VonSarah Hankeschließen
Tiere bauen in einem Soester Seniorenheim Brücken und schenken Freude. Die Ausbildung der Hunde startet bald.
Soest – Am Morgen übten die Senioren des Perthes-Zentrums am Soester Bleskenweg fleißig „Rote Lippen soll man küssen“. Am Nachmittag verteilte dann Hündin „Peppa“ Küsschen an die betagten Damen und Herren.
„Das hier war auch damals unsere erste Einrichtung“, erzählt Besitzerin Ramona Sticht. Mit ihrem Labi-Mix gehörte sie mit zu den allerersten, die die Besuchshunde-Ausbildung beim gemeinnützigen Verein „Tiere bauen Brücken“ absolvierte. „Circa ein halbes Jahr nach der Ausbildung sind wir gestartet und sind seitdem dabei“, sagt Sticht. Die Arbeit mit Menschen mache Peppa einfach richtig Spaß. Und der überträgt sich wiederum schnell auch auf den Menschen.
So wird das Mensch-Hund-Team am Dienstag von den zehn Bewohner mit Demenzerkrankung im Flur der dritten Etage von Haus 2 freudig in Empfang genommen. „Da bist du ja wieder!“, tat eine Dame sofort ihre Begeisterung kund. „Sollen wir jetzt ein Ständchen singen? Wir haben ja heute morgen schon geübt.“
Und dann geht es auch schon los. Es wird gestreichelt, gekuschelt, Küsschen verteilt und sogar Ball gespielt. Peppa legt den Ball direkt in den Schoß derjenigen, die im Rollstuhl sitzen und nun mit ihr spielen sollen. Eine Bewohnerin, die gerade für einen „Nap“ eingenickt war, holte der Labi-Mix so schnell wieder ab. Eine andere Dame im Rollstuhl fixiert den vor ihr spielenden Hund und lockert ihre sonst eher verkrampfte Hand, um den schwarzen Vierbeiner streicheln zu können.
Durch die Anwesenheit des Hundes steigt der Oxytocin-Spiegel“, erklärt Nicole Warnke, die beim Verein „Tiere bauen Brücken“ mit Sitz in Herzfeld für die Besuchshund-Ausbildung zuständig ist. Das „Liebes- oder Kuschelhormon“ spielt eine Schlüsselrolle in der Beziehung zwischen Mensch und Hund.
„Der Cholesterinspiegel und der Blutdruck sinken“, erklärt Warnke. Das funktioniere jedoch nur, wenn die Menschen keine Hunde-Panik haben. Denn die kommt bei Senioren durchaus vor. „Hitler hat auf die Verfolgten ja auch scharfe Hunde gehetzt“, erklärt Warnke.
Tiere bauen Brücken: Erinnerungen an eigene Vierbeiner
Doch bei einigen Senioren, die mal selbst einen Hund hatten, wecken die Vierbeiner wie Peppa eben auch positive Gefühle. So wie bei einer Dame, die erst seit drei Monaten im Perthes-Zentrum lebt. Sie stamme aus einem Dorf in Soest und sei mit ihrem Golden Retriever „Eddie“ noch selbst Gassi gegangen. „So wie beim Singen werden ganz tief schlummernde Erinnerungen geweckt“, sagt Marion Johnsen vom Sozialen Dienst. Während alltägliche Handlungen den Menschen mit Demenz eher schwer fallen, sprudeln die Texte aus ihnen heraus, sobald jemand ein Lied anstimmt.
„Das ist mit dem Hund genauso“, so Johnen. Die Bewohner seien aufmerksamer, gesprächiger und hätten für die „putzige Peppa“ auch ein Lächeln übrig.
Und genau darum geht es bei der tiergestützten Arbeit. „Ziel ist es nicht, dass sich bei den Menschen geistig etwas verändert, sondern darum, bei ihnen für Wohlbefinden zu sorgen“, sagt Warnke.
Tiere bauen Brücken: Nächste Begleithund-Ausbildung startet bald
Menschen, die mit ihrem Tier auch solche besonderen Brücken bauen und kranken Menschen eine Freude bringen möchten, haben ab dem 9. bzw. 10. September 2023 die Gelegenheit dazu. Denn dann startet beim Verein die nächste Begleithund-Ausbildung. Sie findet an drei Wochenenden mit Praxisanteilen dazwischen statt. Die Übungen beinhalten Theorie und Praxis. Die Kosten für die Ausbildung übernimmt der Verein. Das Mensch-Tier-Gespann verpflichtet sich im Gegenzug dazu, im Anschluss freiwillig die Einrichtungen zu besuchen. Bevor die Ausbildung starten kann, müssen die Hunde getestet werden: Sie sollten freundlich den Menschen gegenüber sein, sich anfassen lassen und ein geringes Dominanz- und Territorialverhalten haben.
Kontakt
Nicole Warnke
Tiere bauen Brücken e. V.
Telefon: 0176 50901397
E-Mail: info@tiere-bauen-bruecken.de
Internet: www.tiere-bauen-bruecken.de
Die Teams im Verein seien dabei vielseitig aufgestellt. Einige arbeiten mit älteren Menschen, andere mit Kindern, im Hospizdienst oder psychisch erkrankten Menschen.
Seit drei Wochen besucht Warnke einen Patienten, der seit einem Unfall vor acht Jahren im Wachkoma liegt. Als sie Hand und Arm des Patienten mit Frischkäse einschmierte, nahm er das Abschlecken des Hundes wahr und reagierte mit Augenbewegungen. „Ich hatte Tränen in den Augen“, sagt Warnke. Sie sei immer ganz in dem Moment, wenn sie bei den Menschen ist. Künftig plant der Verein, den Wirkungskreis in Richtung Paderborn zu erweitern.
