Bönener Ärzte übernehmen Vertretung

Nach dem Tod von Karsten Weikamp: Praxis geschlossen, aber „kein Patient bleibt unversorgt“

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Bleibt vorerst geschlossen: Die Praxis Dr. Karsten Weikamp an der Feldstraße. Ein Aushang an der Tür informiert die Patienten. Wie es weitergeht, ist unklar.
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Die Nachricht vom plötzlichen Tod des Arztes Karsten Weikamp, der seine Praxis an der Feldstraße hat, erschüttert die Gemeinde Bönen. Patienten sind verunsichert, wie es jetzt weitergehen soll. Bei den verbliebenen vier Hausärzten stehen die Telefone nicht mehr still. Sie werden zunächst die Vertretung in akuten Fällen übernehmen. Auf Dauer sei das aber keine Lösung.

Bönen – Ein Zettel neben der Tür informiert die Patienten, dass die Praxis Weikamp an der Feldstraße zunächst bis zum 1. Dezember geschlossen bleibt. Wie es dann weitergeht, würden die Patienten an dieser Stelle per Aushang erfahren, heißt es weiter. Angegeben sind die Kontaktdaten der noch verbliebenen vier Hausärzte der Gemeinde. In akuten Fällen können sich die Weikamp-Patienten an sie wenden. Unklar ist auch, wie es mit dem Praxisteam weitergeht, ob, zumindest zeitweise, eine Vertretung möglich ist, um die Situation aufzufangen.

Die Bönener Ärzte sind betroffen vom Tod ihres Kollegen – und bekommen die Auswirkungen bereits massiv zu spüren, denn die Telefone stehen nicht mehr still in den vier Arztpraxen. Viele Weikamp-Patienten fragen jetzt bei den Praxen Middeldorf, Urrutia Rojas, Simonis und Kopmane an, ob sie als Patient aufgenommen werden, nachdem sie verunsichert und hilflos vor verschlossenen Türen an der Feldstraße standen. Telefonisch war die Praxis nur über eine automatische Bandansage erreichbar. Auch hier die Information, sich in dringenenden Fällen an die anderen Bönener Hausärzte zu wenden.

Medizinische Versorgung künftig ein Riesenproblem

„Wir weisen niemanden ab, der akut versorgt werden muss oder Medikamente braucht. Niemand bleibt unversorgt“, betont Dr. Burkhard Simonis, der mit seiner Tochter Sandra eine Nachfolgerin gefunden hat und mit einer weiteren Kollegin an der Bahnhofstraße 153 praktiziert, obwohl er eigentlich schon im Rentenalter ist. „Da werden auch alle Kollegen in Bönen jetzt Verantwortung übernehmen.“

Aber er lässt auch keinen Zweifel daran, dass es ein Riesenproblem sein wird, alle Patienten langfristig zu versorgen. „Wir werden nicht alle Patienten aufnehmen können. Als Vertretung für ein oder zwei Quartale ist das machbar, aber auf lange Sicht ist das keine Lösung. Früher gab es acht Hausarztpraxen in der Gemeinde, jetzt sind es noch vier. Wir sind schon jeden Tag 10 bis 12 Stunden in der Praxis. Mehr geht nicht. Wir brauchen Zeit für jeden einzelnen Patienten.“ Viele Diagnosen stellten sich erst nach einem ausführlichen Gespräch heraus.

Praxen schon jetzt am Limit

Seine Kollegin Regina Kopmane, die an der Zechenstraße ihre Praxis hat, bestätigt das: Die Gemeinde sei mit vier Hausarztpraxen akut unterversorgt. „Noch haben wir erst vereinzelte Anfragen von Patienten von Dr. Weikamp, aber das wird noch kommen. Im Moment stehen die Patienten vielleicht noch unter Schock oder haben das noch gar nicht mitbekommen, weil sie keinen Termin hatten.“ In den kommenden Tagen rechnet aber auch sie mit zahlreichen Anrufen. Unklar sei, wie viele Patienten betroffen seien, die möglicherweise versorgt werden müssen.

Ein Aushang neben dem Eingang zur Praxis von Dr. Weikamp informiert über die Schließung und Vertretungen. „Wie es in naher Zukunft weitergeht, werden Sie an dieser Stelle erfahren.“

„Natürlich tun wir unser Bestes, um den Patienten kurzfristig zu helfen“, versichert auch sie. „Aber langfristig können wir keine Patienten mehr aufnehmen, wir sind am Limit, denn wir haben bereits Patienten von Dr. Berbecker und Dr. Sander übernommen.“ Auch sie spricht mittlerweile von Zehn- und Zwölfstundentagen, um überhaupt allen Patienten gerecht werden zu können. „Es geht ja nicht nur um Fallzahlen und möglichst viele Patienten, es geht ja auch um Behandlungsqualität, und dafür muss man sich Zeit nehmen. „Wie das weitergehen soll mit nur vier verbliebenen Hausärzten, weiß ich nicht. Wir brauchen ein bis zwei weitere Hausärzte in der Gemeinde, um eine gute Behandlungsqualität gewährleisten zu können.“

Da sei die Unterstützung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) gefragt. Notfalls müssten die Kollegen in den Nachbarkommunen unterstützen – falls die Situation da nicht genauso schwierig ist wie in Bönen. Jüngere Patienten müssten schlimmstenfalls weitere Wege zu ihrem Hausarzt in Kauf nehmen.“ Gerüchte, die 68-jährige Medizinerin würde in Kürze in den Ruhestand gehen, dementiert sie entschieden. „Nein, ich bleibe solange es meine Gesundheit zulässt. Was soll ich auch machen? Tür zu und dann? Junge Mediziner haben heute kein Interesse mehr, eine Hausarztpraxis zu übernehmen.“

Das sagt die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL)

Wie ernst ist die Lage in der ambulanten medizinischen Versorgung? „Sehr ernst“, sagt Dr. Dirk Spelmeyer, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). „Die Stimmung in den Praxen ist so schlecht wie noch nie. Das merken die Bürger schon jetzt: Sie können in Praxen nicht mehr als Patienten aufgenommen und Sprechzeiten müssen reduziert werden, die Wartezeiten steigen.“

Die Hausärztliche Versorgung wird auf Ebene des Mittelbereichs geplant. Zum Mittelbereich Unna gehören neben Bönen auch Fröndenberg, Holzwickede und Unna. Die Bedarfsplanung soll eine ausreichende Versorgung mit niedergelassenen Ärzten gewährleisten.

Die Verhältniszahl für die hausärztliche Versorgung beträgt in WL 1607 Einwohner je Arzt. Zum Vergleich: Bönen hat aktuell 18 438 Einwohner inklusive Kinder. Der Versorgungsgrad im gesamten MB Unna liegt laut KV derzeit statistisch bei 94,2 Prozent mit 63,75 Hausärzten (Vollzeitäquivalente). 36 Prozent der Hausärzte sind aktuell älter als 60 Jahre.

Kein Hausarzt-Nachwuchs zu finden

Das sieht auch ihr Kollege Christoph Middeldorf so. Der 58-Jährige ist statistisch gesehen sozusagen im Durchschnittsalter der niedergelassenen Hausärzte. Er prophezeit noch schwierigere Zeiten in der Zukunft für die medizinische Versorgung, denn ein Drittel der Hausärzte gehe in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Und dann?

Es sei schwierig bis aussichtslos, so seine Erfahrung, einen Nachfolger für eine Hausarztpraxis zu finden. Das sei nicht mehr attraktiv für junge Mediziner. „Die Ausbildung dauert lange, die Verdienstmöglichkeiten sind nicht attraktiv, verglichen mit anderen Fachbereichen, und die ständig steigende Bürokratie schreckt junge Kollegen eher ab von einer Niederlassung.“ Da sei die Politik gefragt, um einiges grundlegend zu ändern, damit der Hausarztberuf wieder attraktiver werde.

Eine Ausnahme bildet in der Gemeinde Luisa Urrutia Rojas (40), die 2022 die Hausarztpraxis Wimpelberg am Marmelinghöfener Weg übernommen hat. Sie hat sich bewusst für eine Niederlassung als Hausärztin in der Gemeinde entschieden.

Auch in der Praxis von Christoph Middeldorf an der Bahnhofstraße 155 stehe das Telefon nicht mehr still mit Anfragen von Patienten aus der Praxis Weikamp. „Es ist noch zu früh, um abschätzen zu können, wie es mit der Praxis weitergeht“, findet Middeldorf. „Möglicherweise kann die KV helfen und eine Vertretung für die Praxis finden, um die Patienten erst mal weiter zu versorgen“, hofft er.

Auch Christoph Middeldorf signalisiert, dass er wie seine Bönener Kollegen, Patienten in akuten Fällen betreuen wird. Ob und wie viele Patienten dauerhaft übernommen werden können, muss geprüft werden. „Die Frage ist nicht nur, wie viele Patienten kann ich als Arzt betreuen, sondern auch, was können meine Mitarbeiterinnen noch bewältigen.“

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