„Am Anfang waren wir überrascht“

Schmerzen im Rampenlicht: Promi Sophia Thomalla „heimlich“ in Hamm

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Medien-Promi Sophia Thomalla konfrontiert sich mit chronischen Schmerzen. In Hamm spricht sie mit betroffenen Patienten. KMT-Chefarzt Jens Adermann verrät die Hintergründe des ungewöhnlichen Besuchs.

Hamm - Ungewöhnlicher Arbeits- und Patienten-Besuch in der Hammer KMT: Sophia Thomalla war da, und mit ihr ein Fernsehteam von RTL. Diesmal ging es nicht nur darum, den umtriebigen Social-Media-Star gut aussehen zu lassen, sondern fundiertes medizinisches Wissen launig und spannend zu präsentieren.

Für die Dokumentation „Schmerz lass nach“ unterzog sich die fachfremde 34-Jährige einem Selbsttest: Sie trug Schmerzsimulatoren und nahm während dieser Zeit schmerzstillende Arzneimittel und Opiate, auch um deren Nebenwirkungen hautnah zu erfahren. In Hamm lernte Thomalla die „Multimodale Schmerztherapie“ kennen und sprach mit Patientinnen. Eindrücke dieser Zeit in der Klinik sind Teil des 80-minütigen Beitrags.

Sophia Thomalla in der KMT

Seit Mitte November ist er bei RTL+ zu sehen bzw. online abzurufen. Das funktioniert dank der Strahlkraft Thomallas trotz Nutzergebühr offenbar bestens. Jedenfalls hat der Sender nach eigenen Angaben keinerlei Ambitionen, die Doku ins Free-TV-Angebot zu holen. Auf Youtube gibt es außerdem zwei Stern-TV-Beiträge zum Thema (hier klicken).

Dr. Jens Adermann schaut sich den Beitrag auf seinem Computer an. Links auf dem Monitor ist Sophia Thomalla beim Besuch in der KMT zu sehen. Pressefotos wurden während der Dreharbeiten in Hamm leider nicht produziert.

Dr. Jens Adermann, Leiter der KMT (Klinik für Manuelle Therapie), bedauert die Einschränkung durch die Bezahlschranke zwar. Gleichzeitig freut er sich darüber, dass das Thema „chronische Schmerzen“ auf diese Weise überhaupt eine Öffentlichkeit bekommt, die durch das Gesicht von Sophia Thomalla noch deutlich breiter wird. Warum er so zufrieden ist und welche Herausforderungen der Heimlich-Dreh mit dem begehrten Promi erforderte, erzählt der 43-Jährige im Interview.

Sophia Thomalla in der KMT - Interview mit Chefarzt Adermann:

Ein starker Fokus des RTL+-Beitrags liegt auf der schmerztherapeutischen Arbeit der KMT in Hamm – inhaltlich und optisch. Bedauern Sie es, dass er nur online und nur gegen Bezahlung zu sehen ist?
Dr. Jens Adermann: In Deutschland sind mehr als zwölf Millionen Menschen von chronischen Schmerzen betroffen. Als Schmerztherapeut freue ich mich darüber, dass RTL einen solch ausführlichen Beitrag zu diesem Thema produziert. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn möglichst viele Menschen Zugang zu diesem Beitrag bekämen.
Wissen Sie, wie oft der Beitrag bis heute abgerufen wurde? Ob er somit besonders erfolgreich ist?
Adermann: RTL veröffentlich leider keine Abrufzahlen. Nach eigenen Angaben hat RTL+ über vier Millionen zahlende Kunden in Deutschland, so dass man davon ausgehen kann, dass der Beitrag durchaus eine gute Verbreitung hat. Ich habe selbst einige Rückmeldungen von Patienten bekommen, die den Beitrag zufällig gesehen haben und vom Mitwirken unserer Klinik überrascht waren.
Sophia Thomalla in einer Badewanne voller Tabletten. Mit diesem Motiv bewirbt RTL die Dokumentation „Schmerz lass nach!“ für den Bezahlsender RTL+.
Ist das Ergebnis unterm Strich für Sie und Ihre Mitarbeiter gelungen und damit so, wie Sie sich das vorgestellt haben bzw. wie es Ihnen angekündigt wurde?
Adermann: Eine solche Produktion ist für eine Klinik natürlich eine enorme organisatorische Herausforderung, die viel Arbeitskraft bindet. Wir hatten schon etwas Erfahrung durch den Dreh von NDR mit dem Format „Visite“ im Jahr 2020. Den Nutzen solcher Beiträge sehe ich in erster Linie darin, dass viele Menschen für das Thema chronischer Schmerz sensibilisiert werden. Oft fehlt es an Wissen über effektive Behandlungsmöglichkeiten. Das Medium Fernsehen kann hier sinnvolle Aufklärungsarbeit leisten.
Der Beitrag ist seit 15. November 2023 online. Wie viel Zeit war bis dahin seit den finalen Dreharbeiten vergangen?
Adermann: Die Dreharbeiten in unserer Klinik fanden schon im März 2022 statt. Der interessante Ansatz des RTL-Beitrags liegt aber darin, dass die Patientin über ein halbes Jahr begleitet wurde, um den Langzeit-Effekt der Schmerztherapie zu beurteilen. Dies erklärt die langen Zeiträume.

In den Drehpausen wurde trotz des ernsten Themas beim Kaffee auch mal herzlich gelacht.

Dr. Jens Adermann über die Dreharbeiten mit Sophia Thomalla
Wann und wie lange war das RTL-Team bei Ihnen im Haus, und wann und wie lange war Frau Thomalla persönlich dabei? War sie nahbar für Sie oder eher distanziert?
Adermann: Die Patientin, die von RTL begleitet wurde, war insgesamt drei Wochen in unserer Klinik. Das Team um Sophia Thomalla kam mehrfach für einzelne Drehtage nach Hamm. Der Kontakt zur Patientin besteht übrigens auch heute noch. Der Umgang mit Sophia Thomalla war sehr freundlich. Sie hatte tatsächlich ein großes Interesse am Thema Schmerz und viele Fragen gestellt. Und in den Drehpausen wurde trotz des ernsten Themas beim Kaffee auch mal herzlich gelacht.
Welchen Aufwand brauchte es, um die Arbeit mit dem Promi Thomalla vor neugierigen Patienten „geheim“ zu halten, und ist das stets gelungen?
Adermann: Wie schon gesagt sind solche Dreharbeiten immer eine organisatorische Herausforderung. Noch dazu natürlich, wenn eine so prominente Person wie Sophia Thomalla mit 1,4 Millionen Followern auf Instagram präsent ist. Geholfen haben uns die damals noch notwendigen Corona-Einschränkungen. So wurden im Krankenhaus damals noch Masken getragen. Die Patientinnen und Patienten, die Sophia trotzdem erkannt haben, blieben aber ganz gelassen.
Dr. Jens Adermann hat Sophia Thomalla in Hamm kennengelernt. Er war positiv angetan.
Von wem und wann war ursprünglich die Initiative zu dem Bericht ausgegangen? Wie war Ihre Einrichtung überhaupt ins Spiel gekommen?
Adermann: Wir hatten das Glück, dass RTL sich bei uns gemeldet hat und gefragt hat, ob wir bei einem solchen Projekt mitwirken möchten.

Da waren wir tatsächlich etwas überrascht und ehrlich gesagt am Anfang auch etwas skeptisch...

Dr. Jens Adermann über die Personalie Sophia Thomalla
Waren Sie überrascht, dass Frau Thomalla die Moderation übernehmen würde (sie stand ja zuvor nicht im Verdacht, fachmedizinische TV-Beiträge zu drehen…)?
Adermann: Da waren wir tatsächlich etwas überrascht und ehrlich gesagt am Anfang auch etwas skeptisch, ob dieser Spagat zwischen Unterhaltungsfernsehen und seriöser Berichterstattung klappen kann. Umso mehr freuen wir uns über das Ergebnis. Der Beitrag ist fachlich schlüssig und dennoch auch unterhaltsam, wenn man das so sagen darf.
Haben Sie besondere bzw. besonders viele Rückmeldungen infolge des Beitrags ausgemacht? Haben Sie den Eindruck, dass er die KMT deutschlandweit (noch) bekannter gemacht hat?
Adermann: Es ist schwierig messbar, ob dieser Beitrag zu mehr Bekanntheit der KMT geführt hat. Insbesondere wenn es keinen definierten Sendetermin gibt, nachdem man die Telefonanrufe oder Abrufzahlen der Webseite auswerten könnte. Die KMT ist aber voll ausgelastet. Die Nachfrage ist höher als die Therapiekapazität.
Apropos: Wie groß ist der Einzugsbereich/Radius der in Hamm betreuten Patienten überhaupt?
Adermann: Unser Einzugsgebiet ist ganz Deutschland, wobei mehr als die Hälfte der Patientinnen und Patienten aus NRW kommt.
Wie lange müssen Schmerzpatienten im Schnitt warten, bis sie bei Ihnen behandelt werden können?
Adermann: Die Wartezeit beträgt im Schnitt etwa drei Monate, wobei auch die medizinische Dringlichkeit entscheidet.
Und abschließend: Wieviele Einrichtungen in Deutschland sind mit der KMT vergleichbar?
Adermann: Die KMT ist Mitglied in der „ANOA“, einer Arbeitsgemeinschaft für orthopädisch-manualmedizinische Schmerzkliniken. Darin sind 35 Kliniken in Deutschland organisiert. Wobei die KMT spätestens mit der Einweihung des Neubaus im Mai die größte Einrichtung dieser Art in Deutschland sein wird.

„Schmerzpatientin“ Sophia Thomalla bei Stern TV:

Sophia Thomalla

Für die 1989 in Berlin als Tochter von Schauspielerin Simone Thomalla geborene Sophia Thomalla existieren etliche Berufsbezeichnungen, darunter Schauspielerin, Moderatorin, Model, Werbegesicht, It-Girl und Investorin. Vor allem über die sozialen Medien hat sie enorme Reichweiten: Auf Instagram folgen ihren Posts fast 1,4 Millionen Fans. Seit 2021 ist Thomalla mit Tennisspieler Alexander Zverev liiert, zu ihren Verflossenen zählen Till Lindemann („Rammstein“), Loris Karius (Fußballer) und Gavin Rossdale (Musiker, „Bush“).

Die KMT

Die 1963 gegründete Klinik für Manuelle Therapie Hamm (KMT) im Hammer Osten ist heute eines der größten Schmerzzentren in Europa. Schmerzen aller Art werden behandelt; es steht das komplette Diagnostik- und Therapiespektrum moderner Schmerzmedizin zur Verfügung. Die KMT sieht ihre Aufgabe auch darin, Schmerzpatienten verloren gegangenes Selbstvertrauen zurückzugeben. Ab Mai 2024 kann ein neuer, 20 Millionen Euro teurer Anbau genutzt werden. Seit sechs Jahren ist Dr. Jens Adermann (43) ärztlicher Leiter der KMT, ebenso lange wohnt er in Hamm. Zuvor war er Leipzig, Hamburg und im Schwarzwald tätig.

Rubriklistenbild: © Simon Kottmann

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