VonSarah Hankeschließen
Noch läuft nicht alles rund beim E-Rezept. Diese Erfahrung macht gerade auch Dr. Ulrich Tappe. Seine gastroenterologische Praxis an der St. Barbara-Klinik testet das elektronische Rezept unter Alltagsbedingungen.
Hamm – Die Praxis ist eine von rund 250 ausgewählten Pilotpraxen in der Region Westfalen-Lippe. „Es ist ja klar, dass der Weg des Rezepts künftig ein digitaler sein wird“, sagt Tappe. Im Ausland gebe es die Möglichkeit schon seit Langem. Seine Heessener Gastropraxis sei die einzige Probepraxis im Hammer Stadtgebiet. „Alle Apotheken im Umkreis sind speziell über den Start informiert worden.“ Bislang habe es aus den Apotheken keine Rückmeldungen über bestehende Schwierigkeiten gegeben.
In der Theorie braucht der Facharzt nur zwei Klicks: In seiner Praxis stellt er ein digitales Rezept aus. Eine Minute später kommt es auf dem Handy seines Patienten an. Dafür muss dieser nicht einmal in seine Praxis kommen. Mit dem digitalen Rezept geht der Patient dann in die Apotheke. Dort zeigt er lediglich sein Handy vor und erhält das entsprechende Medikament – vorausgesetzt, er hat sich vorab die „E-Rezept-App“ heruntergeladen. Das papierlose Rezept soll so den rosafarbenen Zettel ablösen.
Chipmangel betrifft auch die Gesundheitsbranche
Doch aktuell kann nur ein Bruchteil der gesetzlich Versicherten die Rezept-App nutzen. Dazu wird eine elektronische Gesundheitskarte (eGK) mit der drahtlosen Übertragungstechnik NFC versehen. Sie überträgt Informationen zwischen Geräten, bekannt zum Beispiel durch das kontaktlose Bezahlen. Das Problem: Der globale Chipmangel betrifft auch die elektronischen Gesundheitskarten. „Den Chip gibt’s derzeit nicht“, sagt Tappe. Bei vielen Versicherten würden die Karten auslaufen. „Wir haben wahrscheinlich im Moment ein Defizit von rund zwei Millionen“, so Tappe. Ohne NFC-fähiger eGK kein E-Rezept.
Die App können Versicherte trotzdem nutzen. Allerdings nicht papierlos. Die Ärzte drucken den QR-Code auf einem Din A4-Papier, mit dem die Patienten dann in die Apotheke gehen können. Oder sie scannen den QR-Code selbst mit der App „Das ist im Moment in Deutschland eigentlich der Standard“, sagt Tappe. Hier finde also eine Art Medienbruch statt. „Von Digitalisierung sind wir so noch weit entfernt. Das Papier muss unbedingt weg.“ Ein elektronisches Rezept müsse eigentlich ohne Papier auskommen.
Digitale Anwendung E-Rezept zum Erfolg führen
Hinzu kommt: Das Einloggen in die App ist recht kompliziert. Neben der elektronischen Gesundheitskarte, benötigt man eine PIN, die einem die Krankenkasse zugeschickt haben muss. Dafür wiederum müssen sich Versicherte identifizieren, was oft per Video in einer weiteren App geschieht. „Für Oma Gerda im Altenheim, die nicht mal ein Smartphone besitzt, fast unmöglich“, so Tappe.
Seit einer Woche testet das Team der Gastropraxis an der Barbara-Klinik das E-Rezept. Ziel des Projekts „E-Rezept-Rollout“ ist es auch, noch nicht ganz so optimale Abläufe zu erkennen, zu dokumentieren und das E-Rezept doch noch zum Erfolg zu führen. Auch, damit es am Ende nicht bei dieser Übergangslösung mit dem Papier bleibt.
KFWL fordert Verbesserung bis Dezember
Die Kritik soll dann gebündelt an die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) weitergegeben werden, um noch mal nachzuschärfen. Tappe ist sich sicher: In der aktuellen Form wird sich das E-Rezept nicht durchsetzen. Der niedergelassene Arzt ist Sprecher der Fachärzte in der KVWL. Geht es nach der KVWL, sollen Patienten im Idealfall ohne App und nur mit der Gesundheitskarte zum Doktor gehen. Die App sei nicht zeitgemäß und wenig bedienungsfreundlich, so Tappe.
Schleswig-Holstein habe sich inzwischen aus dem Feldversuch zurückgezogen. Die KVWL ist noch dabei. In der nächsten Stufe des Pretests ab Oktober ist geplant, den Teilnehmenden-Kreis auf maximal 500 Praxen zu erweitern. Sollte bis zum 1. Dezember keine funktionale Verbesserung beim E-Rezept erfolgen, werde sich auch die KVWL lautstark und mit Protest vom Projekt verabschieden, so Tappe. „Was nicht funktioniert, kann nicht bedient werden.“
So funktioniert das E-Rezept
Das E-Rezept soll den heutigen „rosa Zettel“ für alle Verordnungen von apothekenpflichtigen Arzneimitteln ersetzen. Nach der Untersuchung erstellt der Arzt ein elektronisches Rezept. Dieses wird im Gesundheitsnetz sicher und verschlüsselt gespeichert. Zu jedem E-Rezept wird automatisch ein Rezeptcode (QR-Code) erstellt. Dieses können Patienten entweder mit der App der gematik öffnen oder als Ausdruck von der Praxis erhalten. Für die Anmeldung in der App wird ein NFC-fähiges Mobilgerät (ab Android 7 oder iOS 14) sowie eine Gesundheitskarte mit Zugangsnummer und PIN benötigt. Der Rezeptcode wird dann in der Apotheke vorgezeigt, um die entsprechenden Medikamente zu erhalten.

