VonSusanne Fischer-Bolzschließen
Ein Desaster. Eine Tragödie. Ein Fiasko. Für die Beschreibung, wie die Sperrung der Lennebrücke empfunden wird, fallen jedem, der betroffen ist, nur negative Superlativen ein. Und es ist jeder betroffen. Im gesamten Lennetal. Deshalb kam auch Verkehrsminister Oliver Krischer (Die Grüne) persönlich am Sonntag nach Nachrodt, um sich mit Bürgermeisterin Birgit Tupat, Bundes-, Landes- und Kommunalpolitikern zu treffen. Dabei nahm Oliver Krischer die Vertreter von Straßen.NRW durchaus in Schutz, die nämlich im Ruf stehen, für das Drama verantwortlich zu sein.
Nachrodt-Wiblingwerde – Weil Gefahr in Verzug war, hatte der Landesbetrieb am Freitag die Lennebrücke gesperrt, war dann aber für die Bürgermeisterin nicht mehr erreichbar gewesen. Die Kommunikation müsse besser werden, meinte der Verkehrsminister. So oder so: „Wir haben es hier mit einem Fundamentschaden zu tun. Der Schaden rührt nicht von der Belastung der Brücke, sondern ist ein klassischer Hochwasserschaden. So lange das Fundament nicht da ist, müssen wir befürchten, dass die Brücke nicht mehr stabil ist“, erklärte der Verkehrsminister, nachdem Vertreter von Straßen.NRW vor Ort von einer „ungeplanten Lasteinleitung und Lastumlagerung im Bauwerk“ gesprochen hatten.
Im besten Fall kann eine Notsanierung der Lennebrücke in zwei Wochen abgeschlossen sein. Dann darf der Verkehr, auch der Schwerlastverkehr, wieder fahren. Die Arbeiten hängen allerdings vom Pegelstand der Lenne ab: 70 Zentimeter darf er sein, 1,40 Meter hat er jetzt. Deshalb ist der Ruhrverband mit im Boot, um Maßnahmen zu ergreifen. „Der Ruhrverband rechnet im Moment, ob man genug Wasser aus der Biggetalsperre zurückhalten kann.“
Skeptische Blicke
Natürlich war auch der dringend notwendige Bau der neuen Lennebrücke ein großes Thema. „Wir gehen davon aus, dass wir den Planfeststellungsbeschluss in diesem Jahr hinbekommen und dass dann sehr schnell das Ersatzbauwerk gebaut werden kann“, meinte Oliver Krischer – und erntete skeptische Blicke. Die Situation sei so, dass es offensichtlich Anwohner gebe, die möglicherweise klagen würden. „Eine Familie gegen ganz Südwestfalen“, so der fraktionslose Ratsherr Aykut Aggül. „Auch ich muss mich an Recht und Gesetz halten und ich hoffe, dass noch das eine oder andere Gespräch möglich ist, damit keine Klagen kommen“, so Oliver Krischer. Angesprochen darauf, würde er auch selbst bereit sein, persönlich mit Christian von Löbbecke als Hauptgegner der neuen Brücke mit unzähligen Einwendungen im aktuellen Planfeststellungsverfahren zu sprechen. „An mir wird das nicht scheitern“, so Oliver Krischer.
Montag Sitzung des Rates
Übrigens: Wer seinen Kummer loswerden möchte, ist bei der Nachrodter Ratssitzung am Montag, 29. Januar, ab 17 Uhr in der Grundschule Nachrodt richtig. Denn dort dürfte die „abgeschnittene“ Gemeinde die Einbringung des Haushalts um Längen übertreffen. Gerd Schröder, Fraktionsvorsitzender der SPD, hat einen Antrag gestellt, die Situation der Lennebrücke auf die Tagesordnung zu nehmen und nicht nur unter „Bekanntmachungen“ zu diskutieren.
„Was soll aus den Städten im Lennetal werden? Bei den jetzigen Erfahrungen mit Straßen.NRW gehe ich davon aus, dass die Sperrung eher Monate dauern wird“, sagt Gerd Schröder. Als sachkundiger Bürger hat er vor 20 Jahren in der Kommunalpolitik begonnen, „und eine neue Lennebrücke war damals schon Thema.“
Ob der Besuch von Oliver Krischer mehr als nur ein wohlwollendes Signal der Unterstützung sein wird? Der CDU-Landtagsfraktionsvorsitzende Thorsten Schick glaubt dies ganz bestimmt. Petra Triches, Fraktionssprecherin der UWG, dagegen hält Straßen.NRW für die Stelle, „die uns nicht für voll nimmt. Wir sind denen doch total egal.“ Jeder, absolut jeder hätte die Sperrung der maroden Brücke geahnt. Triches empfindet Hilflosigkeit und Wut. Für sie ist Straßen.NRW nicht mehr tragbar. „Sie zerstören überall unsere Infrastruktur und niemand muss die Verantwortung tragen.“
Infrastruktur-Gipfel
Ähnlich entsetzt ist auch Landrat Marco Voge: „Seit Jahren sind die Probleme vielerorts bekannt und es passiert zu wenig. Deshalb fordere ich nun einen Infrastruktur-Gipfel für den Märkischen Kreis. Es braucht klare Prioritäten, damit unsere Brücken und Straßen wieder in einen tragbaren Zustand versetzt werden.“ Ein weiterer neuralgischer Punkt sei nun ausgefallen. Marco Voge: „Wir brauchen einen Plan, damit die Mobilität im Märkischen Kreis und der Region wieder gewährleistet werden kann. Gleichzeitig müssen endlich positive Signale gesetzt werden. Katastrophen-Nachrichten sind wir satt, ich möchte nach vorne schauen.“
Die Lennebrücke steht (und fällt) mitten in Nachrodt. Aber weder die Kommunalpolitiker noch die Gemeindeverwaltung können Einfluss auf die Entscheidungen nehmen, nur appellieren, nachfragen, Druck aufbauen. All dies verpuffte in den vergangenen Monaten und Jahren. Der Unternehmer Uwe Hell und Bürgermeisterin Birgit Tupat hatten erst im Dezember einen erneuten Vorstoß unternommen, um den Bau der neuen Lennebrücke zu beschleunigen.
Wir können nur den Dialog suchen
„Man fühlt sich ohnmächtig. Uns sind die Hände gebunden. Wir können immer wieder nur den Dialog suchen“, sagt Jens-Philipp Olschewski, Fraktionsvorsitzender der CDU. So schnell wie möglich müsse man mit dem Neubau der Brücke starten und dafür müssten alle Beteiligten an einen Tisch. „Man fragt sich aber natürlich, was eine Zwischenlösung sein könnte. Vielleicht eine Behelfsbrücke.“ Nichts dürfte unversucht gelassen werden.
„Für die Menschen vor Ort in Nachrodt-Wiblingwerde bedeutet die Sperrung nicht nur ein Verkehrschaos, sondern eine absolute Verschlechterung der Lebensqualität“, findet der fraktionslose Ratsherr Aykut Aggül. In der Vergangenheit sei frühzeitig auf die Probleme hingewiesen worden, aber Straßen.NRW habe trotzdem keinen Plan B gehabt. „Unsere Region wird mit ihren Notsituationen durch die Behörden im Stich gelassen.“
Domino-Effekt
Im Stich gelassen sollen sich die Bürger aber nicht von ihren Landes- und Bundesabgeordneten fühlen. „Diese Brücke und die Bedeutung des Streckenabschnitts der B 236 sollten dem Landesbetrieb Straßen.NRW hinlänglich bekannt sein, nachdem dort brückennah im vergangenen Jahr eine Felsnase gesprengt werden musste“, sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Bettina Lugk, fordert schnelle Instandsetzungsarbeiten an der alten Brücke, einen zeitnahen Ersatzneubau und macht darauf aufmerksam, „dass die B236 der einzige und dadurch sehr wichtige Verbindungsweg zwischen den Städten der Lenneschiene ist“.
Der SPD-Landtagsabgeordnete Gordan Dudas spricht von einem Super-GAU für Nachrodt-Wiblingwerde mit Ankündigung. „Er zeigt ganz deutlich den Domino-Effekt, den die Sperrung der Talbrücke Rahmede für unsere Region hat. Die Lennebrücke ist die mittlerweile fünfte Brücke, die seit der Sperrung der Talbrücke Rahmede am 2. Dezember 2021 gesperrt oder abgelastet werden musste. Wir dürfen nicht länger unvorbereitet in solch kritische Situationen schlittern.“
Der Märkische Arbeitgeberverband (MAV) äußert sich fassungslos. Schon früh habe der MAV auf das Problem hingewiesen. Bereits die Sperrung der A45 habe die Logistik erheblich erschwert und deutlich verteuert. Und jetzt das: „Bereiche des Lennetals sind praktisch vom Verkehr abgeschnitten“, heißt es. „Das geht an die Substanz der Betriebe. Kein Transport, kein Absatz. Wir erleben das schlimmste denkbare Szenario.“ Problemlösungen könnten jetzt gar nicht schnell genug erfolgen. Außerdem zeige sich einmal mehr, dass niemand das Problem der maroden Verkehrswege mehr im Griff habe.

