VonMarkus Wilczekschließen
Die Insolvenz des Familienunternehmens Gerhardi Kunsttofftechnik in Lüdenscheid trifft die gesamte Stadtgesellschaft. Die Politik äußert ebenfalls ihre Sorgen.
Lüdenscheid – „Das ist erschütternd, für alle Beschäftigten eine Katastrophe“, stellte Ralf Schwarzkopf, Chef der Lüdenscheider CDU und Abgeordneter im Landtag fest, „mein Mitgefühl gilt im Moment allen Betroffenen. Ich kann mir gut vorstellen, welche Sorgen und Ängste sie nun haben. Ich hoffe, dass beide Tarifparteien gemeinsam etwas auf den Weg bringen, auf einen Weg, der herausführt aus der Insolvenz. Ich hoffe, dass es weitergeht.“
Insolvenz von Gerhardi: „Ein schlechtes Zeichen für Lüdenscheid und die gesamte Region“
Für Schwarzkopf kommt diese Entwicklung, so sehr sie ihn auch erschüttert, nicht überraschend. „Wenn man hört, dass VW und Ford Stellen abbauen, musste man mit so etwas rechnen“, sagt der CDU-Mann, „wir haben eine Krise in der Autoindustrie, die keine konjunkturelle mehr ist, sondern eine strukturelle. Hierauf wird die Politik Antworten finden müssen – für den Erhalt der Wirtschaftsstandorte und gegen die Deindustrialisierung.“
Auch Lüdenscheids Bürgermeister Sebastian Wagemeyer zeigte sich betroffen: „Die Gerhardi Kunststofftechnik GmbH hat Insolvenz angemeldet. Das ist in vielerlei Hinsicht eine schlechte und bedenkliche Nachricht. Zu allererst für die vielen Beschäftigten und ihre Familien, weil sie um ihren Arbeitsplatz bangen und sich um ihre Zukunft sorgen müssen und natürlich für das Unternehmen selbst. Für eine solche Nachricht gibt es generell keinen guten Zeitpunkt. In der Vorweihnachtszeit allerdings, in der sich die Menschen auf das frohe Fest und gemütliche Festtage im Kreise ihrer Liebsten einstimmen, ist ein solcher Schritt ohne jede Frage besonders schmerzhaft“, stellt Wagemeyer fest.
Und weiter: „Die angemeldete Insolvenz ist auch ein schlechtes Zeichen für Lüdenscheid und die gesamte Region. Weil wir hier nicht nur von einem Traditionsunternehmen sprechen, sondern von einem der größten und bedeutendsten Arbeitgeber. Weil die Zeiten und Zukunftsaussichten für die vielen Zulieferbetriebe hier bei uns alles andere als einfach sind. Als Stichworte seien nur die Vollsperrung der A45 bei Lüdenscheid, die anhaltende Inflation und nicht zuletzt die Krise der Automobilindustrie genannt. Und weil unsere Region zu denen gehört, die dringend den Strukturwandel meistern müssen – und dabei dringend auf Hilfe von oben angewiesen sind.“
Der Bürgermeister definiert für sich die wesentlichen Punkte, die nun zu tun sind. Im Wortlaut:
1. Ich hoffe, dass die Entscheiderinnen und Entscheider einen kühlen Kopf bewahren und einen ebenso schnellen wie zukunftsfähigen Ausweg aus dieser schwierigen Situation finden. Selbstverständlich geht es dabei um Zahlen und Kalkulation. Es geht aber vor allem auch um Menschen, die nicht nur Beschäftigte sind, sondern das Herz und das Fundament dieses Unternehmens. Vor allem für sie und ihre Familien braucht es faire Lösungen und eine gute Perspektive.
2. Unsere Region ist auf Unterstützung angewiesen. Das ist weder ein Geheimnis noch eine Tatsache, die erst seit kurzem bekannt ist. Südwestfalen ist die drittgrößte Wirtschaftsregion Deutschlands – und damit ein wesentlicher Treiber für den Wohlstand. Hier stellen zahlreiche Unternehmen, darunter einige Weltmarktführer, Produkte her, die in der ganzen Welt benötigt und wegen ihrer hohen Qualität geschätzt werden. Südwestfalen und die hier lebenden und arbeitenden Menschen haben die Unterstützung verdient, die es braucht, um den Strukturwandel bewältigen und sich nachhaltig und zukunftsfähig aufstellen zu können. Hierfür braucht es die entschiedene, schnelle und möglichst unbürokratische Unterstützung der Landes- und Bundespolitik. Zumal die gesamte Region bereits seit drei Jahren unter den Folgen der A45-Vollsperrung bei Lüdenscheid leidet, die Unternehmen und Menschen täglich unverschuldet wahnsinnig viel Zeit, Nerven, Geld und auch Wohlstand und Perspektive kostet.
3. Die schwierige Wirtschaftslage, die Krise der Automobilindustrie und die Inflation treffen unsere Zuliefererbetriebe hier in Südwestfalen besonders hart. Auf Bundesebene muss dringend über die Regelungen für das Kurzarbeitergeld gesprochen werden. Wir brauchen Anpassungen, um weitere Insolvenzen, Pleiten und damit einhergehend auch Wellen von Kündigungen vermeiden zu können. Sowohl die Bundesregierung als auch die Opposition müssen sich dieses Themas umgehend annehmen und im Interesse der Unternehmen, vor allem aber der vielen Beschäftigten geeignete Lösungen finden. Das sollte passieren, noch bevor Bundeskanzler Olaf Scholz die Vertrauensfrage stellt.
4. Keine Frage, die Automobilkonzerne erleben schwierige Zeiten. Aber sie müssen sich auch ihrer Verantwortung bewusst werden und ihre Geschäftspolitik überdenken. Es kann und es darf nicht sein, dass die Konzerne kurzfristig, so wie jetzt bei Gerhardi anscheinend geschehen, große Aufträge stornieren und dafür nicht einmal Entschädigungen zahlen. Mit diesem Vorgehen – und es ließen sich weitere Verfehlungen nennen – schaden sie den vielen kleinen Zulieferbetrieben... Die Konzerne schaden der Basis, auf die sie selbst angewiesen sind – und graben sich damit nach und nach auch selbst das Wasser für die Zukunft ab. Und das wiederum schadet nicht nur unserer Region, sondern auch dem gesamten Wirtschaftsstandort Deutschland.
Auch die Gewerkschaft hat sich bereits zur Gerhardi-Insolvenz geäußert. Für die hat der Erhalt der Arbeitsplätze oberste Priorität.
