Insektensterben

Wenn nützliche Störenfriede fehlen: Immer weniger Wespen

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In diesem Sommer sind weniger Wespen unterwegs: Das hängt auch mit dem allgemeinen Insektensterben zusammen, erklärt Dr. Ludwig Erbeling.
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Am heimischen Kaffeetisch und auch an den Kuchentheken mag es manchem schon aufgefallen sein – 2023 gibt es weniger Wespen. Das feuchte Frühjahr ist dabei nur ein Faktor. Auch Pflanzenschutzmittel sorgen für einen Rückgang vieler Insektenarten, nicht nur der Wespen.

Plettenberg – „Dass es weniger Wespen gibt, hängt auch mit dem allgemeinen Insektensterben zusammen“, sagt Insektenexperte Dr. Ludwig Erbeling. Für das Zukunftsfestival „Buntes Lünsche“ im Juni in Lüdenscheid hatte Erbeling zwei Käferkästen vorbereitet, um so das Insektensterben zu veranschaulichen. In dem einen waren ca. 200 Käfer, in dem anderen 50. „Das hat die Leute schon berührt“, sagt Erbeling.

„Wenn man früher auf der Autobahn unterwegs war, musste man alle paar hundert Kilometer die Scheibe von den ganzen Insekten freikratzen, heute sind fast keine mehr dran“, sagt der Plettenberger. Um etwa zwei Drittel sei die Zahl der Insekten zurückgegangen, so Erbeling und nennt einige Beispiele. 40 heimische Bienenarten seien inzwischen ausgestorben, ebenso 13 Hummelarten, und auch bei den Wespen seien zwischen zwei Dritteln und drei Vierteln der Arten nicht mehr da.

Dass Wespen gerade dann, wenn man am Kaffeetisch sitzt und Kuchen isst, lästig sein können, sagt auch Erbeling. Bei den Störenfrieden handelt es sich vorwiegend um die Arten Gemeine und Deutsche Wespe – auf Latein Vespula Vulgaris bzw. Germanica. Übrigens: Die aus abgeraspeltem Holz bestehenden Wespennester stammen von anderen Arten, die sich nicht für den Kaffeetisch interessieren. Die Gemeine und die Deutsche Wespe legen nämlich Erdnester an.

Wenn man sich jedoch richtig verhalte, wenn sie dann doch einmal stören, könne aber eigentlich nichts passieren. Zudem sind die vermeintlichen Störenfriede durchaus nützlich.

„Jede Art hat ihren besonderen Stellenwert im Ökosystem, und sei es nur als Nahrung für einen anderen, etwa Raupen für Vögel“, erläutert Erbeling. Auch die Gemeine und die Deutsche Wespe sind räuberische Arten, das heißt, sie fressen andere Insekten.

Ausfall einzelner Arten

Die einzelnen Arten seien in der Nahrungskette untereinander verwoben und voneinander abhängig. „Wenn einzelne Arten ausfallen, kann dieses System zusammenbrechen, weil andere Arten dann nichts zu fressen haben und wieder andere nicht reguliert werden“, verweist Erbeling auf die Empfindlichkeit des Ökosystems.

Darüber, dass die Zahl der Wespen in diesem Sommer gesunken ist, könne man nur Vermutungen anstellen, so der Insektenexperte: „Erst einmal hatten wir einen feuchten Frühling, außerdem sind verschiedene Krankheiten aufgetreten. Ein anderer Faktor sind die Neonicotinoide, also Pflanzenschutzmittel, wobei man ,Pflanzenschutz’ in Anführungszeichen setzen muss.“

Auswirkungen

Das auch durch den Einsatz solcher Insektengifte mit verursachte Insektensterben betrifft den Menschen auch direkt, denn viele Arten dienen als Bestäuber, neben Bienen auch Hummeln, Wespen und Schmetterlinge. „Wenn Pflanzen nicht bestäubt werden, hat das große Auswirkungen auf die Produktion von Lebensmitteln“, so Erbeling. In China werden Blüten teilweise schon mit Pinzetten und Pinseln bestäubt, um das Fehlen der Insekten, die diese Aufgabe sonst ausfüllen, auszugleichen.

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