausnahme der Fahrten der Linie 37 – die werden wir noch nicht in der Whitelist abbilden können.“
MVG: Planungen für den Streik-Freitag unter erschwerten Bedingungen
Was aber ist das eigentlich genau, die Whitelist? Die Märkische Verkehrsgesellschaft setzt im Öffentlichen Personennahverkehr, wenn man so will, auf eine Art duales System. Rund 50 Prozent der Fahrten übernehmen MVG-eigene Busse, die übrigen 50 Prozent private Dienstleister, also Busunternehmen, die ihre Fahrzeuge und Fahrer der MVG zur Verfügung stellen. „Diese Busse, die von privaten Unternehmen gestellt werden, werden trotz des Streiks fahren,“ erklärt Sulies, „das könnte man den Fahrgästen auch gar nicht anders erklären. Einzige Ausnahme ist, wenn zentrale Kreuzungen blockiert sein sollten. Dann kommen natürlich auch diese Busse nicht mehr durch.“
Für den Streik-Freitag bedeutet dies allerdings: Im Normalfall dürfte 50 Prozent des ÖPNV-Angebots im Märkischen Kreis normal fahren. Wobei sich diese 50 Prozent nicht 1:1 auf jede Kommune abbilden lassen. In Meinerzhagen und in Menden zum Beispiel, wo die MVG ihre Betriebsstellen inzwischen aufgegeben hat, fahren praktisch nur noch private Anbieter. Das heißt: Meinerzhagen und Menden werden am Freitag vom Streik überhaupt nicht betroffen sein.
„In Lüdenscheid wird der Streik aber auf jeden Fall sichtbar sein“, erklärt Sulies. Lüdenscheid, Halver, Werdohl, Altena, Plettenberg – es sind Orte, in denen sowohl MVG-Busse als auch Busse von privaten Anbietern eingesetzt werden. Den genauen Prozentanteil kann Sulies nicht ad hoc benennen, aber grundsätzlich ist es hier aufgeteilt, wird es in diesen Kommunen am Freitag zu spürbaren Einschränkungen im ÖPNV kommen.
Nachrodter Brücke macht es kompliziert
Dass gestreikt werden wird, da ist sich Sulies ziemlich sicher, auch wenn ver.di bisher noch keinen offiziellen Streikaufruf an die Märkische Verkehrsgesellschaft geschickt hat. In der Verdi-Liste der streikenden Betriebe des ÖPNV taucht die MVG zwar durchaus auf, doch eine offizielle Mitteilung liegt in Lüdenscheid noch nicht vor. „Die Wahrscheinlichkeit liegt aber bei 100 Prozent“, sagt Sulies und gibt sich keiner Illusion hin. Und wenn dies so kommt, werden am Freitag eben auch alle MVG-eigenen Busse stillstehen.
Was die Fahrplanänderungen wegen der Brückensperrung in Nachrodt angeht, so klärt Sulies schon so weit auf, dass die Busse nördlich der Sperrung zwischen Letmathe und Nachrodt vom Halbstundentakt in einen Stundentakt wechseln werden. Südlich der Brücke, also zwischen Nachrodt, Altena und Lüdenscheid soll der Halbstundentakt für die Linie 37 beibehalten werden. Ganz unabhängig von allen Streiks. Auch neben der Linie 37 musste der Fahrplan allerdings hier und da angepasst werden – schon am Wochenende hatte es bei der MVG intern Gespräche gegeben, am Montag dann wurde in einer langen Sitzung alles festgezurrt.
Nun aber gilt also das Augenmerk auch wieder dem Streik-Freitag. „Die MVG bemüht sich, so schnell wie möglich alle Verbindungen sichtbar zu machen, die am Freitag fahren werden“, verspricht Sulies, bittet gleichwohl um Verständnis, dass dies eben diesmal unter erschwerten Bedingungen ein bisschen mehr Zeit benötigt als üblich.
Streikziel: Verbesserung der Arbeitsbedingungen
Hintergrund des Streiks für die Beschäftigten im kommunalen Nahverkehr sind die laufenden Tarifverhandlungen für die rund 30.000 Beschäftigten im kommunalen ÖPNV. „Der dramatische Mangel an Arbeitskräften im ÖPNV führt überall zu Fahrausfällen und einem riesigen Berg an Überstunden für die Beschäftigten. So geht es nicht weiter“, hatte sich Verdi zuletzt geäußert: „Die Arbeitgeber fahren auf Verschleiß, das ist kein sinnvolles Vorgehen. Wir werden den Fahrbetrieb nur mit gesunden Beschäftigen auf Dauer aufrechterhalten können. Die Arbeitsbedingungen im ÖPNV sind weit davon entfernt, konkurrenzfähig zu sein. Die Verkehrswende benötigt auch eine echte Arbeitswende im Verkehr.“
Um eine Entlastung zu erreichen, hatten die Beschäftigten bereits 2023 Forderungen für die Tarifrunde aufgestellt, mit denen die Arbeitsbedingungen verbessert werden sollen. Die Forderungen wurden dem Arbeitgeberverband in NRW Ende November übergeben. In NRW hat in der vergangenen Woche die erste Verhandlungsrunde ohne Ergebnis stattgefunden. In der Tarifrunde im kommunalen Nahverkehr geht es vor allem um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Der Schwerpunkt liegt laut ver.di dabei auf Entlastung, Wertschätzung und attraktiveren Arbeitsbedingungen.
Aktuelle Informationen dazu, welche Busse am Freitag trotz des ganztägigen Streiks fahren werden, wird die MVG voraussichtlich ab Mittwochmittag auf ihrer Notfall-Homepage unter der Adresse mvg-aktuell.de veröffentlichen.
