VonMarvin K. Hoffmannschließen
Marc Friedrich aus Nordrhein-Westfalen ist regelmäßig im Kriegsgebiet in der Ukraine. Er rettet kranke oder verletzte Kinder. Dabei begibt er sich in Lebensgefahr.
Hamm – Der kleine Nikita liegt auf einem Krankenbett, seine Haut ist blutig, schorfig und stellenweise verbrannt. Neben ihm hält seine Mama Wache, der Blick müde und leer, Pflaster und blutige Kratzer im Gesicht. Nikita ist eines der Opfer des russischen Angriffs auf ein Kinderkrankenhaus in Kiew Anfang Juli 2024. Sein Retter, Marc Friedrich, kommt aus NRW. Er sagt: „Krieg darf nie zum Alltag werden – doch genau das ist in der Ukraine geschehen. Ich glaube, ein Großteil der deutschen Bevölkerung fühlt sich zu sicher. Aber: Die Ukraine ist verdammt noch mal nicht weit entfernt.“ Bilder wie dieses erinnern uns daran – und Friedrich weiß, wovon er spricht.
Retter kommt aus NRW: Marc Friedrich erlebt die Grausamkeit des Ukraine-Kriegs
„Kein Kind kann diesem Krieg mit seinen nicht nachlassenden Angriffen entkommen. Der Krieg raubt ihnen die Kindheit. Für viele sind Bombenalarm, Angriffe und Angst zu einem zermürbenden Dauerzustand geworden“, bestätigt Christine Kahmann gegenüber wa.de. Die UNICEF-Sprecherin führt weiter aus: „Sie werden mit Tod und Verlust konfrontiert. Sie müssen aus ihrem Zuhause fliehen. Ihre Häuser, Spielplätze, Schulen und Krankenhäuser werden beschädigt oder zerstört.“ Die Kinder trifft der russische Angriffskrieg in der Ukraine sicherlich am heftigsten – doch Marc Friedrich aus Essen in Nordrhein-Westfalen will das nicht hinnehmen.
Gemeinsam mit seinem Team und der von ihm gegründeten Organisation Ambulance for Kids, für die sein Nachbar sogar einen besonderen Oldtimer verkaufen will, hat der Notfallsanitäter mit Spezialisierung auf Kinderintensivtransporte schon allein über 25 Kinder gerettet – insgesamt sind es nach eigenen Angaben sogar über 100. Seinen Job hat der Mann aus Burgaltendorf dafür aufgegeben. „Die Kinder können am allerwenigsten für diesen Krieg“, sagt der 45-Jährige im Gespräch mit wa.de. Regelmäßig ist er im Kriegsgebiet und sogar in direkter Frontnähe – ausgerüstet mit Stahlhelm und schusssicherer Weste – im Einsatz, um jene zu retten, die am meisten leiden.
„Kein Kind in der Ukraine bleibt vom Krieg unberührt. Immer wieder kommt es zu Angriffen im ganzen Land“, erklärt UNICEF-Sprecherin Kahmann. Besonders dramatisch sei die Lage der Kinder und ihrer Familien in den umkämpften Gebieten im Süden und Osten des Landes, wie beispielsweise in der Region Charkiw, in Sumy und Donezk. Seit einigen Tagen wüten aber auch wieder verstärkt Drohnen und Raketen über dem gesamten Gebiet der Ukraine.
Grausame russische Angriffe treffen Kinder in der Ukraine hart
Erschreckende Zahlen zeigen die gesamte Grausamkeit der russischen Angriffe. „Seit Februar 2022 wurden mindestens 2000 Kinder in der Ukraine getötet oder verletzt“, sagt Kahmann und erklärt: „Dies sind lediglich die Zahlen, die die Vereinten Nationen unabhängig überprüfen konnten.“ Die tatsächliche Zahl sei wahrscheinlich weit höher. Sie ergänzt: „Zwischen Januar und Juni 2024 wurden nachweislich 44 Kinder getötet und 224 Kinder verletzt.“
Kindern in der Ukraine helfen
„Helfen kann man den Menschen in der Ukraine sicherlich durch Sachspenden. Da gibt es verschiedene Organisationen, die die Hilfsgüter entsprechend verteilen“, sagt Marc Friedrich. „Wir von Ambulance for Kids sind eher auf finanzielle Unterstützung angewiesen – unsere Einsätze verschlingen enorm viel Geld“, sagt er. Der Grund: „Die Straßen in der Ukraine sind durch den Krieg zum Teil extrem zerstört, dadurch müssen unser Rettungswagen und unser Begleitfahrzeug viel öfter in die Werkstatt. Allein der RTW hat jetzt schon über 452.000 Kilometer ‚auf dem Buckel‘ – da werden wir auf kurz oder lang sicherlich ein neues Gefährt benötigen.“
Die zahlreichen Raketen und Drohnenangriffe auf die gesamte Ukraine verursachen dabei selbstredend auch heftige Schäden an der Infrastruktur. Immer wieder kommt es in Teilen der Ukraine zu Stromausfällen, auch die Wasserversorgung ist mitunter problematisch. Ein Problem, das auch zunehmend Marc Friedrich und sein Team von Ambulance for Kids beschäftigt.
Essener evakuiert schwerkranke Kinder aus der Ukraine
Gerade Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sind auf eine reibungslose Strom- und Wasserversorgung angewiesen. „Zu Beginn des russischen Angriffs war der Anteil der Kinder, die an akuten Kriegsverletzungen litten, höher“, sagt Friedrich. Mittlerweile seien es eher schwerkranke Kinder, „die wir aus den Regionen herausholen, weil vor Ort aufgrund der anhaltenden russischen Angriffe die Infrastruktur nicht mehr vorhanden ist, um ihnen zu helfen“. Oft befinden sich diese Orte in direkter Frontnähe. Dort, wo die russischen Angriffe am verheerendsten sind.
„Einmal waren wir in Charkiw unterwegs und sollten Familien mit Medikamenten versorgen. Das war wirklich sehr nah an der Front, schon in der roten Zone – dafür benötigt man sogar eine besondere Genehmigung“, erzählt Friedrich. Schon nach der zweiten Familie haben er und sein Team den Einsatz abbrechen müssen, weil eine russische Drohne sie entdeckt habe.
Schwere Vorwürfe gegen russische Soldaten
Gegen Russlands Autokraten Wladimir Putin und dessen Schergen, denen schon diverse Kriegsverbrechen – wir alle haben noch die grausamen Bilder aus Butscha vor Augen – vorgeworfen werden, erhebt auch Friedrich schwere Vorwürfe: „Ich habe mich gegen ein rotes Kreuz auf den Fahrzeugen entschieden, weil ich schon immer wieder erlebt habe, dass russische Truppen gezielt Sanitätsfahrzeuge angreifen. Trotzdem sind wir klar als Rettungsfahrzeuge zu erkennen – das interessiert die Russen aber nicht.“
Wenn sie Drohnen am Himmel entdecken, reagieren die Helfer von Ambulance for Kids daher blitzschnell. Friedrich schildert dramatische Szenen. „Ein Begleiter hatte Rauchgranaten dabei und uns eingenebelt, ein anderer Experte mit militärischer Erfahrung hat Anweisungen gegeben“, sagt er und setzt nach: „Ich bin noch nie so schnell um mein Leben gefahren wie an diesem Tag.“
Die Straße ist durch Artilleriefeuer bereits zerstört, Friedrich muss zahlreichen Schlaglöchern ausweichen. Ein Video aus dem Innern des Pick-Ups, der den Kinder-Krankenwagen als Begleitfahrzeug bei den Evakuierungsfahrten unterstützt, dokumentiert diese holprige Fahrt.
Retter aus NRW begibt sich in Lebensgefahr an der Front
„In diesem Moment habe ich funktioniert, um mein Team und mich aus der Gefahrenzone herauszubringen“, erzählt Friedrich. Der Lebensretter aus NRW befand sich selbst in Lebensgefahr. „Als wir in Sicherheit waren, habe ich erst richtig realisiert, wie knapp das war. Da habe ich schon weiche Knie bekommen“, sagt er.
Nicht nur die Straßen in der Ukraine sind zerstört, ganze Städte wurden bereits dem Erdboden gleichgemacht. „Tausende Menschen sind wegen der Angriffe auf der Flucht in andere Teile der Region oder Gebiete des Landes“, weiß auch UNICEF-Sprecherin Kahmann. Den Schaden, den die Kinder dadurch nehmen, lässt sich noch nicht beziffern.
Notfallsanitäter aus NRW rettet Kinder im Ukraine-Krieg




„Der Krieg hat Auswirkungen auf das gesamte Leben der Kinder“, sagt sie. So seien beispielsweise die Folgen für ihre Bildung verheerend: Jedes zweite Kind könne nicht regelmäßig am Präsenzunterricht teilnehmen. Für rund 900.000 Kinder sei zudem der Präsenzunterricht wegen der Gewalt gar nicht möglich, insbesondere in Frontgebieten. „Die Bildung, die Zukunftschancen und das soziale Miteinander einer ganzen Generation Kinder sind dadurch in Gefahr“, erklärt Kahmann.
Kinder leiden besonders unter Folgen des Ukraine-Kriegs
Je länger der Krieg dauert, desto schwerwiegender seien zudem die Folgen für die Psyche der Kinder. „Isolation und die ständige Sorge um ihre Angehörigen haben schwere Auswirkungen auf ihre seelische Verfassung“, führt die UNICEF-Sprecherin weiter aus. Die Hälfte der Jugendlichen würde von Schlafstörungen berichten, und jeder fünfte leide unter belastenden Gedanken und Flashbacks.
Ähnliche Beobachtungen macht auch Friedrich im Kriegsgebiet selbst. „Es wird in den kommenden Monaten und Jahren unheimlich viel auf die Ukraine zukommen, das kann man jetzt noch gar nicht vorhersagen. Die Kinder leiden und haben psychische Probleme. Der Krieg verwundet sie auch seelisch“, sagt er.
Ein Grund mehr, warum er sich in tödliche Gefahr begibt, um möglichst viele Kinder-Leben in der Ukraine zu retten. Auch wenn sein eigenes Leben dadurch gefährdet wird. Was die Familie dazu sagt? „Meine Beziehung ist kurz vor dem Krieg in die Brüche gegangen, Kinder habe ich keine. Insofern stehe ich da nicht in der Verantwortung“, meint Friedrich. Seine Familie sei anfangs trotzdem nicht begeistert gewesen. „Mittlerweile habe ich meine Mutter aber so weit, dass sie uns Frikadellen und Nudelsalat für die Auslandseinsätze macht – ich glaube, sie ist stolz auf das, was ihr Sohn tut“, sagt er.
Rubriklistenbild: © Ambulance for Kids


